Grenchen
150 Teddys im Zimmer: Er ist der Bärenkönig vom «Kastels»

Ernst Kammermann liebt Teddybären. In seinem Zimmer im Alterszentrum Kastels wohnt er zusammen mit 150 Teddybären.

Lucilia Mendes von Däniken
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Ernst Kammermann und seine Teddys in seinem Zimmer im «Kastels».

Ernst Kammermann und seine Teddys in seinem Zimmer im «Kastels».

Wenn man Ernst Kammermann zuhört und gleichzeitig beobachtet, staunt man: Wer so viel Trauriges im Leben mitmachen musste, von dem erwartet man nicht so viel Schalk, so viel Freude am Leben und so viel Interesse an seinem Gegenüber.

Wenn Ernst Kammermann erzählt, dann schmunzeln die Augen mit. Augen, die nur noch 8% Sehvermögen haben. Trotzdem gehört das Fernsehschauen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.

Er informiert sich gerne. Das Thema Wirtschaft interessiert ihn besonders, da weiss er Bescheid, und er liebt es, zu fachsimpeln. Er erzählt allgemein gerne, schäkert mit den Pflegerinnen und wiederholt gerne immer wieder mit einem Augenzwinkern, dass er «Brieffreundinnen» hat. Mehrere davon. Einige seit vielen Jahren. «Eine ist Polizistin», verkündet er nicht ohne Stolz. Und wenn er erzählt, dann lacht er viel und gibt den Zuhörenden viel Grund zum Mitlachen.

42 Jahre in der Fraisa

Dies ist nicht selbstverständlich, wenn man seine Geschichte hört. Mit 3 1⁄2 Jahren war er Opfer eines schweren Autounfalles. Man brachte ihn zuerst ins Bürgerspital Solothurn, danach ins Inselspital Bern. Dort teilte der zuständige Arzt seinem Vater mit, dass es keine Hoffnung mehr gebe für Ernst. Da holte der Vater den Lieblings-Teddybären seines Sohnes hervor und streckte ihn ihm entgegen.

Dieser reagierte tatsächlich darauf. Über ein Jahr blieb er im Spital. Danach durfte er zwar wieder heim, aber viel hatte sich geändert. Gehen konnte er nie mehr richtig. In seiner Jugend durfte er dann in Bern eine Lehre als Hilfsmechaniker machen. Und dann kam das grosse Glück in sein Leben – Glück in Form eines Patrons, der ihm nicht nur einfach eine beliebige Arbeit gab, sondern sich so ins Zeug legte, dass für Ernst Kammermann in der Fraisa SA in Bellach ein geschützter Arbeitsplatz geschaffen wurde, wo er ganze 42 Jahre lang bleiben konnte.

Teils arbeitete er vor Ort, teils von zu Hause aus. Man hört es, wenn Ernst Kammermann von der Fraisa erzählt: Sie war und ist seine grosse Liebe. Zehn Lieder, hat er für die Fraisa gedichtet. Diese singt er, wenn es ihm nicht so gut geht. «Lass mal hören», fordert ihn seine Pflegerin auf. Doch er lacht nur und gibt zu verstehen, wie viel ihm dieser Job bedeutet hat: «Zuerst kommt meine Mutter, dann die Fraisa, dann meine Teddybären.»

Ja, die Teddybären, diese spielen eine wichtige Rolle in seinem Leben. Seit dem Erlebnis als Kind im Inselspital sind sie zu seinen treuen Freunden und Schutzengeln geworden. Schutzengel brauchte er immer wieder. Einmal hatte er einen Darmverschluss, einmal einen Augeninfarkt – und das sind nur die gröbsten aller gesundheitlichen Ereignisse, die er im Laufe all der Jahre zu überstehen hatte.

Vor 7 1⁄2 Jahren zog er zusammen mit seiner Mutter ins Alterszentrum Kastels in Grenchen. Hier scheint er sich recht wohlzufühlen. Ausflüge macht er keine mehr. Inzwischen ist zwar seine Mutter gestorben, doch alleine fühlt er sich nicht: Sein Zimmer teilt Ernst Kammermann mit inzwischen über 150 Teddybären. «Ich bin der Bärenkönig vom ‹Kastels›», verkündet er stolz.

Manche Exemplare sind schon rund 60 Jahre alt, einige ganz neu. Einer kommt aus den USA, ein anderer kann jodeln und eine ganze Reihe sind aus Schoggi. «Die kann man wohl nicht mehr essen», meint er mit einem verschmitzten Lachen.

Seine Lieblinge aber sind Nici, Franzi, Teddy und Aschi. Sie dürfen bei ihm auf dem Bett sitzen. «Die Bären hören mir jederzeit zu», erzählt er. Darauf angesprochen, wie er bei all den Tiefschlägen in seinem Leben noch so den Humor behalten hat, antwortet er: «Ich bin ein Kämpfer – ich muss kämpfen, immerhin habe ich eine grosse Familie, die mich braucht.» Sagts und schaut liebevoll seine auf acht Tablaren sitzenden Bären an.