Schon im Empfangsraum ist die Tradition sichtbar. Mit ernstem Blick schaut Fritz Schluep, erster Patron der Grenchner Titoni AG, als Bronzebüste dem Besucher entgegen. Er, der vor 100 Jahren die Uhrenfirma gründete. Und diese Geschichte will sein Enkel, Daniel Schluep, weiterschreiben. Er, der seit 1981 die Geschicke der Familienunternehmung in dritter Generation leitet.

Der hochgewachsene, schlanke Unternehmer lehnt sich auf dem Stuhl im kleinen Sitzungszimmer entspannt zurück, seine Augen hinter der feinen Brille lächeln. «Tradition steht für mich nicht für veraltet oder verknöchert. Vielmehr steht das Wort für Bewährtes, für Güter und Dienstleistungen, die sich als gut und erfolgreich erwiesen haben.»

Es genüge aber nicht, die von den Vorfahren geleistete Arbeit einfach unverändert weiterzuführen. Der Erfolg in der Zukunft bedinge eine stetige Weiterentwicklung, eine Anpassung an den über die Jahrzehnte stark veränderten Zeitgeist. «Unser oberstes Ziel ist es, die Existenz der Uhrenfirma weiterhin langfristig zu sichern», sagt Schluep.

Start im Uhrenatelier

Bei der Firmengründung im Sommer 1919 beschäftigte der gelernte Uhrmacher Fritz Schluep im kleinen Uhrenatelier drei Mitarbeitende. Die ersten mechanischen Uhren kamen unter dem Namen Felco auf den Markt. Nur ein Jahr später zählte die Belegschaft schon 15 Angestellte. Im Wissen, dass der Schweizer Markt zu klein ist, belieferte Felco von Beginn an Märkte im Ausland, unter anderem Deutschland, die USA und Japan. 1921 erfolgte die Umbenennung in Felca. Erst in den 50er-Jahren traten die Grenchner unter der Marke Titoni auf.

1945 übernahm Bruno Schluep die Leitung des Unternehmens in zweiter Generation. Seit 1981 sitzt nun sein Sohn, Daniel Schluep, am Ruder des KMU-Schiffes. «Ungeplant, war ich dannzumal doch als erst 28-Jähriger in den USA tätig», blickt er zurück. «Mein Vater ist mit 61 Jahren überraschend gestorben, es gab keine andere Nachfolgelösung.»

Es sei ein schwieriger Start in einer turbulenten Phase der Uhrenindustrie gewesen. «Die Quarzuhren haben den mechanischen Zeitmessern das Wasser abgegraben.» Als Produzent von damals ausschliesslich mechanischen Uhren sei die Herausforderung entsprechend gross gewesen. Titoni habe sich entschieden, an der bislang erfolgreichen Grundstrategie bis heute festzuhalten. «Unser Fokus war immer die mechanische Uhr im Mittelpreissegment.» Der Anteil von Quarzuhren sei bis heute nie höher als bei 10 Prozent der Gesamtproduktion gewesen. «Mit unserer Haltung lagen wir während der Uhrenkrise in den 1970er-, 1980er-Jahren im völligen Abseits zu unseren Mitbewerbern, die praktisch alle auf Uhren mit Quarzwerken umgestiegen sind», erinnert sich Schluep. Man sei auch belächelt worden. «Ja, da sind schon Zweifel aufgekommen, ob man richtig liegt. Heute können wir sagen, unsere Strategie war richtig.»

China als Hauptmarkt

Entscheidend war der Eintritt in den chinesischen Markt. Das Potenzial für den Absatz von klassischen mechanischen Zeitmessern Made in Switzerland sei frühzeitig erkannt worden – auch wenn stückweit der Zufall mitgeholfen habe, sagt Schluep lachend. Eine chinesische Einkaufsdelegation weilte Ende der 1950er-Jahre wegen anderer Produkte in der Schweiz. Dabei wollten die Chinesen unbedingt eine Schweizer Uhrenfirma besuchen. «Alle Firmen haben abgesagt, mein Vater dagegen lud die Delegation zu einer Betriebsbesichtigung ein», erzählt der Unternehmer. Kurz darauf sei die erste Bestellung der staatlichen Gesellschaft China National Light Industrial Products Import and Export Corporation auf dem Tisch gelandet. «Damals waren wir aus Schweizer Sicht ein Vorreiter für den Verkauf von Uhren in China.» Heute ist China der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt der Grenchner Uhrenfirma (siehe Kasten).

Der Geschäftsverlauf sei über alle 100 Jahre betrachtet immer von einem Auf und Ab geprägt gewesen. Dies gelte, so Schluep, auch für die jüngste Vergangenheit. In den Jahren 2002 bis 2013 habe man ein überdurchschnittliches Wachstum erzielt. Es wurden jährlich bis zu rund 160 000 Zeitmesser produziert und ein Umsatz von 60 Millionen Franken erwirtschaftet. In den Folgejahren schwächten sich die Geschäfte deutlich ab auf rund 100'000 Uhren und einen Umsatz – zu Ab-Fabrik-Preisen – auf etwa 30 Millionen Franken. Wie alle anderen Uhrenfirmen habe man die Wachstumsschwäche in China zu spüren bekommen, und die Konkurrenzsituation habe sich massiv verschärft, begründet Schluep. Es sei aber gelungen, die schwierigen Phasen dank einer «soliden Geschäftspolitik» zu überwinden.

Man habe stets mit Umsatzeinbussen kalkuliert. «Es gilt, die Kosten im Griff zu haben, zuerst sparen und dann ausgeben sowie weiterhin auf eine 100-prozentige Eigenfinanzierung zu setzen. Das wäre sonst zur Bedrohung geworden», weiss der Firmenchef. Es gebe aber kein eigentliches betriebswirtschaftliches Rezept, damit ein Betrieb wie Titoni über so lange Zeit erfolgreich am Markt operieren könne. «Es braucht die Hartnäckigkeit, an der Grundstrategie eines Unternehmens festzuhalten, kombiniert mit dem Willen, sich weiterzuentwickeln.» Der Personalbestand in Grenchen liege unverändert bei rund 60 Mitarbeitenden. Auch gebe es keine Pläne, den Standort Grenchen infrage zu stellen. Dort werden die Uhren inhouse entwickelt und designt, montiert und kontrolliert. Die mechanischen Uhrwerke werden grossteils bei der ETA und Sellita eingekauft.

Bald eigene Uhrwerke?

Eine grosse Herausforderung für das traditionsreiche Uhrenunternehmen ist die Beschaffung von Uhrwerken. Eine Vereinbarung zwischen der Swatch Group und der Wettbewerbskommission sieht nämlich vor, dass ab 2020 die ETA frei ist, welche Kunden mit Uhrwerken in welchem Ausmass und ob überhaupt beliefert werden.

«Die Entwicklung und Industrialisierung eigener Uhrwerke ist zeit- und kapitalintensiv. Für Luxusmarken ist dieser Weg unumgänglich. Aber für Uhrenhersteller in der Mittelklasse wie Titoni sind Standardwerke unabdingbar», erklärt Schluep. Deshalb setze sich Titoni intensiv mit dem Problem der Werksversorgung auseinander. Mehr will er noch nicht verraten, aber eine eigene Uhrwerksproduktion, um den Bedarf teilweise abdecken zu können, sei denkbar. Für die Zukunft der Titoni AG, welche sich unverändert zu 100 Prozent im Familienbesitz befindet, gibt sich Patron Daniel Schluep zuversichtlich.

Er weiss aber, dass der Erfolg über die letzten 100 Jahre keine Garantie ist für den Erfolg in der Zukunft. «Wir haben alle Hochachtung für die Leistung unserer Vorfahren und Mitarbeitenden – und auch Respekt vor der Zukunft. Das bedeutet für uns aber nicht Angst, sondern vielmehr eine Herausforderung.» Dazu gehört auch die Nachfolgeregelung, wie der 65-Jährige festhält. Die beiden Söhne haben Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen studiert, einer ist bereits im Unternehmen aktiv. «Sie wären prädestiniert, die Firmentradition weiterzuführen.»