Mit feinen schwarzen Stoffhandschuhen an den Händen arbeiten derzeit Peter und Liese-Lotte Peter im zweiten Stock des Fortis-Hauptgebäudes an der Lindenstrasse. Auf dem Tisch vor ihnen liegen die Meilensteine der 100-jährigen Firmengeschichte: Die erste Automatik-Armbanduhr der Welt in serieller Fertigung aus dem Jahr 1926 und die Kultuhr Flipper aus den 1970er Jahren. Sie war - noch vor der Swatch - die erste Schweizer Kunststoffarmbanduhr, die in Grosserie hergestellt wurde.

In einer kleinen Ausstellung zum 100-Jahr-Jubiläum zeigen Peter und Liese-Lotte Peter nun eine Auswahl aus der Fortis-Geschichte. 4-mal wird diese für ein breiteres Publikum geöffnet.
In einer der Vitrinen befindet sich ein originaler Weltraum-Handschuh, über dem mit speziellem Band eine Fortis-Uhr befestigt ist. Der Handschuh gehörte dem russischen Kosmonauten Vladimir Dezhurov, der damit 1995 in den Weltraum flog. «Die Marke mit dem längsten Aufenthalt im Weltraum», ist ein Slogan von Fortis. Seit 1994 ist die Grenchner Uhrenmarke die offizielle Uhr der russischen Raumfahrt. Im ganzen Fortis-Gebäude finden sich denn auch Weltraumanzüge, Bilder von Kosmonauten und Utensilien aus der Raumfahrt.

Eine eigene Vitrine ist dem vielleicht wichtigsten Abschnitt der Firmengeschichte gewidmet, der ersten Automatik-Armbanduhr der Welt. 1924 liess der Engländer John Harwood die Uhr patentieren. Nach zweijähriger vergeblicher Suche stiess Harwood bei Fortis-Gründer Walter Vogt auf offene Ohren. 1926 produzierte Fortis die erste Automatik-Armbanduhr der Welt. Diese besass keine Krone. Über die Lünette konnte die Zeit eingestellt werden. - Erst wenige Jahre zuvor kamen Armbanduhren überhaupt in Mode. Walter Vogt gründete die Fortis 1912. Nahe bei der Eisenbahnlinie bezog die Firma 1915 ihren Neubau. Dort, an der Lindenstrasse, ist sie noch immer.

Von den Rolling Stones zu Reagan

Von einem ganz anderen Abschnitt der Firmengeschichte zeugen farbige Plastikuhren. Mit der «Flipper» behauptete sich Fortis in den 1970er-Jahren mit der ersten in Grosserie produzierten Schweizer Kunststoffuhr gegen die Uhrenkrise. «Raus aus der Konvention, rein in die Kaufhäuser» war laut Liese-Lotte Peter die Strategie von Rolf Vogt. Die Uhren waren farbig, Armbänder und Lünetten konnten ausgewechselt werden. «Rolf Vogt war sehr mutig», sagt Peter. Die Flipper war auch als Quarzuhr erhältlich und wurde so zum Marketingerfolg. Die Überlebensstrategie funktionierte. Die Rolling Stones trugen eine Flipper, Leonard Bernstein und auch Roger Moore. Zum Wahlkampf von Ronald Reagan gab es eine Spezialausgabe mit dem Konterfei des Präsidentschaftskandidaten auf dem Zifferblatt.

Letztlich war es auch die Flipper, die die Hannoveraner Peter und Liese-Lotte Peter 1982 zur Fortis brachten. «Fortis war nur auf ein Produkt reduziert», sagt Liese-Lotte Peter. Die Marketing-Fachleute erkannten das Potenzial der Marke.

Klassische Fliegeruhr

«Internationale Geltung im Design» ist einer der Ansprüche von Liese-Lotte Peter. Auf Retro-Design verzichtet Fortis bewusst. «Wir wollen authentische Produkte, die den Zeitgeist einfliessen lassen», erklärt Peter. Die kürzlich vom Volkswagen-Design Team gestaltete Uhr hat Anfang Januar neben fünf weiteren Auszeichnungen den renommierten amerikanischen Good-Design Preis, der 1950 von Charles und Ray Eames ins Leben gerufen wurde, erhalten. Die klassische Fliegeruhr von Fortis wird seit Mitte der 1980er-Jahre praktisch unverändert produziert und hat einen Preis für nachhaltiges Design erhalten.

Zum Jubiläum baut Fortis den ersten Chronografen mit mechanischem Alarm, Gangreserve-Anzeige und zweiter Zeitzone. Und: Fortis kehrt wieder auf den indischen Markt zurück. Der Ausbau in den internationalen Märkten, vor allem in Südamerika, Russland und China gehört zu den künftigen Zielen. Herausforderung bleibt für den Nischenplayer gerade in den aufstrebenden Staaten der Vertrieb, der in Konkurrenz zu grossen Uhrenbetrieben organisiert werden muss.

Ehrgeizig ist auch ein weiteres Ziel: In Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumagentur ESA hat Fortis einen Sender an der Raumstation ISS angebracht. Die Antenne soll Funksignale aussenden und weltweit die Synchronisation von Armbanduhren ermöglichen. Egal wo auf der Welt sich jemand befindet, er sollte dann immer die richtige Zeit auf der Uhr sehen.
Im Kulturhistorischen Museum ist am 6. März Vernissage der Sonderausstellung «Von Grenchen ins All - 100 Jahre Fortis Uhren».