Ich könnte kaum skeptischer sein, als ich die Treppen ins Dunkel hinuntersteige.

Eine Simulation soll zeigen, was ein Kriegsflüchtling durchmachen muss?

Hier, am WEF in Davos, im Untergeschoss der Berufsfachschule, soll ich eine Vorstellung davon erhalten, was viele Menschen zurzeit in Syrien erleben? Künstliche Rauchschwaden lassen meine Skepsis zusätzlich steigen.

Plötzlich springt eine Tür auf. Ein arabischer Mann schreit mich und die anderen Teilnehmer auf Englisch an: «Kommt rein, schnell, schnell!»

Wir betreten ein Haus, das in einem syrischen Dorf steht. Draussen sind Explosionen und Schüsse zu hören. Bewaffnete Männer stürmen herein.

«Kopf runter, bleibt auf dem Boden!», befehlen sie. Der Anführer verspricht: «Ich bringe euch in ein Flüchtlingscamp.»

Dann werde ich unzimperlich am Arm gepackt und hochgerissen. «Raus hier, raus!», brüllen die Männer.

«Wo ist deine Familie?»

Wir gehen einen Korridor entlang bis zu einem Checkpoint. Wachposten kontrollieren die fiktiven Ausweise. Mein Name ist Addar Kandil, ich bin 38 Jahre alt, verheiratet und habe früher als Pöstler gearbeitet.

«Wo ist deine Familie?», fragt der Wachmann. «Nicht hier», antworte ich.

Er sagt, dass er mich nur reinlasse, wenn ich ihm etwas gäbe. Ich schaue ihn ratlos an. «Nun mach schon!», fordert er aggressiv. «Eine Uhr, ein Handy, irgendetwas!» Ich gebe ihm mein iPhone. Er steckt es ein, ich kann rein. Kein gutes Gefühl.

Im Camp geht das Gebrüll weiter: «Hinsetzen! Ruhe!» Die Aufpasser fallen nie aus der Rolle. Es handelt sich um Laienschauspieler. Einige waren selbst Flüchtlinge, andere arbeiten bei Crossroads, der Non-Profit-Organisation, die die Simulation organisiert.

Als es dunkel wird, werden wir in kleine Zelte gedrängt. Ich knie wie die anderen auf dem Boden. Obwohl wir alle im gleichen Boot sitzen, kommt kein Gemeinschaftsgefühl auf. Draussen fallen Schüsse, ich höre Schreie.

Dumm und hilflos

Als es wieder hell wird, werden wir aus den Zelten gezerrt. Bei der Essensausgabe wird mir auch noch das Portemonnaie abgeknöpft. In einem Zelt gibt eine junge Frau Unterricht. Ihre Sprache ist mir fremd. Ich fühle mich dumm und hilflos.

Nach einer Stunde ist das Schauspiel vorbei. Wir haben mehrere Tage und Nächte durchgespielt. Das dauernde Geschrei fing an, mich zu nerven.

Die ständige Alarmbereitschaft war ermüdend – nicht auszumalen, wie sich ein echter Flüchtling fühlen muss, der das während Wochen, Monaten oder gar Jahren erdulden muss.

Am schlimmsten war aber die Machtlosigkeit, der Kontrollverlust über das eigene Schicksal. Wie ein Tier wurde ich von einem Ort zum anderen gehetzt.

Die Simulation ist eine gewagte, aber gute Idee. Sie gibt einem eine kleine Vorstellung davon, was viele Menschen erleben, wenn sie ihre Heimat verlassen müssen.

Und sie lässt einen darüber nachdenken, ob es aus humanitärer Sicht vertretbar ist, dass ein reiches Land wie die Schweiz gerade einmal 500 syrischen Flüchtlingen Asyl gewährt . . .