Seit Juni gilt für Rumänien und Bulgarien die volle Personenfreizügigkeit. Und diese wird rege genutzt: Es wandern deutlich mehr Personen aus den beiden Ländern ein als zuvor. 1136 fünfjährige Aufenthaltsbewilligungen wurden im Juni ausgestellt, wie aus der Ausländerstatistik des Bundes hervorgeht.

Das ist mehr als zuvor in einem ganzen Jahr: Bis Ende Mai waren die Aufenthaltsbewilligungen für die beiden Länder auf jährlich knapp 1000 beschränkt, pro Monat im Schnitt also 83.

Behörden vermuten «Nachholeffekt»

Die Behörden gehen davon aus, dass es sich beim sprunghaften Anstieg um einen einmaligen Effekt handelt. Weil die Kontingente in den letzten beiden Jahren jeweils sehr schnell ausgeschöpft wurden, hätten sich zahlreiche Gesuche auf kantonalen Wartelisten gestaut, heisst es beim Bund. «Es dürfte sich deshalb um einen ’Nachholeffekt’ handeln», sagt Sprecher Lukas Rieder vom Staatssekretariat für Migration.

Eine Prognose, wie sich die Zuwanderung entwickeln wird, wagt die Behörde nicht: Das sei schwierig, da die Zuwanderung von vielen Faktoren abhänge.

Die volle Personenfreizügigkeit mit Bulgarien und Rumänien hatte die Schweiz bereits einmal – ab Juni 2016 während eines Jahres. Schon damals schnellte die Zuwanderung in die Höhe. Der Bundesrat nutzte dazumal aber die Möglichkeit, die Ventilklausel anzurufen und die Anzahl Aufenthaltsbewilligungen zu begrenzen. Es seien vermehrt Arbeitnehmende in Berufe eingewandert, die eine überdurchschnittliche Arbeitslosenquote aufwiesen, begründete die Regierung die Anrufung der Ventilklausel damals.

Bauarbeiter und Erntehelfer

Auch derzeit finden viele Rumänen und Bulgaren in Branchen einen Job, in der eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Die meisten Bewilligungen zählte das Staatssekretariat für Migration im Juni zwar in der weit gefassten Kategorie «Planung, Beratung, Informatik». Viele fanden aber auch einen Job auf dem Bau, im Gastgewerbe, im Detailhandel oder in der Landwirtschaft.

Die Ventilklausel verlängern kann die Schweiz jedoch nicht mehr. Unklar ist zudem, wie viel diese gebracht hat – und welche Auswirkungen der Wegfall hat. In einem Bericht schreibt das Staatssekretariat für Wirtschaft, kurz Seco: Die Ventilklausel habe «nicht stark einschränkend» gewirkt. Denn wer einwandern wollte, konnte auf Kurzaufenthaltsbewilligungen ausweichen.

«Wir rechnen nicht mit grosser Zunahme»

Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Seco, erwartet daher nach Auslaufen der Ventilklausel keinen starken Anstieg der Zuwanderung, wie er dieser Zeitung kürzlich sagte. Es sei zwar damit zu rechnen, dass mehr Personen eine fünfjährige Bewilligung bekommen würden. Diese erhält aber nur, wer eine unbefristete Stelle hat oder nachweisen kann, dass er über genügend Geld verfügt. «Wir rechnen deshalb auch da nicht mit einer grossen Zunahme», sagte Zürcher im Interview.

Nachfrage beim Seco: Gilt diese Einschätzung nach wie vor – auch nach den jüngsten Juni-Zahlen? Das Seco weicht aus: Für Fragen zur Zuwanderung sei das Staatssekretariat für Migration zuständig, heisst es. Das Seco könne sich in diesem Zusammenhang einzig zum Arbeitsmarkt äussern: Fakt sei, dass die Zuwanderung aus der EU in den Schweizer Arbeitsmarkt konjunkturabhängig sei.

Die steigende Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien geht gegen den allgemeinen Trend. Insgesamt wanderten zuletzt weniger Personen ein. Im Juni waren es 3,2 Prozent weniger als im Vorjahr – trotz des starken Anstiegs bei den beiden osteuropäischen Ländern.