Partei-Hochburgen

Willkommen in Haldenstein – Dorf der Wind-Freunde

Nirgends ist die GLP so stark wie im Dorf Haldenstein bei Chur, fast 18 Prozent der Stimmen der Haldensteiner gingen 2011 an die Grünliberalen. Doch der Sitz von Nationalrat Josias F. Gasser ist gefährdet.

Josias F. Gasser steht am Fenster der zweiten Etage seines Firmengebäudes und zeigt über den Fluss: Dort drüben, auf der anderen Rheinseite, habe sein Onkel das Unternehmen 1948 in der Scheune des elterlichen Bauernhauses gegründet. Und dort hinten habe seine Grossmutter gewohnt, bei der er die Sommerferien verbracht, Schafe gehütet und Kirschen gepflückt habe.

Gasser, man glaubt es ihm schnell, ist Haldensteiner durch und durch, auch wenn er in der Stadt Zürich aufgewachsen ist, auch wenn er im nahen Chur wohnt und als Nationalrat in Bern politisiert. Und auch wenn seine Baumaterialien-Handlung mit ihren rund 125 Mitarbeitern auf der falschen Flussseite steht, seit sie sein Onkel 1959 übersiedelte. Nicht mehr in Haldenstein, sondern auf Churer Gemeindegebiet.

Josia F. Gasser

Die Bundeshausredaktion der «Nordwestschweiz» besucht im eidgenössischen Wahljahr die Hochburgen der sieben wichtigsten Parteien der Schweiz. Zum Abschluss der Serie berichten wir heute aus Haldenstein im Kanton Graubünden, wo bei der letzten Nationalratswahl 17,8 Prozent die Liste der Grünliberalen wählten und so Josias Gasser zur Wahl in die grosse Kammer verhalfen. Haldenstein zählt etwas mehr als 1000 Einwohner, davon gut 100 Ausländer. Markantester Bau ist das Schloss aus dem 16. Jahrhundert – und seit März 2013 das 119 Meter hohe Windrad.

Josia F. Gasser: «Gäbe es die GLP nicht, wäre ich nicht in die Politik eingestiegen.» (Foto: Olivia Item)

Pläne für ein zweites Windrad

Dem Dorf an der Südostflanke des Calanda entgehen so Steuermillionen, wohlgelitten ist der 62-jährige Gasser trotzdem. Gegen sein Windrad mitten in der Rheintalebene gab es in Haldenstein kaum Opposition. Einzig ein paar Naturschützer warnten, Tausende Vögel könnten von der grössten Windenergieanlage der Schweiz zerstückelt werden.

Doch eine Studie der Vogelwarte Sempach gab Gasser vor ein paar Wochen recht. Weder Vögel noch Fledermäuse lassen sich vom 119 Meter hohen und 317 Tonnen schweren Turm mit seinen 54,65 Meter langen Rotorblättern stören. 6,9 Millionen Franken liessen sich Gasser und sein Mitstreiter Jürg Michel die Windanlage vor zweieinhalb Jahren kosten. Im Jahresschnitt liefert sie 4,5 Millionen Kilowattstunden Strom. Gegenwärtig evaluieren die beiden Unternehmer mögliche Standorte für ein zweites Windrad.

Vor bald vier Jahren wurde Gasser in den Nationalrat gewählt, er selbst war genauso überrascht wie die lokalen Politbeobachter. Weil die Grünliberalen, deren Bündner Ableger er 2007 mitgegründet hatte, nicht genügend Kandidaten fanden, um die Fünfer-Wahlliste zu füllen, belegte Gasser gleich die beiden ersten Plätze. Mit Erfolg: Der Spitzenkandidat erzielte mit 16 123 Stimmen ein Glanzresultat. Dank der Listenverbindung mit der SP und den Grünen reichte das, um den Freisinnigen deren Mandat abzuknöpfen – eine Sensation. Seine Wiederwahl im kommenden Oktober allerdings ist akut gefährdet, hat Gasser in Bundesbern in den vergangenen vier Jahren doch nicht für die grossen Schlagzeilen sorgen können.

Der Blick über Haldenstein Richtung Chur. Yanik Bürkli

Der Blick über Haldenstein Richtung Chur. (Foto: Yanik Bürkli)

«Gäbe es die GLP nicht, wäre ich nicht in die Politik eingestiegen», sagt Gasser. Grün und liberal sind für ihn keine Widersprüche, sondern logische Kombination. «Wenn wir zu unserer Umwelt nicht Sorge tragen, wird der Staat immer mehr Regeln und Gesetze erlassen müssen, welche die Freiheit einschränken. Ich bin überzeugt, dass grün zu sein auf lange Sicht die Voraussetzung ist, um das Liberale zu sichern.»

Bevölkerung teilt Gassers Werte

17,8 Prozent der Stimmen der Haldensteiner gingen 2011 an die GLP. Das gute Abschneiden hat viel mit Gasser zu tun, dem wichtigsten Arbeitgeber der Gemeinde. Seine Person ist aber nicht die einzige Erklärung. Vielmehr hat Haldenstein die Werte verinnerlicht, die Gasser wichtig sind. Seit 2008 kann sich das Dorf mit dem Energiestadtlabel schmücken, Strom bezieht es zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen, Tempo  30 ist flächendeckend eingeführt. Das Baugesetz belohnt seit vier Jahren nachhaltige Bauweise: Wer den Minergie-P-Standard einhält, dem wird ein zusätzliches Attikageschoss bewilligt. «Viele dieser Vorstösse gehen auf Gasser zurück», sagt Gemeindepräsident Robert Giger (BDP). «Er glaubt bei jedem Umweltthema, es sei fünf vor 12, und drückt aufs Tempo. Ihm fehlt das Verständnis, wenn die Mühlen nicht so schnell mahlen, wie er es gerne hätte.»

GLP-Hochburg Haldenstein

Ein paar Meter neben dem Gemeindehaus, hinter dem Schloss, steht Silvana Muscogiuri vor ihrem Dorfladen. «Vo Schläckzüüg bis frisches Gmües – es het, was es brucht», das Motto prangt am Fenster. Der Most kommt aus Valzeina, der Schafskäse aus Langwies, das Gemüse aus Untervaz. «Unsere Kundschaft kauft bewusst ein», sagt Muscogiuri. «Sie ist und isst grün.» Seit die Migros vor einem Jahr in vier Autominuten Entfernung eine Filiale eröffnet hat, darbt das Geschäft. «Die Jungen kaufen in Chur ein, wo sie arbeiten und ihre Freizeit verbringen, nicht wo sie schlafen», sagt Muscogiuri. Das hat auch Giger registriert: «Wir kämpfen um den Dorfladen und unser einziges Restaurant», sagt er. «Das sind die beiden Klammern, die Haldenstein noch zusammenhalten.»

Gleich über dem Dorfladen wohnt Gian-Marco Schmid alias Gimma. Vor zehn Jahren zog der Mundart-Rapper hierhin, weil er Ruhe und Erholung suchte. Doch auch er bedauert, dass sich das Dorf zur Schlafgemeinde wandelt. «In Haldenstein ist es fast zu ruhig», sagt er. «Am Samstag fährt der letzte Bus um halb acht Uhr nach Chur, am Sonntag fährt gar keiner.»

Rapper Gimma

Rapper Gimma bedauert die Wandlung von Haldenstein zur Schlafgemeinde. (Foto: Yanik Bürkli)

Mit dem E-Mobile den Hang hoch

Immer wieder fährt Josias Gasser mit einem seiner E-Mobiles den Hang hoch, um im Dorfladen einzukaufen. Seit 15 Jahren fährt er einen Twike, vor vier Jahren hat er sich einen Smile Roadster angeschafft, gerade hat er einen Tesla bestellt. Er wolle das Tempo der technologischen Entwicklung sichtbar machen, sagt er. Entscheidend sei, dass die Bevölkerung umdenke und -handle. Davon, glaubt er, profitierte der Kanton auch finanziell. «Graubünden ist mit erneuerbaren Energien gesegnet: Sonne, Wasser und Holz. Deshalb ist alles, was diesen Energieformen dient, dem Kanton und dessen Wirtschaft dienlich.»

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