Nachgefragt
Warum leiden Jugendliche stärker als ältere Menschen?

Ein Blick in die Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigt: Jungen Menschen setzt der Corona-Lockdown am meisten zu. Dominique de Quervain, Professor für Neurowissenschaften an der Uni Basel, zu sozialen Einschränkungen, Schuldruck und Ängsten

Interview: Anna Miller
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Dominique de Quervain ist Professor für Neurowissenschaften an der Uni Basel.

Dominique de Quervain ist Professor für Neurowissenschaften an der Uni Basel.

Bild: zvg

Kinder und Jugendliche leiden seit Monaten unter der Pandemie, können nicht mehr ausgehen, sich weniger mit Freunden treffen, haben Fernunterricht. Leiden sie wirklich unter der Situation oder ist das Panikmache?

Dominique de Quervain: Der Blick in unsere Corona-Stress-Studie der Universität Basel zeigt klar, dass Personen der jüngsten Altersgruppe zwischen 14 und 24 von allen Altersgruppen am stärksten psychisch leiden. Sie weisen höhere Werte auf bezüglich Stress und depressiven Symptomen.

Ich dachte, alte Menschen leiden vor allem an Einsamkeit und Isolation?

Gemäss Studie sind Menschen über 65 psychisch am robustesten. Das kann verschiedene Gründe haben: Beispielsweise sind sie finanziell besser abgesichert durch die AHV. Ausserdem sind ihre Aktivitäten oft weniger von den Massnahmen betroffen. Aber natürlich lässt sich nie pauschal für eine ganze Gruppe sprechen. Es gibt ältere Menschen, vor allem Alleinstehende, die von der Krise stark betroffen sind, auf der anderen Seite gibt es viele Junge, die die Krise sehr gut meistern. Aber ein Blick in die Kinder- und Jugendpsychiatrien zeigt: Der Bedarf an Hilfe hat stark zugenommen.

Woran liegt es, dass die Krise die Jungen derart mitnimmt?

Es ist eine labile Altersphase, in der viele Veränderungen stattfinden. Man ist in der Persönlichkeitsentwicklung noch nicht so gefestigt, hat oft noch keinerlei Krisenerfahrung. Auch die sozialen Einschränkungen machen vielen zu schaffen. Übrigens, bei vielen war Stress bereits vor der Pandemie existent – rund 25 Prozent gaben bei einer früheren Befragung an, unter Schuldruck stark zu leiden. Jetzt führt das Aufholen des verpassten Stoffs zu noch mehr Druck.

Das klingt jetzt ein bisschen gar zart besaitet.

Die subjektive Wahrnehmung von denen, die angeben, zu leiden, ist real. Was wir auch nicht vergessen dürfen: Die meisten jungen Menschen leben noch zuhause. Die Jugendlichen bekommen viel mit – auch vieles davon, was ihre Eltern und Grosseltern belastet. Da schweben Ängste im Raum, auch vor drohendem Tod und Verlust. Und bei offenen Schulen kann auch die Angst mitschwingen, das Virus mit nach Hause zu bringen und jemanden damit anzustecken.

Drohen Langzeitfolgen?

Das ist schwer zu sagen. Grundsätzlich findet der Mensch rasch wieder zum alten Leben zurück. Die Dauer der Krise ist hier entscheidend: Wir können uns gut kurzfristig auf eine Situation einstellen, aber vielen macht die Unabsehbarkeit zu schaffen, die ja gerade herrscht. Wenn dann auch noch traumatische Ereignisse hinzukommen, beispielsweise, wenn die Grosseltern sich anstecken und vielleicht sogar sterben und man sich die Schuldfrage stellt, dann drohen seelische Narben.

Woran merke ich, dass mein Kind leidet?

Eltern merken je nach Alter des Kindes anhand unterschiedlicher Verhaltensmuster, dass etwas nicht stimmt. Kleinere wollen vielleicht nicht mehr in die Schule, schlafen schlecht, weinen oft, haben indirekte Symptome. Bei älteren Jugendlichen kann sich das ganz anders zeigen, durch mürrisches Verhalten oder Rückzug ins Zimmer, beispielsweise. Die Palette ist da breit.