Wahlen
Kanton Waadt: Die SP verliert und verliert – und ist dennoch optimistisch

Bei den Wahlen in der Waadt verlor die SP fünf Sitze, die Grünen gewannen dazu. Das bedeutet: Auf den ersten Blick hält die grüne Welle an. Auf den zweiten Blick ist die Situation etwas komplizierter.

Doris Kleck 2 Kommentare
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SP-Regierungsrätinnen Rebecca Ruiz, Nuria Gorrite, Cesla Amarelle sowie der Grüne Vassilis Venizelos sind nach dem ersten Wahlgang optimistisch, die Regierungsmehrheit zu gewinnen.

SP-Regierungsrätinnen Rebecca Ruiz, Nuria Gorrite, Cesla Amarelle sowie der Grüne Vassilis Venizelos sind nach dem ersten Wahlgang optimistisch, die Regierungsmehrheit zu gewinnen.

Cyril Zingaro

Die Theorie geht so: Die nationalen Wahlen geben in der Regel ein Muster vor, das auch die folgenden kantonalen Wahlen während einer Zeit lang prägt. Und irgendwann schwenkt das Pendel um – und neue Muster werden erkennbar.

Sind wir bereits an diesem Punkt?

2019 war eine Klimawahl – Grüne und Grünliberale schwangen obenauf. Und dieses Muster lässt sich seither in jeder kantonalen Wahl beobachten. In 15 Kantonen wurden Parlament und Regierung neu bestellt. Die SP verlor insgesamt 39 Sitze und die FDP 26. Die grössten Gewinnerinnen waren die Grünen (+42 Sitze) und Grünliberale (+40).

Die Wahlen in der Waadt vom letzten Sonntag passen in diese Erzählung. Grüne und GLP gewinnen, die SP verliert. Der Umbau im linken Lager schreitet voran, die Gewichte verschieben sich von den Sozialdemokraten zu den Grünen. Beobachter gehen davon aus, dass dieser Effekt bei den kantonalen Wahlen vom nächsten Sonntag in Bern noch stärker ausfallen wird als in der Waadt. Schlicht und einfach deshalb, weil die Differenz zwischen den beiden Parteien noch sehr gross ist und die Grünen in Bern einen Nachholbedarf haben.

Der Vergleich mit den eidgenössischen Wahlen

Die SP hat in der Waadt fünf Sitze im Kantonsparlament verloren, wobei zwei Sitze schon während der letzten Legislatur verlustig gingen – weil zwei SP-Grossräte ihre Partei gewechselt hatten. Für Co-Präsident Cédric Wermuth liegen diese Sitzverluste denn auch im Bereich des Erwartbaren. Der Aargauer Nationalrat betont etwas anderes: Im Vergleich zu den eidgenössischen Wahlen 2019 habe seine Partei in der Waadt wieder zugelegt, nämlich um 0,5 Prozentpunkte.

Für SP-Co-Präsident Cédric Wermuth liegen die Sitzverluste im Kanton Waadt im Bereich des Erwartbaren.

Für SP-Co-Präsident Cédric Wermuth liegen die Sitzverluste im Kanton Waadt im Bereich des Erwartbaren.

PETER SCHNEIDER

Der Wähleranteil der Grünen ging indes um vier Prozentpunkte zurück. Sprich, die grüne Welle hat an Dynamik verloren. Stark zugelegt hat in dieser Betrachtungsweise auch die FDP: Gegenüber den eidgenössischen Wahlen legte sie um 6,5 Prozentpunkte zu.

Für Wermuth, der betont, keinen Wahlkampf gegen die Grünen zu machen, ist aber entscheidend, dass das linke Lager insgesamt leicht zugelegt hat. Tatsächlich machen die Sitzgewinne von Grünen und den Linksaussenparteien die Verluste der SP mehr als wett. Auch sieht er die Chancen intakt, dass das linke Lager im zweiten Wahlgang die Regierungsmehrheit behalten kann – und das in einem strukturell bürgerlichen Kanton.

Wermuth ortet also positive Trends. Ist das mehr als Zweckoptimismus? Ja, sagt Politologe Lukas Golder vom Forschungsinstitut GFS Bern. Die SP dürfe aufgrund der letzten kantonalen Wahlen nicht abgeschrieben werden. Er erinnert daran, dass bei den Wahlen 2019 ein Drittel der SP-Wählerschaft grün eingelegt hat. 2023 könnte dies auch wieder anders sein, je nach Mobilisierung und Themenlage.

Die SP dürfe laut dem Politologen Lukas Golder aufgrund der letzten kantonalen Wahlen nicht abgeschrieben werden.

Die SP dürfe laut dem Politologen Lukas Golder aufgrund der letzten kantonalen Wahlen nicht abgeschrieben werden.

José R. Martinez

Die Sozialdemokraten, so Golder, seien sehr kampagnenerprobt und hätten einen hohen Organisierungsgrad. «Kommen neben dem Klima wieder andere Themen auf, hat die SP spannende Angebote zu machen», so Golder. Ausser in der Klima- und Umweltpolitik würden die SP-Exponenten als kompetenter wahrgenommen als ihre Grünen-Kolleginnen und -Kollegen. So schreibt Golder der SP etwa mehr «programmatische Substanz» in der Aussen- und Sicherheitspolitik zu. Themenfelder, die im Zuge des Ukraine-Kriegs wieder an Bedeutung gewinnen dürfen. Golder sieht die SP hier im Vorteil, sofern die Partei ihre moderate Seite wieder besser pflege.

Mobilisierung der Wählerschaft ist entscheidend

Offen ist, ob für die eidgenössischen Wahlen 2023 bereits neue Muster erkennbar sein werden. Aufschluss darauf könnten die Wahlen in Bern bringen. Allerdings gibt es einen wichtigen Punkt, der Vergleiche schwierig macht. Im Kanton Waadt ging am Sonntag lediglich jeder dritte Stimmbürger an die Urne. Geht es um die Sitze in National- und Ständerat, ist die Wahlbeteiligung höher. Die Mobilisierungskraft einer Partei spielt eine wesentliche Rolle für den Erfolg.


2 Kommentare
Hans Leuchli

Wurde vorhergesagt. Und jetzt hören wir das Pfeifen im Walde. Bald wird es ergänzt durch das Pfeifen aus dem entgegengesetzten politischen Spektrum, wenn beide Seiten zo weitermachen. Ironie aus.