Brasserie Lorraine
Vorbild USA: Die Junge SVP kämpft gegen Wokeness – funktioniert das in der Schweiz?

Eine kleine linksalternative Szenebeiz gerät wegen eines abgebrochenen Reggaekonzerts in einen Shitstorm. Weshalb und lässt sich mit dem Kampf gegen Wokeness in der Schweiz Wählerinnen und Wähler gewinnen?

Doris Kleck
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In der Schweiz sei eine Kulturrevolutin im Gange, sagt JSVP-Präsident David Trachsel.

In der Schweiz sei eine Kulturrevolutin im Gange, sagt JSVP-Präsident David Trachsel.

Bild: Peter Klaunzer / Keystone

Die Brasserie Lorraine ist eine linksalternative Kooperative in Bern, die sich dem Widerstand gegen Kapitalismus verschrieben hat. In der Beiz, in der einst auch Endo Anaconda arbeitete, verdienen alle gleich viel. Der Kampf gegen Rassismus und für Minderheiten wird grossgeschrieben. Und dieser Szenetreff ist plötzlich in aller Munde. Weil das Konzert der Reggaeband Lauwarm abgebrochen wurde. Mehrere Besucher fühlten sich unwohl, weil einige weisse Bandmitglieder Dreadlocks und afrikanische Kleidung trugen. Ist das nun also ein Fall von kultureller Aneignung? Die Frage wird kontrovers diskutiert. Das sehr lokale Ereignis schaffte es selbst in deutsche Blätter wie die «Bild» oder die «Welt». Für Kulturwissenschafter Caspar Battegay von der Fachhochschule Nordwestschweiz ist dies kein Zufall. Das Ereignis berühre ein globales Thema: «Die politische Rechte nützt solche Fälle aus, um zu zeigen, wie schlimm linke Identitätspolitik ist.»

Die Debatte um kulturelle Aneignung schwappte von den USA auf die Schweiz über. Auch hier gibt es Stimmen, die sich dem Kampf gegen die «Wokeness» verschrieben haben. Woke bedeutet, wachsam gegenüber Minderheiten und Diskriminierung zu sein. So hat die Parteileitung der Jungen SVP schon im Frühling beschlossen, die Wokeness zum Thema zu machen. Für ihren Präsidenten, David Trachsel, ist Woke eine Verbotskultur, die detailliert vorschreibt, was wir zu sagen und wie wir zu reden haben. «Unsere Kultur ändert sich gerade fundamental», sagt Trachsel. Und verweist auf die USA, wo Woke «wilde Blüten» treibe, welche auch in der Schweiz sichtbar würden.

Tatsächlich ist dort der Kampf für oder gegen Wokeness sehr politisch – damit lassen sich Wahlen gewinnen. Doch funktioniert das auch in der Schweiz? Politologe Lukas Golder, Co-Leiter des Forschungsinstitut GFS, zweifelt daran. Wokeness rege die Leute vielleicht auf, habe aber nichts mit existenziellen Alltagsfragen zu tun. Und die Schweiz sei erstens viel weniger stark polarisiert als die USA. Und zweitens fehle der Boden: «Die Schweiz gilt als Erfolgsmodell, wenn es um die Integration von Minderheiten geht.» Dass die SVP nach Übersee schaue, erstaunt ihn hingegen nicht. Der Partei fehle es derzeit an grossen Mobilisierungsthemen. Das Rahmenabkommen mit der EU ist erledigt, im Asyl- und Ausländerrecht wurde vieles verschärft.