Zum "Marsch auf Bern" aufgerufen hatte der Zürcher Stimmrechtsverein. Der Anlass war nicht unbestritten: Die zwei grossen nationalen Frauenvereinigungen teilten zwar das Anliegen, blieben der Kundgebung aber fern. Sie befürchteten Ausschreitungen und Retourkutschen der Männer an der Urne.

Rund 5000 Frauen und Männer liessen sich davon nicht beirren. Sie zogen am 1. März 1969 um punkt 15 Uhr vors Bundeshaus, angeführt von der Zürcher Aktivistin Emilie Lieberherr.

"Bundesrat, uf zur Tat!"

Auf dem Bundesplatz wurde eine Resolution in allen vier Landessprachen verlesen. Gefordert wurde das volle Stimm- und Wahlrecht für Frauen auf eidgenössischer und kantonaler Ebene. "Bundesrat, uf zur Tat!" rief Emilie Lieberherr der Menge zu.

Darauf folgte ein lautes Pfeifkonzert mit Trillerpfeifen. Es galt all jenen Männern, die dem Frauenstimmrecht seit Jahrzehnten Hindernisse in den Weg legten.

Eine Delegation des Aktionskomitees begab sich mit der Resolution ins Bundeshaus. Der Bundeskanzler nahm das Papier entgegen - was den Frauen zu wenig war.

Bei der Rückkehr auf den Bundesplatz verkündete Emilie Lieberherr: "Keiner der Bundesräte hatte den Mut, uns zu empfangen!" Das hatte nochmals ein Pfeifkonzert zur Folge. Punkt 16 Uhr erklärten die Organisatorinnen die Kundgebung für beendet.

Polizei auf Pikett

Der "Marsch auf Bern" ging als friedliche Kundgebung in die Annalen ein. Erst später wurde bekannt, dass im Bundeshaus und auf der Bundesterrasse die ganze Zeit Polizisten mit Wasserschläuchen und Tränengas auf Pikett gestanden waren.

Wie auch immer: Das Echo in der Presse war gross, und die Organisatorinnen hatten recht behalten. Der selbstbewusste Auftritt vor dem Bundeshaus sorgte für mehr Aufsehen als die brave Tagung im Kursaal.

So wurde er im kollektiven Gedächtnis zu einem Meilenstein auf dem Weg zum Frauenstimmrecht. Am 7. Februar 1971 kam die Vorlage vors (Männer-)Volk - und wurde mit einer Zweidrittelsmehrheit angenommen.