EU

Visa-Befreiung: «Jetzt werden mehr Kosovaren die Schweiz besuchen»

Shaqiris Schuhe: Der Kosovo und die Schweiz rücken näher zusammen.

Shaqiris Schuhe: Der Kosovo und die Schweiz rücken näher zusammen.

Der Entscheid könnte die Schweizer Botschaft in Pristina massiv entlasten.

Endlich frei! So dürften sich derzeit viele Kosovaren fühlen. Grund dafür: Am Mittwochabend gab EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos bekannt, dass der Kosovo alle Bedingungen für die Visa-Befreiung für den Schengen-Raum erfüllt habe. Jetzt will die EU Wort halten und auch den letzten Balkan-Staat von der Visumspflicht befreien. Kosovaren sollen ohne mühsame bürokratische Aufwände für bis zu 90 Tage in den Schengenraum und damit auch in die Schweiz reisen dürfen. Es fehlt nur noch die Zustimmung des EU-Parlaments.

Hashim Thaci, der Präsident des jungen Balkanstaates, erklärte bei einem Besuch in Brüssel, das seien «die besten Neuigkeiten seit Jahrzehnten» für sein Land. Und der schweizerisch-kosovarische Doppelbürger Faton Topalli, der im Kanton Schaffhausen wohnt und in Pristina im Parlament politisiert, sagt auf Anfrage: «Die Menschen freuen sich auf die neue Reisefreiheit.» Junge Kosovaren könnten endlich im Ausland studieren, zurückgebliebene Angehörige endlich ihre Familien besuchen.

Über zusätzlichen Besuch dürften sich auch die 200'000 Kosovaren freuen, die in der Schweiz leben. «Jetzt werden bestimmt mehr Kosovaren die Schweiz besuchen», sagt Topalli. «Auch ich werde endlich meine Mutter, Freunde und Kolleginnen in der Schweiz empfangen können, ohne dass sie zuvor monatelang auf einen Visumentscheid warten müssen.» 

Da heisst es dann: Mirë së érdhët - herzlich Willkommen!

Freuen dürfte das auch die Schweizer Botschaft in Pristina. In ihren Räumlichkeiten lagern rund 40 Kubikmeter Papier: alles Visumsanträge aus den vergangenen Jahren. Lange Schlangen vor dem Botschaftsgebäude sind keine Seltenheit. Alleine im ersten Quartal dieses Jahres sind bei Botschafter Jean-Hubert Lebet 7710 Visumsanträge eingegangen. Das sind zwar 15 Prozent weniger als im Vorjahresquartal. Dennoch belegt der kleine Kosovo im Antragsranking hinter Indien und Thailand noch immer den dritten Rang. Vier von fünf Gesuchen stellen Kosovaren, die aus familiären Gründen in die Schweiz reisen wollen.

Lebets Terminkalender dürfte sich bald leeren. Hat er Angst, dass ihm die Arbeit ausgeht? «Für eine Prognose ist es derzeit zu früh», sagt der Botschafter auf Anfrage. Die Terminvergabe für Visumsgesuche nehmen drei Monate in Anspruch. «Bis Mitte Oktober ist der Terminkalender voll», sagt Lebet. Auch er kann sich gut vorstellen, dass die Visa-Befreiung einen kurzfristigen Anstieg der Einreisen aus dem Kosovo zur Folge haben wird, sich dann aber wieder normalisieren dürfte.

Edelweiss erhöht Frequenz

Für Topalli war die Visa-Befreiung längst fällig. «Brüssel stellte mehr Bedingungen an den Kosovo als an andere Länder. Das fand ich nicht korrekt.» Die Lage in den visumsbefreiten Nachbarländern unterscheide sich kaum von jener im Kosovo. Doch Topalli bleibt selbstkritisch: Am Ziel sei das kleine Land gerade punkto Korruptionsbekämpfung noch lange nicht. «Wir müssen uns in diesem Kampf noch mehr anstrengen – und das werden wir auch tun.» Dass das EU-Parlament dem Antrag auf Visabefreiung für die Kosovaren folgen wird, daran hat der kosovarische Politiker aus Dörflingen SH aber keinen Zweifel.

Die Schweizer Fluggesellschaft Edelweiss jedenfalls wäre auf die neue Situation vorbereitet. Sie fliegt derzeit 14 Mal wöchentlich ab Zürich nach Pristina, im Winter erhöht sie den Rhythmus auf 15 Flüge. In diesem Sommer kommt zudem zum ersten Mal der 314-plätzige Airbus 340 auf der Strecke zum Einsatz. Einen weiteren Ausbau des Angebots, sagt Edelweiss, könne man sich je nach Entwicklung der Situation «durchaus vorstellen».

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1