Und dann kam sie endlich. The eagle has landed, sagte Sandro Brotz. Zwei Stunden Verspätung hatte die Aufzeichnung dieser Arena, weil Tamara Funiciello zuvor noch eine Rede auf dem Bundeshausplatz halten musste, und dann verpasste sie auch noch den Zug. 40'000 Menschen hingen der abtretenden Juso-Chefin an den Lippen. 40'000, alleine in Bern. Und die Rekorde purzelten im ganzen Land. Mehr als 100'000 in Zürich, 50'000 in Basel, 50'000 in Bern, 30'000 in Lausanne, Tausende in Delémont und Grenchen, in Luzern und Winterthur, in Chur und Thun.

Das Land erlebte einen Stillstand, wie es ihn schon lange nicht mehr gab. Einer dieser viel zu seltenen Momente, in denen die Zeit keine Rolle mehr spielt, weil sie aus den Angeln gehoben wird, in denen alles entrückt und still wird um einen herum, und nicht nur, weil der Motorenlärm auf den Hauptverkehrsadern schlagartig verstummt ist.

Und weit weg von alldem, jenseits des Zürcher Käferbergs, zwischen den eilig aus dem Boden gestampften Büroglastürmen, den havarierten Grossstadtillusionen und den riesigen Fitnesscenterfenstern mit den stummen und unermüdlichen Laufband-Athleten dahinter, fühlte sich das alles ein bisschen unwirklich an. Stand man eine Stunde zuvor noch auf dem geschichtsträchtigen Helvetiaplatz inmitten des grössten Menschenauflaufs der jüngeren Zürcher Geschichte, musste jetzt auf einmal die geballte politische Energie von mehreren 100'000 demonstrierenden Frauen (und Männern) in ein Fernsehstudio von ein paar hundert Quadratmetern gezwängt werden.

Nach Frauenstreik: kein Zischen, kein Pfeifen im SRF-Studio

Schliesst man einen Dampfkochtopf nicht ordnungsgemäss, führt der Überdruck zu unschönen Szenen. Das ist hier nicht passiert. Stattdessen hatte der Dampfkochtopf irgendwo ein Leck. Kein Zischen, kein Pfeifen, wie aus einem leck gelaufenen Schlauchboot entwich geräuschlos langsam die ganze Luft. Und übrig blieb etwas Halbgares.

An Funiciello lag es nicht. Sie kam mit dem Taxi vom Bahnhof Oerlikon angerauscht, im Schlepptau eine Kollegin und einen Kollegen. Keine fünf Minuten später stand sie im Studio, das violette Frauenstreik-Foulard um den Hals geschlungen, ein weiteres Bandana lässig um das Handgelenk geknüpft. Bereit für die Schlacht. Und dann, dann gab es eben wieder viel klein klein. Viel Hickhack und Geplänkel, Relativierungen und Abwiegeln, Taktieren und Wegwischen und auf-die-lange-Bank-schieben. Die Niederungen des Polit-Talks können für den, der einmal am strassenpolitischen Leim geschnüffelt hat, sehr ernüchternd sein. Das Parlament muss einem kalten Entzug gleichen.

Vielleicht - aber im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer - vielleicht hätte man auch gar nicht mit der Frage einsteigen müssen, ob es diesen Frauenstreik braucht. Es gab ihn, also brauchte es ihn. Brotz aber, der manchmal böse sein kann, der die seltene Fähigkeit besitzt, Hammer und Amboss zugleich zu sein, und in der Rundschau als angriffslustiger, im Dienste der Wahrheit frageschiessender Robocop-Journalist in Erinnerung bleibt, dieser Brotz servierte grösstenteils ergeben und eilfertig durch die Sendung, wie ein Hotelfachschüler, dem bei der praktischen Service-Prüfung ein Hosenträger gerissen ist. Schnell muss es gehen und niemand soll einen dabei sehen.

SVP-Lothe: «Da ist Männerhass drin»

Camille Lothe, Präsidentin der Jungen SVP und mit rhetorischem Elan gesegnet wie wenig andere in der jungen Volkspartei, hatte Recht, als sie auf Brotz' Frage antwortete: «Wir müssen nicht darüber diskutieren, ob es diesen Streik braucht oder nicht. In einer Demokratie hat jeder das Recht, seine Forderungen auf die Strasse zu bringen.» Worüber man aber diskutieren müsse, das seien die Inhalte.

Warum Lothe anschliessend in direkter Konkurrenz zu dieser Aussage statt über den Inhalt über den Stil sprach, bleibt ihr Geheimnis. «Ich habe einfach Probleme damit, wenn etwas in eine extreme Richtung geht. Da ist Männerhass drin.» Lothe spielte natürlich auf dieses infame und seiner Breitenwirkung exponentiell wirkende Plakat an, dass dafür plädiere, den Mann in sich doch bitte zu töten, und das nicht nur Politiker, sondern auch den einen oder anderen Dichter landauf landab vor Angst und Wut bebende Tweets absetzen liess. Wer, aber das nur am Rande, daraus einen Mordaufruf abliest, der ruft auch die Polizei, wenn beim Cluedo der Täter ermittelt ist.

Funiciello, die in Lothe hier ihre natürliche Widersacherin auf der Rechten gefunden hat, wies süffisant daraufhin, dass Exponenten der SVP öfters mal verurteilt wurden wegen Rassendiskriminierung. Dann wurde sie ernst: «Bei gewissen Punkten sind wir hinter die Errungenschaften von 1991 zurückgefallen», sagte Funiciello und zählte eine Reihe von Forderungen auf, die noch immer nicht erfüllt sind.

Der Sexismus im Ausgang, den Funicello als eines der Probleme ansprach, bot Lothe wiederum die Steilvorlage, um den Beitrag der SVP-Frauen zum Frauenstreik noch einmal vor laufender Kamera zu demonstrieren. Diese hatten in einem Papier vor ein paar Tagen die Ursache für eigentlich jegliche Diskriminerung von Frauen präsentiert: den Ausländer, beziehungsweise im SVP-Neologismus: den Nicht-Integrierten. «Ich fühle mich auch nicht mehr wohl im Ausgang, aber man muss anschauen, wer diese Gewalt verübt, dann sieht man: Das sind Ausländer.»

Funiciello, die mit diesem Manöver mit Sicherheit gerechnet hatte, entgegnete kopfschüttelnd: «Das stimmt einfach nicht. Es ist wichtig, sich 100 Prozent gegen alle Gewalt zu stellen, nicht nur gegen einen Teil, wie es die SVP macht. Und 100 Prozent der Vergewaltigung werden von Männern gemacht. Das ist eine Tatsache.»

CVP-Nationalrätin Schneider-Schneiter zwischen Hammer und Amboss

Weil zwei Diskutierende noch kein Halbrund ergeben, musste auch noch Elisabeth Schneider-Schneiter in der Arena mitmachen. Neben Lothe wohlgemerkt. Ganz angenehm war es der Baselbieter CVP-Nationalrätin in der Gesellschaft der Jung-SVPlerin nicht. Aber auf der anderen Seite lauerten die Linken, und wer der Schilderung der Baselbieter CVP-Nationalrätin folgte, der konnte nachvollziehen, dass das keine gangbare Alternative war. «Als ich aus dem Bundeshaus kam, sah ich eine sehr linksautonome Szene.» Der Frauenstreik, so Schneider-Schneiter, wurde instrumentalisiert durch linksextreme Kräfte: «Es ging den Organisatoren einfach darum, ihre fundamentalistischen Forderungen unters Volk zu bringen. Kampf dem Kapitalismus, Kampf dem Patriarchat. Und die Männer waren fast völlig ausgeschlossen, die mussten kochen.»

Dass Schneider-Schneiter in dem freiwilligen Kochdienst irgendwie eine Unterjochung des Mannes sieht, ist eigentlich eine doppelte Gehirnverrenkung und offenbart ein etwas angestaubtes Rollenbild. Man wünschte sich, jemand hätte Schneider-Schneiter vor dem Bundeshaus an die Hand genommen und sanft durch diese bunte und kreative Vielfaltswelt von Vulvaplakaten, Lohngleichheitsforderungen und «Hässig»-Transparenten geleitet.

Der untrügliche Beweis, dass zumindest in Zürich nicht alles Linksautonome gewesen sein können auf der Strasse, erbrachte dann Katharina Prelicz-Huber, alt-Nationalrätin und Präsidentin des VPOD aus der zweiten Reihe: «So viele Linksautonome haben wir gar nicht in Zürich.»

Ungleichheit Ja – Frauenstreik Nein

Aber auch Schneider-Schneiter musste zugeben, dass da noch einiges im Argen liegt mit der Gleichstellung: «Es ist in der Tat so, dass die Vereinbarkeit immer noch nicht da ist, dass die Lohngleichheit immer noch nicht da ist, dass der Sexismus immer noch da ist.» Nicht einmal Lothe mochte sich dieser Einschätzung grundsätzlich widersetzen, auch wenn sie gerade die statistisch erwiesene Lohnungleicheit anzweifelte.

Das zeigte, dass, wenn auch nicht die Mittel zur Erreichung dieser, so doch zumindest die meisten Forderungen des Frauenstreiks relativ unbestritten sind. Auch ist es zumindest in einem aufgeklärten politischen Diskurs nicht mehr opportun, die Zweitklassigkeit der Frau argumentativ zu verteidigen (es ist müssig, darüber zu spekulieren, ob eine Männerrunde zu einer ähnlichen Übereinkunft gekommen wäre, aber der Einwand eines Gastes, dass so etwas wie Lohnungleichheit schlicht nicht existiere, könnte einen Hinweis darauf liefern. Helen Issler, Vizepräsidentin Alliance F und ehemalige stv. Chefredaktorin SRF, dazu trocken: «Das ist in etwa so wahr, wie dass die Erde flach ist.»

Sind das nun die Errungenschaften der Schweiz in Sachen Gleichstellung, 28 Jahre nach dem ersten Frauenstreik, 38 Jahre nach der Verankerung des Gleichstellungsgebots in der Verfassung und 48 Jahre nach der Einführung des nationalen Frauenstreiks? Muss man sich damit arrangieren, dass hierzulande die Mühlen halt einfach ein bisschen langsamer mahlen? Wir sind mittlerweile beim Thema Vereinbarung und Berufliches. Sie erwähnt die Problematik der Teilzeitarbeit: «Teilzeit ist ein Karrierekiller, Teilzeit ist ein Armutsrisiko.» Frauen sollten Vollzeit arbeiten, Kaderstellen anstreben, Selbstbewusstsein haben. Aber man müsse auch Geduld haben, so Schneider-Schneiter. Funicello lässt das nicht gelten: «Eure Geduld hat uns nicht weitergebracht. Ich habe keine Geduld, auf den gleichen Lohn zu warten. Für Sie findet Politik unter der Kuppel des Bundeshauses statt, für mich auch auf der Strasse.» 

«Frauenquoten degradieren. Punkt.»

Was anschliessend passierte: Lothe wollte einige Male die Steuern senken lassen, ein junger Mann wollte nichts sagen, ohne dass er explizit von einer Frau dazu aufgefordert wurde, und Funiciello sagte diesen für sie untypischen Satz: «Nur Bares ist Wahres», was für einige Erheiterung sorgte. Dann passierte lange wieder nichts Nennenswertes, bis Lothe in einem eher ungünstigen Moment feststellte, dass die Frauen «kein bisschen untervertreten sind». Das erstaunte deshalb, weil Brotz nicht einmal 15 Sekunden zuvor die Zahl von 31 Prozent eingeblendet hatte, was gleichbedeutend ist mit dem Anteil der Frauen im Parlament. Auf die Frage, was sie von einer Quote halte, sagte sie ziemlich widerspruchslos: «Frauenquoten degradieren. Punkt.» Ausserdem fühle sie sich sehr wohl als einzige Frau unter Männern.

Mit diesem Satz waren Lothe und der diensthabende Kamerachef augenscheinlich sehr zufrieden, denn das Bild blieb mindestens 5 Sekunden an den glänzenden Schneidezähnen Lothes hängen. «Die Quote ist die beste der schlechten Lösungen», entgegnete Funiciello. «Wir haben ein Problem in diesen Bereichen. Aber man muss natürlich schon vorher anfangen.» Schneider-Schneiter, die auch keine Quotenfrau sein will, macht dann noch den kleinen Witz, dass die CVP im Gegensatz zur SP eine Quote von 100 Prozent Frauen im Bundesrat habe, worauf sich Funiciello bemüssigt fühlte, den Witz zur Sicherheit zu erklären, was ihn aber nicht unlustiger machte, im Gegenteil.

Dann diskutierte man darüber, warum weniger Frauen Mint-Studiengänge wählen als Männer, wobei man die dazugehörige Nature-vs.-nurture-Debatte nicht zuletzt aus Zeitgründen anderswo auch schon ein bisschen besser gehört hatte. (Die Themenflut war ein Problem dieser Arena, was aber verständlich ist: Wie sollte in 70 Minuten diskutiert werden, was im Parlament und in der öffentlichen Debatte ohne Erfolgsgarantie üblicherweise mehrere Jahrzehnte Dialogzeit in Anspruch nimmt?).

Vom Frauenstreik zum Klassenkampf

Funiciello brachte den berechtigten Einwand, dass es nicht nur darum gehen könne, Frauen von den niedrigbezahlten Pflegeberufen in die hochbezahlten zu verschieben: «Jede von euch hat einmal eine Pflegerin in Anspruch genommen und wird irgendwann wieder eine Pflegerin in Anspruch nehmen müssen», redete sie den Anwesenden ins Gewissen. «Ich bin gottenfroh, dass Frauen diesen Job machen, aber sie sollten anständig bezahlt werden.» Prelicz-Huber sekundiert: «Wir haben eine Diskriminierung von sogenannten Frauen-Berufen.» Schliesslich schlug Funiciello den Bogen vom Frauenstreik zu klassenkämpferischen Anliegen: «Mein Kampf ist nicht Männer gegen Frauen. Mein Kampf ist, dass alle für ihre Arbeit anständig entlöhnt werden.»

Was bleibt von diesem Frauenstreik? Was bleibt von den Forderungen der Hunderttausenden Frauen in der ganzen Schweiz? Von den Hunderten in Eigenregie gebastelten Plakaten und den in violette Farbe getauchten Bannern? Was bleibt von der Wut und der Aufbruchstimmung in diesem Land, von den unzähligen Stunden, die in diesen Tag investiert wurden? Von den schmetternden Plädoyers auf den Bühnen und den leisen Appellen am Strassenrand?

«Morgen geht es allen besser, die am Streik teilgenommen haben», sagte Alliance F-Vizepräsidentin Issler, «und wirklich besser geht es ihnen dann, wenn die politischen Forderungen auch umgesetzt sind.»