Agrarpolitik

Vielfalt leidet: Bodenfräsen planieren das Berggebiet

«Ausgeräumte Landschaften» auch im Berner Oberland: Blick von Südosten auf die Kirche Gadmen bei Innertkirchen um 1950 (links) und im Jahr 2003.

«Ausgeräumte Landschaften» auch im Berner Oberland: Blick von Südosten auf die Kirche Gadmen bei Innertkirchen um 1950 (links) und im Jahr 2003.

Kleinstrukturen wie Steinhaufen, Totholz und Hecken prägten einst das Mittelland. Doch im Zuge der landwirtschaftlichen Intensivierung ging diese Vielfalt verloren. Naturschützer schlagen Alarm: Sie befürchten, dass auch im Berggebiet immer mehr Kleinstrukturen verschwinden.

Ältere Semester können sich noch daran erinnern, wie sie als Kind durch Wiesen streiften – vorbei an Steinhaufen, Totholz und Hecken. Solche sogenannten Kleinstrukturen prägten einst das Mittelland. Doch im Zuge der landwirtschaftlichen Intensivierung ging diese Vielfalt verloren. Zurückgeblieben sind «ausgeräumte Landschaften» – monotone Fettwiesen mit geringem Artenvorkommen.

«Kleinstrukturen sind wertvolle Nischen, etwa für Insekten, die auf engstem Raum unterschiedliche Bedingungen bezüglich Temperatur und Feuchtigkeit vorfinden», sagt Simon Birrer von der Vogelwarte Sempach. Und wo es Insekten habe, gebe es auch Vögel. Doch nicht nur für Vögel, auch für Amphibien, Reptilien, Schnecken und Kleinsäuger bieten ungenutzte Ecken Unterschlupf.

Brachiale Steinfräsen

Nun schlagen Naturschützer Alarm: Sie befürchten, dass auch im Berggebiet immer mehr Kleinstrukturen verschwinden. Steile Hänge, kleine Parzellen und wenig produktive Böden galten bisher als Hindernis für die maschinelle Bewirtschaftung. Moderne Geräte und Methoden überwinden heutzutage aber auch diese Grenzen. Mit brachialen Praktiken wie der Steinfräse kann der Bauer beispielsweise kleine Unregelmässigkeiten des Geländes ausgleichen: Die Fräsen zermalmen die Steine und den Boden. Dadurch steigert der Landwirt seinen Ertrag. Das tut er auch, indem er bis auf eine Höhe von 2500 Metern Saatgut einsetzt. Solche planierten, künstlich angelegten Wiesen sind Gift für die Biodiversität, warnen Umweltschutzorganisationen.

«Verhältnisse wie im Mittelland»

«Viele Vogelarten, die Mitte des letzten Jahrhunderts das Mittelland räumten, fanden in den höheren Lagen ein Rückzugsgebiet» sagt Ornithologe Birrer. Heute schrumpfen ihre Bestände auch im Jura und in den Alpen – zum Beispiel das Braunkehlchen, das nur noch im Berggebiet vorkommt. Oder die Heidelerche, die in den vergangenen 20 Jahren rund ein Drittel ihres jurassischen Brutgebiets verloren hat. «Bis auf 1400 Meter über Meer haben wir heute schon Verhältnisse wie im Mittelland», konstatiert Birrer. Auch Andreas Meyer von der nationalen Fachstelle für Reptilien- und Amphibienschutz (karch) bereitet die schleichende Veränderung Sorge: «Der Verlust von Lebensraum setzt sich mit der neuen Agrarpolitik unvermindert fort.»

Eigentlich paradox, denn exakt diese neue Agrarpolitik will eigentlich die Ökologisierung der Landwirtschaft vorantreiben. Neue Instrumente wie Landschaftsqualitäts- und Biodiversitätsbeiträge sollen Leistungen der Bauern zugunsten der Artenvielfalt besser abgelten. Doch: «Entgegen der landläufigen Meinung werden ökologische Werte durch die Direktzahlungsverordnung nicht geschützt», sagt Reptilienschützer Meyer. Kleinstrukturen gelten als unproduktive Flächen. Übersteigen sie 1 Prozent der Gesamtfläche (was im Berggebiet meistens der Fall ist), werden sie buchhalterisch abgezogen. Das heisst: der Bauer erhält weniger Geld, auch wenn diese Landschaftselemente einen hohen ökologischen Wert aufweisen. Die Verordnung fördert also geradezu, dass Kleinstrukturen eliminiert werden, obschon deren Erhalt von den Biodiversitätsvorgaben des Bundes explizit gefordert wird – ein Widerspruch. «Es ist stossend, dass der Staat viel Geld in die Ökologie investiert, durch falsche Anreize zugleich aber der Lebensraum vieler Arten verloren geht», folgert Meyer.

Darauf verweist auch SP-Nationalrätin und Präsidentin von Pro Natura, Silva Semadeni (GR), in einem Vorstoss. Sie will vom Bundesrat unter anderem wissen, wie er die Kleinstrukturen bei der nächsten Agrarreform besser schützen will. «Der Bund versucht mit dem neuen Direktzahlungssystem Gegensteuer zu geben, was auch teilweise gelingt», sagt Judith Ladner vom Bundesamt für Landwirtschaft. Wie und ob Fehlanreize in der nächsten Reform korrigiert werden, könne sie aber noch nicht sagen. Nur so viel: «Es braucht eine gewisse Balance zwischen der Produktion und der Biodiversitätsförderung.»

Ausmass nicht dokumentiert

Wie gross der Verlust der Kleinstrukturen auf Alpweiden ist, kann Meyer nicht beziffern. Luftbilder, die er vor zwei Jahren für Pro Natura ausgewertet hat, zeugen aber von einem dramatischen Ausmass. «Die Rationalisierung im Berggebiet hinkt zwar Jahrzehnte hinter derjenigen in den Talböden hinter her», doch mit jeder Alp-Erschliessung durch schweres Gerät steige das Risiko irreparabler Schäden für die Umwelt, sagt Meyer.

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