Klimaschutz

Videokonferenzen als ökologische Alternative zu Flugreisen: Der Bund hadert

Video-Konferenzen mit Dritten sind beim Bund nicht möglich.

Video-Konferenzen mit Dritten sind beim Bund nicht möglich.

Die Bundesverwaltung will ihre Flugreisen reduzieren. Ausgerechnet bei der Videotelefonie herrscht Wildwuchs.

Es gibt Innovationen, die alles verändern. So geschehen im ­Januar 2006, als das Unternehmen Skype die Videotelefonie erstmals einer breiten Masse ­zugänglich macht. Nicht nur ­Privatpersonen, auch Schweizer Unternehmen nutzen Videokonferenzen seither als kostengünstige und ökologische Alternative zu Flugreisen. In den ­Vereinigten Staaten chatten laut einer Umfrage deutlich über 50 Prozent der Arbeitnehme­rinnen und Arbeitnehmer regelmässig per Video mit Arbeits­kollegen und Geschäftspartnern.

Nicht so bei der Schweizer Bundesverwaltung. Die Verantwortlichen im Departement von Umweltministerin Simonetta Sommaruga möchten den CO2-Austoss im Zusammenhang mit Dienstreisen mit der Hilfe von Videokonferenzen massiv reduzieren, haben bei der Erarbeitung des Aktionsplans Flugreisen aber festgestellt: In Sachen Videotelefonie herrscht beim Bund ein ziemlicher Wildwuchs. Stand heute gibt es zwar in verschiedenen Verwaltungseinheiten Videokonferenzinstallationen. «Eine entsprechende Übersicht zu deren Nutzung ist nicht vorhanden», heisst es in der bisher unveröffentlichten Langfassung des Aktionsplans Flugreisen. Keine gute Ausgangslage. Eine Liste mit allen Anlagen soll erst Ende März 2020 vorliegen.

Noch schwerer wiegt, dass Angestellte der Schweizerischen Eidgenossenschaft bisher nicht an Videokonferenzen von Organisationen ausserhalb der Bundesverwaltung teilnehmen können. «Aus Sicherheitsgründen», wie eine Mediensprecherin des Bundesamts für Energie erklärt.

Zumindest das soll sich bald ändern: Laut Sommarugas Aktionsplan werden die technischen Anlagen bis Mitte 2020 «so aufgebaut» sein, dass sich Bundesbeamte trotz erhöhter ­Sicherheitsanforderungen in ­Videokonferenzen von Dritten einklinken können. In die Umsetzung sind die Bundesämter für Energie und Informatik, das Eid­genössische Personalamt und die Führungsunterstüt­zungs­­basis der Armee involviert.

Bisher unklares Sparpotenzial

Keine Antwort liefert der Aktionsplan auf die Frage, wie ­viele Tonnen Treibhausgasemissionen sich durch die Videokonferenzen beim Bund künftig einsparen lassen. Die Technologie ermögliche es zwar, Flüge zu vermeiden, heisst es im Papier. Wie gross das Potenzial der CO2-Einsparung tatsächlich ist, sei aber schwer abzuschätzen. «Es bräuchte dazu zusätzliche Daten und Analysen.» Der Bund tappt diesbezüglich allerdings nicht alleine im Dunkeln. International existiert ­keine all­gemein akzeptierte ­Methode, um die durch Videokonferenzen eingesparten CO2-Emissionen zu kalkulieren, wie der «Guardian» kürzlich berichtete.

Michel Jegerlehner, Experte für Geschäftsreisemanagement und Direktor des Schweizer Ablegers des Unternehmens BCD Travel, sagt, in der Privatwirtschaft könne «ein grosser Teil» der Geschäftsreisen durch Videokonferenzen substituiert werden. Das Sparpotenzial hänge von der jeweiligen Branche ab.

Uni Bern: Videoraum für bis zu 168 Personen

Wie öffentliche Institutionen in der Schweiz bereits heute mit Videokonferenzen mit externen Organisationen in Kontakt treten, beweist das Beispiel der Universität Bern: Die Hochschule hält ihre Dozenten an, Reisekilometer per Flugzeug kostengünstig zu reduzieren und Gastreferate an internationalen Konferenzen vermehrt per Videoschaltung zu halten. Auch eigene Konferenzen könnten «teilweise oder ganz auf virtuellem Wege» veranstaltet werden, genauso wie Seminare und Vorlesungen von externen Dozierenden.

Die Berner Universität stellt ihren Angehörigen laut Website an acht Standorten in der Bundesstadt Videokonferenzräume zur Verfügung. Der grösste solche Raum befindet sich im Länggass-Quartier und bietet Platz für bis zu 168 Personen.

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