Verhüllungsverbot
Religionswissenschafter Andreas Tunger-Zanetti zur Burkadebatte: «Der Islam wird pauschal als das abzuwehrende Andere dargestellt»


Der Luzerner Religionswissenschafter Andreas Tunger-Zanetti warnt davor, dass die Einführung eines Verhüllungsverbotes letztlich kontraproduktiv sei. Eine Studie zeige, dass die religiöse Radikalisierung mit solchen Massnahmen eher gefördert denn bekämpft werde.

Benno Bühlmann
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«Das Bild, das von Seiten der Initianten gezeichnet wird, hat mit dem gelebten Islam in der Schweiz so gut wie nichts zu tun», kritisiert Andreas Tunger-Zanetti.

«Das Bild, das von Seiten der Initianten gezeichnet wird, hat mit dem gelebten Islam in der Schweiz so gut wie nichts zu tun», kritisiert Andreas Tunger-Zanetti.

Bild: Keystone

Wir befinden uns in der Schweiz aktuell im Abstimmungskampf rund um ein Burka-Verbot. Im Jahr 2009 erhitzte bereits das Minarett-Verbot hierzulande die Gemüter. Gibt es für Sie jetzt Déjà-vu-Erlebnisse?

Andreas Tunger-Zanetti: Ja, die gibt es tatsächlich. Die Initiative hat ja nochmals den gleichen Absender und auch der Verlauf der Debatte erinnert mich stark an 2009: Wiederum wird eine angebliche «islamische Gefahr» heraufbeschworen. Und die Initianten sind überzeugt davon, dass sie mit ihrem Verhüllungsverbot ein Zeichen dagegen setzen müssen. Damit wird der Islam einmal mehr pauschal als das abzuwehrende Andere dargestellt – und der Schweizer Bevölkerung soll nun ein Verbot als probates Mittel für die Abwehr dieser Gefahr schmackhaft gemacht werden ...

Andreas Tunger-Zanetti ist Religionswissenschafter an der Universität Luzern. Er ist u.a. auch Mitglied im Beirat des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft.

Andreas Tunger-Zanetti ist Religionswissenschafter an der Universität Luzern. Er ist u.a. auch Mitglied im Beirat des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft.

Bild: zvg

Inwiefern sind Sie in Ihrer Rolle als Religionswissenschafter an dieser Debatte interessiert?

Mich interessiert vor allem das seltsame Verhältnis zwischen der aktuellen Debatte und der muslimischen Realität, wie ich sie in der Schweiz wahrnehme. Da klafft ein grosser Graben: Das Bild, das von Seiten der Initianten gezeichnet wird, hat mit dem gelebten Islam in der Schweiz so gut wie nichts zu tun. Da ist für mich als Wissenschafter vor allem die Frage von Bedeutung, welches denn die Gründe für dieses Auseinanderklaffen sind.

Sie haben kürzlich ein Buch mit dem Titel «Verhüllung» veröffentlicht, das der Burka-Debatte in der Schweiz gewidmet ist. Was war das Ziel dieser Publikation?

Das Buch versucht den erwähnten Graben zu erklären und analysiert dazu die Debatte um das vorgeschlagene Verhüllungsverbot in den Deutschschweizer Medien. Zuvor präsentieren wir den Stand der Forschung zur Praxis der Vollverhüllung im Westen. Zudem wollten wir mit unseren Recherchen in Erfahrung bringen, von wie vielen Nikab-Trägerinnen in der Schweiz denn überhaupt auszugehen ist ...

Sie kamen zum Schluss, dass es nur rund drei Dutzend Nikab-Trägerinnen gibt. Auch die FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Staffaucher sprach in der SRF-Sendung «Arena» davon, dass es sich gerade einmal um 0,00035 Prozent der Schweizer Bevölkerung handle. Rechtfertigt diese Zahl eine eigene Kleiderverordnung in der Bundesverfassung?

Nein, da sehe ich keine wirkliche Legitimation für eine solche Massnahme. Nirgends in der Schweiz kann ich auch nur im Ansatz beobachten, dass sich in jüngster Zeit ein spezielles Milieu ausgebildet hätte, in dem so etwas wie eine «Nikab-Mode» gedeihen und sich rasch ausbreiten würde. Es hat mit der Kleinheit und Kleinräumigkeit der Schweiz zu tun, dass ein solches Phänomen doch sehr unwahrscheinlich ist.

In einem NZZ-Interview meinte kürzlich die Feministin Alice Schwarzer: «Egal, ob es drei oder dreitausend sind – schon eine Burka-Trägerin ist eine zu viel.»

Dieses Zitat sagt vor allem etwas über das Denken von Alice Schwarzer und über die Norm aus, welche sie in unserer Gesellschaft gerne verwirklichen möchte. Die Aussage liefert aber keine Anhaltspunkte zur real existierenden Situation in der Schweiz und zur Frage, ob eine konkrete Massnahme für ein bestimmtes Ziel überhaupt tauglich ist.

Sie gehen also davon aus, dass das zur Abstimmung stehende Verhüllungsverbot letztlich kontraproduktiv wäre?

Ja, auf jeden Fall ist das von den Initianten angestrebte Verhüllungsverbot in mehrerer Hinsicht kontraproduktiv. Von Frankreich wissen wir, dass die Zahl der Nikab-Trägerinnen unmittelbar nach der Verhängung des Burka-Verbotes sogar zugenommen hat. Denn das Gesetz und die Polemik im Vorfeld wurden als ungerechtfertigt empfunden, und dies hatte einen Solidarisierungs- und Protesteffekt zur Folge. Das könnte auch in der Schweiz passieren – wenn auch in einem kleineren Massstab, weil eben dieses Milieu in der kleinräumigen Schweiz relativ wenig Verbreitungspotenzial besitzt. Daneben gibt es noch einen anderen Aspekt, der mir mehr Sorgen macht ...

Woran denken Sie?

Falls das Verhüllungsverbot am 7. März von einer Mehrheit der Abstimmenden angenommen wird, haben wir nach der Minarett-Initiative bereits den zweiten Verfassungsartikel, mit dem zwar nicht dem Buchstaben, aber dem Sinn und Geist nach – und vom Absender auch so gewollt – der muslimischen Gemeinschaft in der Schweiz indirekt ein Tritt ans Schienbein verpasst wird. Gerade weil mit der Massnahme des Verbotes das angebliche Ziel gar nicht erreicht werden kann, wird dieses umso mehr als ungerechtfertigt empfunden. Und damit bleibt am Schluss ein schmerzhafter Stachel zurück – leider auch bei jenen vielen Muslimen in der Schweiz, die nie in ihrem Leben daran gedacht hätten, einen Gesichtsschleier für sich oder nahe Verwandte in Betracht zu ziehen.

Welches sind die Konsequenzen?

Zunächst einmal sind Verbote dieser Art sicher nicht hilfreich für ein friedliches Zusammenleben verschiedener Religionen in der Schweiz. Mehr noch: Das Verhüllungsverbot kann sogar noch zusätzlichen Groll bei tendenziell extremen Kreisen nähren und damit ein neues Gefahrenpotenzial schaffen. Gerade Personen, die sich in Richtung Gewaltbereitschaft radikalisieren, nehmen einen solchen Verfassungsartikel unter Umständen als Vorwand, um eine Gewalttat zu begründen. Eine neue Untersuchung im Journal of European Public Policy untersuchte kürzlich die Frage: «Machen uns Burka-Verbote sicherer?» – Die Studie wertet statistisch Daten von 28 europäischen Ländern aus und kommt zum Schluss, dass das Gegenteil der Fall ist: Verhüllungsverbote erhöhen die Wahrscheinlichkeit terroristischer Anschläge. Frankreich ist hierfür das markanteste Beispiel.

Andreas Tunger-Zanetti: Verhüllung. Die Burka-Debatte in der Schweiz. Hier und Jetzt, Zürich 2020. 160 Seiten, 29 Franken.