Gezielte Fehlinformationen sind kein Phänomen des Trump-Zeitalters. Beispiel für einen berühmten historischen Fake – das folgende Zitat von Winston Churchill: «Trau keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast» soll der langjährige britische Premierminister einmal gesagt haben. Eine Falschmeldung. Gestreut mit aller Wahrscheinlichkeit vom Meister der Propaganda höchstpersönlich: Joseph Goebbels.

Das falsche Churchill-Zitat hält sich hartnäckig – wird immer wieder ins Feld geführt. Vor allem dann, wenn einem die Aussage einer Statistik nicht passt. Ärgerlich für Statistiker? «Nein», sagt Georges-Simon Ulrich, Direktor des Bundesamtes für Statistik (BFS) und somit der oberste Statistiker der Schweiz. Der 48-Jährige sitzt im Hauptquartier der Zahlen in Neuenburg in seinem Büro und macht die Merkel-Pose, legt die Fingerkuppen seiner beiden Händen aufeinander. Zeigfinger auf Zeigfinger, Mittelfinger auf Mittelfinger. Im Gegenteil, es sei eine Steilvorlage, um zu sagen: «Es ist nie die Statistik, die lügt, sondern jener, der sie manipuliert.»

Gefühle besiegen Fakten

Von denen gibt es derzeit viele. Über soziale, aber auch klassische Medien werden die Falschmeldungen verbreitet. Zudem verlieren Fakten in der Politik immer mehr an Bedeutung. Gefühle sind wichtiger. «Postfaktische Politik» wird diese Entwicklung in der Fachsprache genannt. «Das Phänomen ist nicht neu», sagt BFS-Direktor Ulrich. «Neu ist nur die Dimension.» Dies spiegelt sich bei der Wahl zum internationalen Wort des Jahres. Die Redaktion des Oxford English Dictionary hat sich für «post-truth» (deutsch: postfaktisch) entschieden. Der Verlagsleiter begründete dies mit dem Aufstieg der sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden.

Der grösste Faktenlieferant in der Schweiz ist das BFS. Eine Funktion, die das Bundesamt seit 156 Jahren einnimmt. Zuerst von Bern aus, 1998 bezog die Statistikbehörde ihren heutigen Hauptsitz in Neuenburg. Dessen Architektur soll die Rolle des BFS in der Gesellschaft widerspiegeln: Der 50 Meter hohe Turm symbolisiert die Leuchtturmfunktion der Statistiken für die politischen Entscheidungsträger; die grossen Fenster stehen für Transparenz. Selbst hinter dem Gebäude hat man Seeblick, einfach durch die Büroräume hindurch.

«Lügenmaschine»

«Je demokratischer ein Staat, desto transparenter und desto einfacher ist es auch für die Statistiker», hält Ulrich fest. Daran gemessen ist der Job des Schweizer Direktors ein einfacher, zumindest im Vergleich zu einigen ausländischen Amtskollegen. Beispiel Argentinien: Hier nahm die Regierung während der Präsidentschaften des Ehepaars Kirchner Einfluss auf die Statistikbehörde. Dermassen massiv, dass der argentinische Ökonom Jorge Todesca das statistische Amt als «Lügenmaschine» anprangerte.

Es wurde zum Beispiel so lange an der Methode zur Erfassung der Inflationsrate herumgeschraubt, bis die Zahlen den Wünschen der Regierung entsprachen. Beispiel gefällig? Gemäss den Behörden entsprach die Teuerung Anfang 2016 15 Prozente im Vergleich zum Vorjahr. Fachleute zweifelten dies an, gingen eher von 25 Prozent aus. Mittlerweile heisst der Präsident von Argentinien Mauricio Macri, der den kritisierenden Todesca kurzerhand zum Chefstatistiker ernannte. Seither kann man den Zahlen wieder vertrauen.

Heiligtum Unabhängigkeit

«Wir ändern unsere Methoden nicht, nur weil das Resultat jemandem nicht passt», sagt Ulrich. Ihre Unabhängigkeit ist das Heiligtum der Statistiker. Alain Berset sei zwar sein Chef, fährt der 48-jährige Statistiker mit Nachdruck fort, dennoch würden für ihn dieselben Regeln gelten wie für alle anderen. Niemand erhalte zum Beispiel die Ergebnisse früher. «Egal ob Bundesrat oder Bäcker». Doch auch hierzulande musste sich die Statistikbehörde die Unabhängigkeit einst erkämpfen. Im Ersten Weltkrieg war es auch in der Schweiz gang und gäbe, die Statistik zu Propaganda-Zwecken zu missbrauchen, um die Bevölkerung zu manipulieren.

Georges-Simon Ulrich ist der 15. Direktor in der Geschichte des Bundesamtes für Statistik.

Georges-Simon Ulrich ist der 15. Direktor in der Geschichte des Bundesamtes für Statistik.

Noch heute werden die Zahlen des BFS gebraucht, um Wähler von einer bestimmten Politik zu überzeugen. Was auch in Ordnung ist, für das sind die Fakten da – als Entscheidungsgrundlage. Doch Ulrich ist sich eines bewusst: «Viele Politiker suchen einfach nach Statistiken, die ihnen passen und nützen.» Andere würden in die Zahlen des BFS noch ihre persönlichen Erfahrungen reinfliessen lassen. «Auch wird längst nicht immer kenntlich gemacht, dass die Zahlen von uns sind.» Entscheidend sei in solchen Fällen die Medien- beziehungsweise Statistikkompetenz des Bürgers. «Schaut er auf die Quelle und wie die Statistik erhoben wurde?»

Vorbild Kanada

Früher sah das BFS seine Arbeit beendet, sobald eine neue Statistik und die dazugehörige Pressemitteilung publiziert waren. «Heute reicht das nicht mehr», sagt Ulrich. Die moderne Kommunikation und insbesondere das Aufkommen der sozialen Medien haben die Ausgangslage verändert. «Dem müssen wir Rechnung tragen.»

Zukünftig möchte das BFS vermehrt nicht mehr nur der Informationsvermittler sein, sondern auch den Dialog suchen. Am liebsten wie in Kanada, doch dafür würden definitiv die Mittel fehlen. Das statistische Büro in Kanada sucht nach der Herausgabe eines Communiqués vier Mal am Tag die Social-Media-Kanäle ab und nimmt aktiv an den Diskussionen über die publizierten Statistiken teil – ergänzt und stellt Dinge klar. Doch: «Die Kanadier haben alleine für die Kommunikation 120 Leute, das ist nicht vergleichbar mit den Mitteln des BFS», sagt Ulrich. Für die Kommunikation setzt das BFS derzeit 750 Stellenprozente ein. «Dennoch möchten wir vermehrt eine gewisse Verantwortung über die Publikation hinaus übernehmen.» Einen genauen Plan gibt es aber noch nicht.

In geringem Umfang reagiert das BFS schon seit einigen Jahren. Auf ihrer Website publiziert die Behörde Stellungnahmen, falls Fehlinterpretationen, Bedarf an Ergänzungen oder Kritik dies erfordern. Doch diese sind auf der Website so gut versteckt, so zurückhaltend formuliert und so selten, dass es einer Alibiübung gleichkommt. Im laufenden Jahr wurde bisher eine Stellungnahme veröffentlicht.

Auf dem Dach des Bundessamts für Statistik in Neuenburg

Auf dem Dach des Bundessamts für Statistik in Neuenburg

«Wir sind nicht die Lustigsten»

Das BFS – der Faktenlieferant der Schweiz in einer Welt der Fakes. Glaubt die Bevölkerung noch den Zahlen und Fakten der Behörde? «Ich hoffe schwer, dass wir als kompetent wahrgenommen werden», sagt Ulrich und blickt kurz aus dem Fenster seines Büros zum Neuenburgersee. Zwei Fakten stimmen ihn zuversichtlich: «Während wir uns unterhalten haben, haben über 2000 Menschen auf unsere Website zugegriffen. Dies zeigt: Man glaubt uns.» Zudem habe das BFS eine hohe Rücklaufquote bei Umfragen, bei denen teils auch sehr private Daten erfragt werden. Dies deutet Ulrich wie folgt: «Wir sind vielleicht nicht die Lustigsten, aber vertrauenswürdig.»

Geil auf Vornamen

Dennoch hat das BFS auch schon versucht, hip zu sein. Einmal mit grossem Erfolg: Die erfolgreichste Statistik in der Geschichte des BFS ist die Vornamensstatistik. Wer wie heisst, hat zwar keine grosse Relevanz, doch es interessiert die Menschen. Man sei nicht klickgeil, sagt man vonseiten des BFS. Trotzdem freut man sich, finden die Menschen über die Vornamen auf die Internetseite des Bundesamts. Es könnte ja sein, dass sich der eine oder andere zusätzlich noch auf eine relevantere Statistik verirrt.

Apropos verirrt, wie häufig findet der Direktor den Weg auf das Laufband, das prominent rechts neben seinem Schreibtisch steht. «Ich sollte häufiger rennen», räumt Ulrich ein. Zu seiner Entschuldigung können wir Winston Churchill zitieren: «Sport ist Mord.»

Doch Moment mal! Auch dieses Zitat ist ein Fake.