Hells Angels vs. Bandidos
Hunderte Rocker demonstrieren in Bern für die eigenen Regeln ihrer Subkultur – das Gericht setzt ihnen Grenzen

Das Regionalgericht Bern-Mittelland gibt sein Urteil gegen 22 Angeklagte bekannt. Der Haupttäter muss ins Gefängnis, doch fünf Beschuldigte werden freigesprochen. Die Ereignisse im Überblick.

Andreas Maurer und Kari Kälin Jetzt kommentieren
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Die Uniform der Höllenengel.

Die Uniform der Höllenengel.

Keystone

Darum geht es

Der Motorradclub Hells Angels verlangt, dass sich alle anderen Rockerklubs ihm unterordnen. Wer das nicht tut, muss damit rechnen, verprügelt zu werden. Es geht nicht nur um die Ehre, sondern um geschäftliche Interessen. Mitglieder der Hells Angels sind in verschiedenen, zum Teil kriminellen Bereichen aktiv und wollen diese kontrollieren.

Lange Zeit war es in der Schweizer Szene ruhig, weil die Hells Angels konkurrenzlos agieren konnten. Das änderte sich 2019, als die Bandidos ihren ersten Schweizer Ableger in Belp BE gründen wollten. Mitglieder der Hells Angels und der verbündeten Broncos statteten einer Bandidos-Party im designierten Klubhaus deshalb einen «Einschüchterungsbesuch» ab. Es kam zu einer Massenschlägerei, in der vor allem die Angreifer verletzt wurden. Ein Hells Angel erlitt einen Bauchdurchschuss.

Die Berner Staatsanwaltschaft klagte 22 Beteiligte beider Seiten an und verlangt für drei Bandidos Gefängnisstrafen und für alle anderen bedingte Strafen. Beim Prozessbeginn vor einem Monat lieferten sich die verfeindeten Rockergangs vor dem Gericht eine Strassenschlacht.

Warum das wichtig ist

Die Szene ist verschwiegen. Alle Angeklagten haben die Aussage verweigert. Entsprechend schwierig ist die Beweisführung für die Ermittler. Der Fall gibt Einblick in eine Welt, die in der Schweiz häufig glorifiziert wird, und zeigt auf, ob die Justiz die Rockerkriminalität mit den bestehenden Mitteln im Griff hat.

Deutschland geht härter gegen die Rocker vor und verbietet gefährliche Ortsgruppen. Eine Folge davon: Die Mitglieder dürfen keine Waffe mehr tragen. In der Schweiz kommen sie hingegen legal zu Pistolen und Gewehren. Wird das liberale System dem Problem gerecht?

Ausnahmezustand in Bern: der Aufmarsch der Rocker

Die Mitglieder der Hells Angels und ihre Anwälte kommen in das schwer bewachte Gerichtsgebäude.

Die Mitglieder der Hells Angels und ihre Anwälte kommen in das schwer bewachte Gerichtsgebäude.

Keystone

Sie beginnt um 9 Uhr und dauert aussergewöhnlich lange. Das Gericht rechnet mit drei Stunden. Es kündet «scharfe Sicherheitskontrollen» am Eingang an. Die Polizei ist mit einem Grossaufgebot vor Ort und will ein Aufeinandertreffen der Gangs diesmal verhindern.

Der Wasserwerfer steht bereit.

Der Wasserwerfer steht bereit.

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Auf der Schützenwiese in unmittelbarer Nähe zum Amtshaus haben sich Hunderte Hells Angels und Mitglieder befreundeter Motorradklubs versammelt. Harleys mit Kennzeichen aus der ganzen Schweiz sind dort parkiert. Einige Mitglieder der Motorradgangs sind mit Sturmhauben ausgerüstet. Die Rocker tragen ihre Lederjacken mit den Emblemen.

Grossaufmarsch: Hunderte Mitglieder der Hells Angels versammeln sich bei der Schützenwiese.

Grossaufmarsch: Hunderte Mitglieder der Hells Angels versammeln sich bei der Schützenwiese.

Keystone

An ein Gitter haben die Schweizer Motorradklubs, also die Hells Angels und Konsorten, einen QR-Code montiert. Beim Öffnen schlägt einem eine grosse Portion Pathos entgegen: die Schweizer Flagge mit Wilhelm Tell in der Mitte und einem Statement, festgehalten auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Zudem erklingt der Schweizerpsalm. In der Erklärung betonen die Motorradklubs ihr freundschaftliches und friedliches Verhältnis untereinander. Sie hätten seit mehr als 50 Jahren ein System mit eigenen Regeln für die Bikerszene – das solle auch so bleiben.

Pathos und Patriotismus: das Statement der Hells Angels und ihrer Freunde.

Pathos und Patriotismus: das Statement der Hells Angels und ihrer Freunde.

Screenshot

Mitglieder der mit den Höllenengeln verfeindeten Bandidos wurden in der Zone rund um das Amtsgericht bis jetzt keine gesichtet. Die Hells Angels können ungestört ihren Geschäften nachgehen. Die Behörden haben für sie Toitoi-WC aufgestellt.

Ein Bild vor Ort macht sich der Berner Sicherheitsdirektor Philippe Müller (FDP). Er diskutiert mit Polizisten.

Reto Nause, Sicherheitsdirektor der Stadt Bern, ist auch vor Ort.

Reto Nause, Sicherheitsdirektor der Stadt Bern, ist auch vor Ort.

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So lautet das Urteil in Kürze

Der Hauptbeschuldigte, der 37-jährige Sicherheitschef der Bandidos, wird wie beantragt wegen versuchter vorsätzlicher Tötung verurteilt, und zwar zu acht Jahren Gefängnis (statt 9,5 wie beantragt). Er soll einem Hells Angel in den Bauch geschossen haben. Der zweite Beschuldigte wird hingegen von den schweren Vorwürfen freigesprochen und nur wegen Raufhandels verurteilt.

Am Donnerstag hat das Regionalgericht Bern-Mittelland das Urteil im Rocker-Prozess gefällt.

Katja Jeggli/CH Media Video Unit

In diesem Stil geht es weiter: Mehrere Angeklagte werden verurteilt, mehrere aber auch freigesprochen. Der Gerichtspräsident hält fest, dass der grobe Ablauf der Schlägerei als erstellt gilt. Doch nicht in jedem Fall lässt sich die Beteiligung der Angeklagten beweisen.

In der Mitte des grossen Gerichtssaals hängt ein grosser schwarz-goldener Kronleuchter. Darunter sitzen die Angeklagten, einige in abgewetzten Lederjacken, umringt von muskulösen Polizisten.

Die speziellsten Aussagen des Gerichtspräsidenten

Der Gerichtspräsident spricht stundenlang über wichtige und unwichtige Details der Auseinandersetzung. Folgende Sätze bleiben hängen:

«Keiner der Beschuldigten konnte erklären, warum sie Stöcke dabei hatten. Wir nehmen nicht an, um den Tee umzurühren.»

Und zu den vielen Klappmessern, welche die Polizei am Tatort gefunden hat, meint er:

«Viele der Beschuldigten haben ausgesagt, sie hätten von ihrem Vater gelernt, ein richtiger Mann habe immer ein Sackmesser dabei. Ob aber solche Messer damit gemeint sind, wage ich zu bezweifeln.»

Zum Machtanspruch der Rockergangs sagt der Gerichtspräsident:

«Es kann nicht sein, dass gewisse Mitglieder unserer Gesellschaft Regeln aufstellen, die dem Strafrecht widersprechen.»

Derweil ist von draussen Motorenlärm zu hören: Die ersten Rocker knattern auf ihren Maschinen davon. Drinnen im Saal sind einige der Verurteilten während der langen Rede des Richters eingedöst, einer fällt dabei fast vom Stuhl.

Die Bilanz: Die verhängten Strafen im Vergleich mit der Anklage

Die drei Hauptbeschuldigten Bandidos müssen 8 Jahre, 3,5 Jahre sowie 8 Monate ins Gefängnis. Das ist weniger als von der Staatsanwaltschaft beantragt. Diese verlangte 9,5 Jahre, 8,5 Jahre und 4 Jahre.

Der Hauptunterschied ist, dass das Gericht einen der drei Haupttäter nur wegen Raufhandels verurteilt und nicht wie beantragt auch wegen versuchter vorsätzlicher Tötung.

Wegen Raufhandels wird bestraft, wer sich an einer Schlägerei beteiligt. Diesen Schuldspruch erhalten 14 Beschuldigte. Die meisten von ihnen kassierenbedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten, sie müssen also nur ins Gefängnis, falls sie rückfällig werden.

Fünf Beschuldigte werden freigesprochen: 2 Bandidos, 2 Broncos (Verbündete der Hells Angels) und 1 Hells Angel. Ihnen kann die Beteiligung an der Schlägerei nicht nachgewiesen werden.

Beat Luginbühl, der Verteidiger des Haupttäters, kündigt an, wahrscheinlich Berufung zu erheben. Er findet die achtjährige Gefängnisstrafe zu hart.

Beat Luginbühl, der Verteidiger des Hauptangeklagten, kritisiert das Urteil.

mau
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