Verwahrung

Urteil im Fall Ilias (†7): Alice F. bleibt ihr Leben lang eingesperrt - Die Fachärztin für forensische Psychiatrie erklärt, was eine Verwahrung bedeutet

Die Eltern des ermordeten Ilias (vorne) wohnten dem gesamten Prozess von Alice F. (Mitte) bei.

Die Eltern des ermordeten Ilias (vorne) wohnten dem gesamten Prozess von Alice F. (Mitte) bei.

Im März vergangenen Jahres tötete die heute 76-jährige Alice F. in Basel einen siebenjährigen Jungen. Nun hat das Basler Stafgericht das Urteil gefällt: Es sieht im Fall des getöteten Ilias sämtliche Mordmerkmale als gegeben an. Die Täterin ist jedoch schuldunfähig.

In Fussfesseln wird Alice F. in den Saal des Basler Strafgerichts geführt, ein feines Lächeln auf den Lippen. Die Familie des ermordeten Ilias, Staatsanwalt, Opferanwalt, Verteidiger und das fünfköpfige Richtergremium warten auf die Beschuldigte. Alice F. muss sich für die Urteilsverkündung erheben. Der Gerichtsschreiber verliest: Der Straftatbestand für Mord ist gegeben, die Angeklagte ist schuldunfähig, das Gericht ordnet eine ordentliche Verwahrung an. Alice F. hört regungslos zu. Die Mutter des getöteten Siebenjährigen stützt ihren Kopf auf ihre Hände, vermutlich laufen ihr Tränen die Wangen hinunter. Sie greift zum Taschentuch.

Die 76-Jährige erhält die Massnahme, die sowohl der Erste Staatsanwalt Alberto Fabbri als auch der Opfervertreter forderten. Die vorsitzende Richterin spricht Alice F. in ihrer Begründung direkt an: «Laut dem psychiatrischen Gutachter leiden Sie an einer ausgeprägten Wahnstörung. Sie sind nicht dazu fähig, Unrecht einzusehen. Spätestens mit dieser Tat wurde der Wahn für alle offensichtlich, auch wenn Sie es bestreiten.» Die Beschuldigte sei aufgrund ihrer Störung nicht zur Einsicht fähig. Das habe die Hauptverhandlung aufgezeigt: Über die eigentliche Tat, den Mord am siebenjährigen Ilias, sprach Alice F. kaum. Vielmehr liess sie sich über ihre rund vierzig Jahre andauernden Konflikte mit den Behörden aus.

Untherapierbar, da keine Motivation für Behandlung

Eine Freiheitsstrafe erhält die Rentnerin keine. Aufgrund ihrer Schuldunfähigkeit wurde vom Gericht geprüft, ob eine stationäre Massnahme oder die ordentliche Verwahrung angeordnet werden sollte. «Eine Therapie setzt voraus, dass man behandelbar ist», so die Richterin. Und es müsse eine Behandlung geben, die man bei der betroffenen Person einsetzen könne und die innerhalb einer sinnvollen Zeit gewisse Fortschritte verspreche. Beides bezweifelt das Gericht im Fall von Alice F., da kaum Motivation für eine Therapie bestehe. Die Rentnerin wird damit als untherapierbar eingeschätzt und deshalb verwahrt.

Die hier ausgesprochene Verwahrung ist eine von nur wenigen pro Jahr. 2015 wurden schweizweit mehr als 200 stationäre Behandlungen und lediglich drei ordentliche Verwahrungen verordnet. Simone Hänggi ist Fachärztin für forensische Psychiatrie und Leiterin der Fachstelle Forensik in der Psychiatrie Baselland. Sie sagt: «Die ordentliche Verwahrung zielt darauf ab, dass die Person nicht mehr in Freiheit kommen wird.» Eine stationäre Massnahme hingegen würde das Gegenteil bezwecken.

Laut Gesetz werden Verwahrte in einer Massnahmenvollzugseinrichtung oder gemäss Hänggi in den meisten Fällen in einer Strafanstalt untergebracht. «Dort werden sie wie die restlichen Insassen behandelt. Für psychisch kranke Verwahrte, die im Strafvollzug aufgrund ihrer Erkrankung überfordert sind, hat es in den forensisch-psychiatrischen Kliniken keinen Platz. Das ist ein riesiges Problem.» Denn dort stelle man sich auf den Standpunkt, diese Personen seien ja nicht therapierbar. Deshalb bestehe seit Langem die Forderung nach einer gesonderten Einrichtung für diese spezielle Gruppe von inhaftierten Personen in der Schweiz.

Alice F. wird sich weiter mit ihrem Fall beschäftigen. Das Gericht ordnet an, dass sie die beschlagnahmten Akten zurückbekommt. Das Urteil des Strafgerichts ist noch nicht rechtskräftig. Bis dahin bleibt Alice F. in Sicherheitshaft. Zwei Polizisten führen sie aus dem Saal. Das Lächeln trägt sie noch immer auf den Lippen.

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