Die Vorfälle, die man sich in Bern erzählt, häufen sich. Immer mal wieder nicke Bundesrat Johann Schneider-Ammann, 66, in Konferenzen ein. So etwa an den Von-Wattenwyl-Gesprächen vom 31. August, als er kurz weggetreten sein soll, in Anwesenheit der Regierung in corpore und der Spitzen der Parteien. Das erzählen zwei Quellen. Sei es an Sitzungen wie jener der Wirtschaftskommission vom 4. September. Bei der Diskussion um Freihandel soll er durch längere Pausen aufgefallen sein. Und selbst an Bundesrats-Sitzungen sei er schon mehrfach eingenickt, sagt eine hochrangige Quelle.

Die Vorfälle sorgen für Getuschel und werfen die Frage auf, wie sie gewertet werden müssen: Schläft Schneider-Ammann in Sitzungen ungewollt ein, weil er überarbeitet ist? Hat er ein gesundheitliches Problem? Oder hält er nur Powernaps, um sich fitzumachen, eine Art Inemuri gar, wie das öffentliche Nickerchen in Japan genannt wird? Es wird dort auf Konferenzen akzeptiert. Oder ist alles ganz anders: Kann sich der Wirtschaftsminister mit geschlossenen Augen besser konzentrieren?

Eines steht fest: Politiker und Verwaltungsbeamte machen sich Sorgen um Schneider-Ammann. Sie fragen sich, ob er sich nicht zu viel zumutet, wundern sich, weshalb die FDP nichts unternimmt, das Umfeld die Belastung nicht reduziert. Und sie fragen sich vor allem: Steht ein Rücktritt zur Diskussion?

Die Besorgnis zeigte sich exemplarisch vor der Aufzeichnung der Abstimmungs-«Arena» zur Ernährungssouveränität vom 24. August. Einem Anwesenden fiel auf, wie müde Bundesrat Schneider-Ammann wirkte. So müde, dass sich der Anwesende diskret bei der «Arena»-Crew erkundigte, ob für einen Notfall ein Care-Team vorhanden sei. Man habe ihm gesagt, die Security-Leute seien für solche Fälle auch medizinisch ausgebildet, sagt er gegenüber der «Schweiz am Wochenende».

Protestantische Arbeitsethik

Geprägt von seiner protestantischen Arbeitsethik, bürdet sich SchneiderAmmann ein hartes Programm auf. Vor den Sommerferien besuchte er vom 8. bis 16. Juli Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan und Kirgisistan. Seine zwei Wochen Ferien im Berner Oberland setzte er teilweise ein für Vier- Augen-Gespräche mit den Spitzenvertretern von Arbeitgeber-Verbänden, Travail Suisse und Kantonen. Darin wollte er Kompromissmöglichkeiten bei den flankierenden Massnahmen ausloten.

Schon im September ging er wieder auf Reisen: vom 5. bis 9. September in China. Solche Reisen sind anstrengend. Die Delegation landete um 5 Uhr morgens in Peking. Sofort ging es mit dem 14-Stunden-Tagen los. In einem Interview sagte Schneider-Ammann, diese Reisen müsse man machen, wenn man Luft habe. «Die Schweiz ist jetzt in einer Phase, in der sie Luft hat.»

In dieser Antwort zeigt sich, wie Schneider-Ammann sein Amt sieht: Er dient dem Land, und dafür muss er als Person Opfer bringen – bis an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit. Reisen ins Ausland gehören dazu wie Auftritte im eigenen Land. Er hat eine Mission für die Schweiz, die ein Wegbegleiter so umschreibt: «Jobs, Jobs, Jobs.»

13 Freihandelsabkommen schloss Schneider-Ammann seit 2011 ab. Das sind fast zwei pro Jahr. Darunter jenes mit China, dank intensivem persönlichem Einsatz. Indonesien und die Mercosur-Staaten stehen als Nächstes an. Zudem unterschrieb er 2015 eine Kooperation zur Berufsbildung mit den USA, was der Schweiz privilegierte Zugänge zu den Administrationen Obamas und Trumps ermöglichte.

«Kaum ein anderer Bundesrat hat ein so dichtes Programm und ist so oft bei den Leuten wie Bundesrat Schneider-Ammann», sagt die Berner FDP-Nationalrätin Christa Markwalder. Dass er «bei dieser immensen Arbeitsbelastung ab und zu ein Powernap» brauche, «ist doch nachvollziehbar». In wichtigen Momenten sei er aber immer voll da.

Schon einmal gab Bundesrat Schneider-Ammanns Gesundheit zu reden: Vor zwei Jahren führte ein Rippenbruch dazu, dass sich der damalige Bundespräsident kaum erholen konnte. Diesmal ist die Situation weniger dramatisch. Im Gegensatz zu Beobachtern, die sich Sorgen machen, sieht Schneider-Ammann selbst seine Gesundheit nicht als Thema. Es gehe ihm gut, sagte er in China. Innenpolitisch aber spürt er harte Widerstände. Im Frühling boykottierten ihn die Bauern wegen der Agrarpolitik, im Sommer die Gewerkschaften wegen der Flankierenden.

Parlamentarier wie Christa Markwalder (FDP) und Corrado Pardini (SP) sagen, Schneider-Ammann solle weitermachen. «Ich hoffe sehr, dass er und Doris Leuthard die Legislatur beenden», sagt Markwalder. Unia-Geschäftsleitungsmitglied Pardini hält fest: «Ich hoffe, dass Bundesrat Schneider-Ammann weitermacht.» Bevor er «an Rücktritt denkt», müsse er unbedingt drei Baustellen zu Ende führen: Erstens, dass die roten Linien der flankierenden Massnahmen respektiert würden, zweitens die Situation für ältere Arbeitnehmer verbessern und drittens die Fachkräfte-Initiative vorantreiben. «Ich persönlich und die Sozialpartner stehen ihm für eine Lösung dieser Probleme jederzeit zur Verfügung.»

Schneider-Ammann leiste «im In- und Ausland einen enormen Einsatz für die Schweiz», sagt Kommunikationschef Noé Blancpain zur Situation. «Es ist normal, dass das intensive Programm ab und zu Spuren hinterlässt in Form von Müdigkeit.» Für Schneider-Ammann aber sei sein Wirken für Arbeitsplätze, Perspektiven und Wohlstand in der Schweiz «entscheidend».

In der FDP selbst stellen Insider fest, dass die Nervosität steigt. Das letzte Zeitfenster für einen vorzeitigen Rücktritt neigt sich langsam dem Ende zu.