Covid-19

Überkapazitäten im Gesundheitswesen: Die meisten Spitalbetten für Coronapatienten bleiben leer

Die Spitäler im einwohnerstärksten Kanton Zürich hielten am Mittwochnachmittag 624 Betten für Covid-Patienten bereit. 475 davon standen leer.

Die Spitäler im einwohnerstärksten Kanton Zürich hielten am Mittwochnachmittag 624 Betten für Covid-Patienten bereit. 475 davon standen leer.

Die Kapazitäten für Covid-19-Fälle sind laut der Vereinigung der Spitaldirektoren nur zu einem Drittel ausgelastet. Die Armee plant bereits das Ende ihres Einsatzes.

Überfüllte Spitäler, überarbeitete Ärzte, viel zu wenig Schutzmaterial. Die dramatischen Meldungen aus Norditalien ab Ende Februar bewogen die Schweizer Behörden dazu, die Kapazitäten im Gesundheitswesen stark auszubauen. Die Armee liess mehrere Tausend Spital- und Sanitätssoldaten einrücken. Die Krankenhäuser bauten Operationssäle in Intensivpflegeplätze um. Das Bundesamt für Gesundheit bestellte Hunderte zusätzliche Beatmungsgeräte. Ob die Kapazitäten für alle Patienten ausreichen würden, wusste niemand.

Inzwischen ist klar: Es hat mehr als genug Betten. Während die Zahl der täglichen Neuinfektionen bereits wieder sinkt, stehen in den Schweizer Krankenhäusern zwei Drittel der für Covid-Fälle bereitgestellten Betten leer, sagt Rolf Gilgen, Präsident der Vereinigung der Schweizerischen Spitaldirektoren. «Die grosse Welle, die man befürchtet hatte, ist nicht eingetroffen.» Wie gross die Reserven sind, zeigt das Beispiel Zürichs. Die Spitäler im einwohnerstärksten Kanton hielten am Mittwochnachmittag 624 Betten für Covid-Patienten bereit. 475 davon standen leer. Nur 50 Zürcher Coronapatienten mussten beatmet werden. Das ist ‑ zum Glück ‑ weit entfernt von den Worst-Case-Szenarien, welche Epidemiologen zu Beginn der Pandemie skizzierten.

Auch die Armee rechnet mit einer weiteren Entspannung der Situation und plant bereits das Ende ihres Pandemieeinsatzes für die zivilen Behörden. Noch ist das Militär in rund fünfzig Spitälern im Einsatz.

Vorkehrungen für eine zweite Ansteckungswelle

Der «oberste Spitaldirektor» Rolf Gilgen betont, für eine definitive Entwarnung sei es zu früh. Gerade bei den Intensivpflegeplätzen sei es wichtig, die Kapazitäten länger aufrecht zu erhalten, da schwer erkrankte Infizierte oft über Wochen behandelt werden müssten. Im Fall einer erneuten Ansteckungswelle müssten die Spitäler die Kapazitäten für Coronapatienten innert zwei bis drei Tagen wieder hochfahren können. «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht vom einen ins andere Extrem fallen.»

Die hohe Zahl der leer stehenden Betten erhöht aber den Druck auf den Bundesrat, den Spitälern möglichst bald wieder die Behandlung von Patienten zu erlauben, die keine Notfälle sind.

Die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) plädiert dafür, in einem ersten Schritt Behandlungen ohne Spitalübernachtung wieder zu ermöglichen. Bewähre sich die Wiedereinführung von ambulanten Konsultationen, könne die Lockerung auf stationäre Eingriffe mit einer beschränkten Aufenthaltsdauer ausdehnt werden, sagt GDK-Generalsekretär Michael Jordi. Bedingung dafür sei, dass die Patienten keine knappen Medikamente benötigen, die für die Therapie von Covid-Patienten verwendet werden. Verschiebbare Eingriffe mit einem wahrscheinlichen Aufenthalt auf der Intensivstation sollen erst ganz am Schluss wieder erlaubt werden.

Die Kantone fordern vom Bundesrat ein schweizweit einheitliches Vorgehen. Es dürfe keinen kantonalen Flickenteppich geben wie bei der Einführung des Lockdowns. Andernfalls könne es bei medizinischen Behandlungen zu einer Art Einkaufstourismus kommen.

Keine breite Kritik an den Überkapazitäten

Offen bleibt die Frage, warum das Schweizer Gesundheitswesen durch die Coronapandemie bis jetzt weniger stark ausgelastet worden ist als die Spitäler anderer Industrieländer.

Michael Jordi von der Gesundheitsdirektorenkonferenz sieht das im europäischen Vergleich früh erlassene Verbot von Grossveranstaltungen des Bundesrates als einen möglichen Grund für das relativ rasche Abflachen der Covid-Ansteckungskurve. Auch das hohe Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in die Behörden habe dazu beigetragen, dass die Massnahmen schnell gewirkt hätten.

Kritik an den Überkapazitäten im Gesundheitswesen ist aktuell kaum zu hören. So fordert SVP-Fraktionschef und Gesundheitspolitiker Thomas Aeschi im Namen seiner Partei ab dem 27. April zwar eine schrittweise Lockerung des Lockdowns. Jetzt sei aber nicht die Zeit, das Vorgehen und allfällige Fehler der Gesundheitsbehörden ausufernd zu kritisieren.

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