Schweiz

Über 200 Millionen Schaden für die Schweiz: Ehemaliger Reeder wird wegen Betrug zu fünf Jahren verurteilt

Der ehemalige Reeder Hans-Jürg Grunder (Mitte) wird wegen Betrugs zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Der ehemalige Reeder Hans-Jürg Grunder (Mitte) wird wegen Betrugs zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Das Berner Wirtschaftsstrafgericht verurteilt den Reeder Hans-Jürg Grunder wegen Betrug zu fünf Jahren Haft.

Schuldspruch im Hochseeprozess: Das Berner Wirtschaftsstrafgericht spricht den ehemaligen Reeder Hans-Jürg Grunder (66) schuldig, mit Schiffsbürgschaften betrogen zu haben. Er soll fünf Jahre ins Gefängnis. Die Anklage hatte 7,5 Jahre Haft verlangt. Teilweise wurde Grunder freigesprochen.

Richterin Barbara Lips, die den dreiköpfigen Spruchkörper präsidierte, gab dieses Urteil am Donnerstag kurz nach 14 Uhr im Gerichtssaal im Berner Amtshaus bekannt. Das Gericht hatte sich seit Ende letzter Woche zur geheimen Urteilsberatung zurückgezogen. Der Prozess hatte in der letzten Juni-Woche begonnen.

Nervöse Spannung

Die Parteien hatten den Spruch mit nervöser Spannung erwartet, Prognosen wollte im Vorfeld niemand machen. Eine der Eigenheiten des Verfahrens war: Alle - Kläger, Verteidiger und das Gericht - mussten sich im Vorfeld des Prozesse in die für Schweizerinnen und Schweizer ungewohnte und nach eigenen Gesetzen funktionierende Materie Hochseeschiffe einarbeiten. Auch danach war es für die meisten Akteure naturgemäss schwierig, manche Vorfälle zuverlässig zu beurteilen, die zum Teil zudem 15 Jahre und mehr zurücklagen und teilweise verjährt und mangelhaft dokumentiert sind.

Die Hochseebranche gilt als korruptionsanfällig, jedenfalls gehören Kickbacks und Provisionen zum täglichen Brot. Die einzigen wirklichen Experten im Prozedere waren der mit vielen Wassern gewaschene Angeklagte und einige Fachleute in den Teams der Privatkläger. So war auf Seiten der Privatkläger Finbarr Murphy präsent, ehemaliger Finanzchef des Angeklagten und selbst ein Mann, der mit einigen Fragezeichen behaftet sein soll.

Grunder hatte 13 Schiffe

Grunder hatte 13 vom Bund verbürgte Schiffe besessen. Als er zahlungsunfähig wurde, verloren Eidgenossenschaft und Steuerzahler rund 200 Millionen Franken. 2017 reichte der damalige Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) Strafanzeige gegen Grunder sowie gegen Michael Eichmann ein, dem ehemals für Schiffsbürgschaften zuständigen Chefbeamten im Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Gegen den ehemaligen Bundesbeamten Eichmann ermittelte danach die Bundesanwaltschaft – sie stellte dieses Verfahren Ende Mai ein.

Der Teil, der den Geschäftsmann Grunder betraf, übernahm die Berner Staatsanwaltschaft. Sie führte bei Grunder Hausdurchsuchungen durch und nahm ihn zwei Wochen in Haft. Danach erhob sie Anklage. Staatsanwalt Roman Sigrist forderte wegen Leistungsbetrug, Betrug, ungetreuer Geschäftsbesorgung, Urkundenfälschung und Falschbeurkundung, alles meist mehrfach begangen, eine Haftstrafe von 7,5 Jahren plus eine bedingte Geldstrafe von 360 Tagessätzen zu 150 Franken.

Laut Anklage war der Reeder seit Beginn der Nullerjahre mit beträchtlicher krimineller Energie und sehr planmässig am Werk bei seinem mutmasslichen Betrug mit Schiffsbürgschaften des Bundes. «Es ist höchste Zeit, dass der Angeklagte zur Rechenschaft gezogen wird», so Staatsanwalt Sigrist. Er wies darauf hin, dass Grunder weder Einsicht noch Reue zeigte. Vor Gericht hatte der Reeder die Aussage zur Sache verweigert.

«Buebetrickli»: ohne Eigenkapital eine Flotte aufgebaut

Durch «Buebetrickli» habe der Reeder praktisch ohne Eigenkapital eine vom Bund verbürgte Flotte aufgebaut und dabei Millionen ertrogen, warf ihm die Anklage vor. Den für Bundesbürgschaften zuständigen Beamten hielt der Staatsanwalt vor, sie hätten es an kritischer Haltung fehlen lassen. Auch, weil sie im Gegenzug gelegentlich «die aufregende Luft der Hochsee schnuppern» durften.

Grunders amtlicher Verteidiger Raffael Ramel dagegen hatte seinen Mandanten als Opfer dargestellt; er habe immer versucht, seine Firma zu retten. Er bestritt, dass Grunder überhöhte Schiffspreise simuliert und so betrogen habe. Die Preise seien korrekt gewesen, weil zu den reinen Werftpreisen noch Eigenleistungen und Erstausrüstung dazu kamen. Das Grunder Millionen über eine Firma in Hong-Kong fliessen liess, habe nur steuerliche Gründe gehabt. Die Firma wurde, offenbar auch gegenüber den Berner Steuerbehörden, als Drittfirma ausgegeben, gehörte in Tat und Wahrheit aber Grunder selbst.

Der Bund verlor 200 Millionen Franken

Grunders Verteidiger plädierte auf Freispruch auf der ganzen Linie und verlangte Genugtuung für erlittene Vorverurteilungen durch Medien, Bund und Staatsanwaltschaft.

Der Bund, der wegen der Pleite von Grunders Schiffsgesellschaften rund 200 Millionen Franken verlor, war als Privatkläger aufgetreten. Direkt, über das Wirtschaftsdepartement von Guy Parmelin (SVP), und indirekt über die einzelnen Schiffsgesellschaften. Weiterer Privatkläger war die Familie des Berner Wirtschaftsanwalts Nicolas Koechlin, der sich von Grunder betrogen sah. Dieser hatte, so die Vorwürfe, der Familie Koechlin ein Schiff zu einem überhöhten Preis verkauft.

Das Vermögen wurde konfisziert

Der Reeder lebt heute angeblich von der AHV und seiner Pensionskassenrente zusammen mit seiner Frau in seiner Villa am Thunersee. Sein greifbares Vermögen wurde von der Staatsanwaltschaft konfisziert, es soll laut Anklage dazu dienen, um Privatkläger zumindest teilweise zu entschädigen. So soll Grunders Villa in Oberhofen am Thunersee unter den Hammer kommen. Grunder hatte 2003 und 2004 mehrere Liegenschaften auf seine Frau überschrieben. Laut Anklage wollte Grunder damit seine Vermögenswerte ins Trockene retten. Denn die Eheverträge wurden just in der Phase ausgefertigt, als Grunder laut Anklage begann, mit einer Reihe von Schiffen zu betrügen.

Meistgesehen

Artboard 1