Im Sommer 2017 verbreitete sich eine Wortschöpfung rasend schnell: Overtourism. Was dem Phänomen globale Aufmerksamkeit brachte, war nicht ein plötzlicher Wachstumsschub. Die Touristenströme waren zuvor über Jahrzehnte angeschwollen.

Der Begriff war nicht neu, er wurde fünf Jahre zuvor geprägt. Neu war der Aufstand der Anwohner. In Venedig marschierte sie gegen Kreuzfahrtschiffe. In Barcelona hielten sie Busse auf und sprayten an die Wände: «Tourists go home».

Im Sommer 2018 fürchten solche Gegenreaktionen auch schweizerische Touristiker. Hotelleriesuisse, Verband der Schweizer Hoteliers, will nicht zuwarten bis in Luzern, Interlaken oder Vitznau ein «Tourists not welcome» an Häuserwänden prangert.

Andreas Züllig, Präsident des Verbands, befürwortet daher Massnahmen: «Wir müssen versuchen, die Touristenströme mit sanften Eingriffen in den Markt zu steuern.» Dafür seien etwa Schwellenwerte zu prüfen, um die maximale Besucherzahl an einem Ort zu begrenzen.

Konkret will Züllig bei Airbnb ansetzen. «Die Vermittlungsplattform kann dazu beitragen, dass sich unter lokalen Anwohnern eine tourismusfeindliche Stimmung verbreitet», sagt der Bündner Hotelier. Zum Beleg verweist er auf eine Studie, die das Bundesamt für Wohnungswesen herausgegeben hat.

Die Hochschule Luzern kommt da zum Schluss, gewisse Typen von Sharing entzögen Wohnungen dem lokalen Markt. «Wohnraum wird durch Touristen oder Geschäftsreisende genutzt, die eine höhere Zahlungsbereitschaft haben.» Hingegen hätten Einheimische das Nachsehen, die eine dauerhafte Bleibe suchten.

Hotelleriesuisse will dem beikommen, indem Gesetze und Verordnungen angepasst werden. Ein Vorbild sei etwa Bern, das seine Altstadt generell für Airbnb sperren liess. «Solche begrenzten Verbote können in anderen Städten sinnvoll sein», so Züllig.

Vor allem will der Verband verhindern, dass professionelle Anbieter noch mehr Wohnungen zur Miete auf Airbnb & Co stellen. Dagegen brauche es Auflagen, wie: Wohnungen dürfen höchstens zwei Mal pro Jahr untervermietet werden, jeder Anbieter darf maximal drei Wohnungen oder Zimmer ausschreiben.

Super-Anbieter mit 184 Wohnungen

Die Forderungen wurden in Bern platziert. Dort ist das Bundesamt für Wohnungswesen beauftragt, mietrechtliche Verordnungen den neuen Online-Plattformen anzupassen. So sollen neu zwar Mieter eine simple rechtliche Grundlage erhalten, um Wohnung oder Zimmer online kurzfristig zur Untermiete anzubieten. Gleichzeitig sollen Vermieter die Zustimmung dafür verweigern können. Etwa dann, wenn dadurch regelmässig Unbekannte den Schlüssel zur Liegenschaft erhalten.

Die Professionalisierung der Vermittlungsplattformen ist in den Statistiken des Walliser Tourismusobservatoriums zu erkennen. Kleine Anbieter mit nur einem Objekt verlieren an Bedeutung. Solche Zubrot-Verdiener kommen heute von allen online ausgeschriebenen Wohnungen und Zimmern noch auf 54 Prozent, im Jahr 2015 waren es 66 Prozent.

Dagegen haben Profis mit mehr als 10 Objekten heute einen Anteil von 19 Prozent, 2015 erst 5 Prozent. Mittlerweile vermieten 16 Super-Anbieter über 100 Objekte, der grösste gar 184. Airbnb hat längst erkannt, dass «Overtourism» das eigene Geschäftsmodell gefährdet. Im Juni brachte das US-Unternehmen eine Studie mit Gegenargumenten heraus.

Unter anderem wird in der Studie untersucht, wie sich die Airbnb-Angebote verteilen in acht touristisch beliebten Weltstädten, darunter in Barcelona, Venedig oder Amsterdam. Die allermeisten Airbnb-Angebote befinden sich demnach ausserhalb der städtischen Zentren, die vom Massentourismus betroffen seien. Ohnehin komme Airbnb in diesen Städten nur auf 7 Prozent aller Gästeankünfte.

Hotelleriesuisse-Präsident Züllig stimmt insofern zu, als dass bessere Daten wünschenswert seien. «Nur so können wir Touristenströme verstehen und beeinflussen.» Dennoch sei heute schon zu erkennen, dass Overtourism eher auf Airbnb&Co zurückzuführen sei. «Ein Hotel stellt verschiedene Räume zur Verfügung: Restaurant, Bar, Schwimmbad, Aufenthaltsraum. In Wohnungen fehlt das alles, weshalb Gäste auf den öffentlichen Raum ausweichen.»

Unterstützung erhält Züllig von seinen europäischen Kollegen. Der europäische Dachverband der Hotels, Restaurants und Cafés, Hotrec, empfiehlt in einem neuen Positionspapier zu Overtourism ebenfalls «umfassende Datenerhebungen», insbesondere von Kurzzeitvermietungen. Mit einer Forderung nach «Begrenzungen von Kurzzeitvermietungen» zielt der Dachverband auf Online-Vermittlungsplattformen.

Nur mit Reservation an den Strand

Im Sommer 2018 wollen viele Städte, Resort und Länder nicht länger bloss diskutieren. In Amsterdam verkündeten im Mai vier Parteien, sie hätten sich auf ein generelles Verbot von Airbnb in den beliebtesten Amsterdamer Vierteln geeinigt. Auch ausserhalb davon soll Airbnb beschränkt werden. In der japanischen Stadt Kyoto müssen Vermieter sich seit kurzem erst registrieren, bevor sie ihre Wohnungen auf Airbnb stellen dürfen. Daraufhin stürzte die Zahl der Angebote ab.

Derweil wird Overtourism andernorts mit Sperrungen bekämpft. In Thailand behalfen sich die Behörden, indem sie eine berühmte Bucht für vier Monate schliessen liessen. Künftig ist der Zugang beschränkt, Besucher müssen einen Platz reservieren. Thailand erwartet 2019 rund 40 Millionen Touristen, bei einer Bevölkerung von 70 Millionen.

Für die Dolomiten fordert der frühere Extrembergsteiger Reinhold Messner, bestimmte Pässe von 10 bis 16 Uhr für Autos zu sperren. «Sonst verstehen die Leute ihr eigenes Wort nicht mehr, weil alle hupen, wenn es nicht weitergeht.»