Tourismus
Tessiner Gesundheitsdirektor besorgt wegen Ostern

Trotz geschlossener Restaurants: Im Tessin werden für Ostern viele Feriengäste erwartet. Die Tourismusbranche freut’s, die SBB rüsten sich für den Ansturm, und der Gesundheitsdirektor nimmt die Besucher in die Pflicht.

Gerhard Lob aus Locarno
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Flanieren auf der Seepromenade in Ascona: Was, wenn an Ostern noch viel mehr kommen?

Flanieren auf der Seepromenade in Ascona: Was, wenn an Ostern noch viel mehr kommen?

Keystone (27.02.2021)

Die Lust auf ein paar Ferientage im Süden ist gross. Das spürt die Tourismusbranche im Tessin. «Die Reservationen für die Ostertage in den Hotels sind sehr gut», freut sich Lorenzo Pianezzi, Präsident des Tessiner Hoteliervereins. «Im Unterschied zu früher haben die Gäste frühzeitig reserviert, ohne Wettervorhersagen abzuwarten», fügt der Hotelier aus Lugano an. Das spiegelt das Verlangen nach Reisen.

Ticino Turismo bestätigt den Befund: In den Touristenzentren am Lago Maggiore liegt die Belegung an Ostern nach bisherigem Buchungsstand zwischen 80 und 90 Prozent; in Lugano bei 75 Prozent. Viele Häuser, darunter Fünfsternehotels, sind ausgebucht oder nur noch Einzelzimmer verfügbar. Bei Campingplätzen und Ferienwohnungen sind ebenfalls viele Reservationen zu verzeichnen, prioritär von Deutschschweizern, aber auch von Westschweizern.

Die hohe Nachfrage ist erklärbar. Denn weiter südlich geht es kaum. Schon die Lombardei ist rote Zone. Ausländische Gäste, vorab Deutsche, werden wegen der Corona-Einreisebeschränkungen hingegen nur vereinzelt den Weg ins Tessin finden.

Letztes Jahr blieb der Stau am Gotthard aus

Der Kontrast zum Vorjahr könnte grösser kaum sein. Damals appellierte Regierungsrat Norman Gobbi in einem legendären Appell auf Schweizerdeutsch, angesichts der epidemiologischen Lage, doch bitte an Ostern nicht ins Tessin zu reisen: «Wenn ihr uns liebet, bliebet bitte dahei!» Der Kanton Tessin hatte damals mit vielen Hospitalisierungen wegen des Coronavirus zu kämpfen. Der Appell wurde erhört. Ostern blieb es im Tessin still. Der traditionelle Auftakt der Tourismussaison fiel aus. Erstmals seit Ewigkeiten gab es keinen Stau am Gotthard.

Dieses Jahr wird es anders sein. Der TCS erwartet angesichts der aktuellen Buchungssituation «sehr wahrscheinlich wieder Staus am Gotthard». Die SBB wappnen sich für eine punktuelle Angebotserweiterung. Nach jetzigem Stand der Dinge werde die SBB «über die Ostertage dort zusätzliche oder verlängerte Züge einsetzen, wo entsprechender Bedarf erwartet wird, damit genügend Plätze zur Verfügung stehen werden», teilt eine SBB-Sprecherin mit. Als Premiere wird für Ostern ein Doppelstöcker FV-Dosto auf der Gotthard-Achse unterwegs sein und am Ostermontag auch ein modernisierter IC21.

Dritthöchste 14-Tage-Inzidenz aller Kantone

Der vermeintliche Ansturm freut die Tourismusbranche, löst aber auch einige Sorgenfalten aus. Zum Beispiel beim Gesundheitsdirektor Raffaele de Rosa (CVP). «Ich gestehe, dass ich angesichts eines massenhaften Zustroms von Touristen in Sorge bin», sagt er auf Anfrage. Diese Sorge gelte auch gegenüber deren möglichem Verhalten, «weil in der restlichen Schweiz, im Vergleich zum Tessin, in der ersten Coronawelle weniger schmerzhafte Erfahrungen gemacht wurden». Er hoffe sehr, dass sich die Gäste aus der Deutschschweiz rigoros an die Schutzmassnahmen hielten und Verantwortung zeigten.

Das Tessin steht mit einer 14-Tage-Inzidenz von gut 280 Coronavirusfällen auf 100'000 Einwohner weit oben im interkantonalen Vergleich. Nur Genf und die Waadt haben noch höhere Infektionszahlen.

Angesichts der unsicheren epidemiologischen Situation haben einige Tourismusgemeinden reagiert. Ascona, Locarno und Lugano haben eine Maskenpflicht im Freien eingeführt, um an besonders überfüllten Orten das Infektionsrisiko zu minimieren. Eigentlich war dies schon per Bundesverordnung vorgesehen, doch nun wird diese Vorschrift durch Beschilderungen intensiviert, genauso wie die Kontrollen. «Wir wollen ein Covid-19-freie Gemeinde sein», sagte Asconas Gemeindepräsident Luca Pissoglio.

Die privilegierten Hotelgäste

Ob es gelingen wird, Menschenansammlungen zu vermeiden, bleibt abzuwarten. Schon in den letzten Wochen war etwa die Piazza am Seeufer von Ascona häufig überfüllt und an den Take-aways bildeten sich sehr oft lange Schlangen. Nur Hotelgäste sind privilegiert, weil sie auf den hoteleigenen Terrassen oder auch in den Innenbereichen speisen können.

Für Hotels ohne eigene Küche können benachbarte Gastrobetriebe als Hotelrestaurant fungieren. Diese Situation ist allerdings unbefriedigend. «Es wäre mir lieber gewesen, wenn wenigstens die Terrassen aller Gastwirtschaften hätten öffnen können, aber den entsprechenden Entscheid haben nicht wir getroffen», sagt Simone Patelli, Präsident von Ticino Turismo.