Verteidigungsdepartement

Top-Ingenieur wirft Luftwaffen-Chef Propaganda vor

Übertreibt das Verteidigungsdepartement Ermüdungserscheinungen der F/A-18, um Stimmung für neue Kampfjets zu machen? (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Übertreibt das Verteidigungsdepartement Ermüdungserscheinungen der F/A-18, um Stimmung für neue Kampfjets zu machen? (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Markus Gottier spielte bei der F/A-18-Beschaffung in den 90er-Jahren eine zentrale Rolle. Jetzt kritisiert der Ingenieur den Luftwaffen-Kommandanten: Dieser erwecke den Eindruck, die Jets würden bald auseinanderfallen.

Risse, Risse und noch mehr Risse. Die Verlautbarungen des Verteidigungsdepartements (VBS) der vergangenen eineinhalb Jahre zeichneten ein düsteres Bild der F/A-18-Flotte. Der einstige Stolz der Schweizer Luftwaffe schien das Ende seiner Lebenszeit viel früher als erwartet zu erreichen.

Anfang 2018 vermeldete das VBS den ersten von fünf Rissen am Scharnier einer F/A-18-Landeklappe. In den folgenden Tagen und Wochen veröffentlichte das VBS ein Communiqué nach dem anderen. Die Resonanz in den Medien: beträchtlich.

«Liebe Feinde, bitte jetzt nicht angreifen! Gesamte F/A-18-Flotte der Luftwaffe gegroundet», titelte der «Blick». «Die F/A-18-Flotte ist momentan nicht einsatzfähig», schrieb die «NZZ».

Nach aussen festigte sich das Bild einer Luftwaffe nahe am Kollaps. Und das zwei Jahre vor der voraussichtlichen Volksabstimmung im Jahr 2020 über den Kauf neuer Kampfjets. Flottenchef Bernhard Müller erklärte im «Tages-Anzeiger», der Vorfall zeige, dass sich die Schweiz bei der Beschaffung neuer Kampfflugzeuge «an den Marschplan halten» müsse.

Anfang dieses Jahres folgten weitere schlechte Nachrichten. Das VBS meldete einen Riss am Rumpf einer F/A-18. Im Frühling teilte das Departement mit, die Verfügbarkeit der Kampfjets sei auf unbestimmte Zeit eingeschränkt. Grund seien «bisher nicht bekannte» Probleme aus der Produktionszeit Ende der 90er-Jahre. «Es ist unklar, wie lange wir mit weniger Fliegern auskommen müssen», sagte Flottenchef Müller. Wie schlimm ist die Lage tatsächlich?

Übertriebene Probleme?

Einer der schweizweit führenden Experten in Sachen F/A-18 hat eine deutliche Antwort: Bei weitem nicht so dramatisch, wie es die Luftwaffe nach aussen darstellt. Die Rede ist von Markus Gottier, ETH-Ingenieur, 67 Jahre alt.

Er hielt sich von 1990 bis 1998 im Auftrag des Militärdepartements in St. Louis und Los Angeles in den USA auf, um die Produktion der Schweizer F/A-18 vor Ort zu überwachen. Später machte er sich selbstständig und war für Firmen wie Pilatus und Airbus tätig. Sein Spezialgebiet: Ermüdungsversuche, bei denen die Flieger auf ihre Beständigkeit getestet werden.

Gottier kennt die komplexe Konstruktion der F/A-18-Kampfjets besser als die Piloten, die sie fliegen. Beim Gespräch in seinem Büro im Kanton Luzern findet er klare Worte: «Als ich die Aussagen des Luftwaffen-Kommandanten las, war mir persönlich klar: Das ist beste Propaganda für neue Kampfflugzeuge.»

Die Luftwaffe versuche nach aussen den Eindruck zu erwecken, die Flieger würden bald auseinanderfallen. «Obwohl das überhaupt nicht so ist.» Die Risse an den Scharnieren der Landeklappen beispielsweise seien nicht strukturkritisch, sprich: Das Flugzeug ist auch mit dem Riss weiter manövrierbar. Das kurzzeitige Grounding der ganzen Flotte Anfang 2018 sei eine Überreaktion gewesen.

Markus Gottier kann sagen, was er denkt: Nachdem der Strukturingenieur während Jahrzehnten Ermüdungsabklärungen an militärischen und zivilen Flugzeugen durchführte, nimmt der Berater heute nur noch kleinere Aufträge an, zum Beispiel von Betreibern von Oldtimer-Flugzeugen. Er befürwortet auch den Kauf neuer Kampfjets, aber er will aus seiner Sicht falsche Aussagen der Luftwaffe richtigstellen.

Dazu gehören auch kürzlich publik gewordene Äusserungen eines hochrangigen Ingenieurs der bundeseigenen Rüstungsbehörde Armasuisse. Dieser hatte bei einem Vortrag an der ETH bemängelt, die F/A-18 alterten heute schneller als erwartet, weil in den 90er-Jahren gewisse Vibrationstest nicht durchgeführt wurden. Gottier entgegnet: «Man hat damals alles Machbare gemacht.» Nicht jede Vibration wäre mit vernünftigem Aufwand messbar gewesen. «Das hätte Monate in Anspruch genommen und Unmengen an Geld gekostet.»

Das VBS wehrt sich gegen die Kritik

So desolat, wie die Schweizer Luftwaffe den Zustand der F/A-18 darstellt, kann die Situation nicht sein, ist Gottier überzeugt. Die Tatsache, dass die Schweiz für den Ersatz der bestehenden F/A-18-Flotte vom Hersteller Boeing eine Offerte für das Nachfolgemodell Superhornet angefordert habe, sei der beste Beweis dafür.

Das VBS hingegen wehrt sich auf Anfrage «in aller Form» gegen die Kritik, der Luftwaffenchef betreibe mit «nicht strukturkritischen» Rissen Abstimmungspropaganda für den Kauf neuer Flugzeuge. «Die Vorgabe ist hier klar: Sobald solche Fälle auftauchen, ist die Öffentlichkeit rasch und transparent zu informieren, um allfälligen Gerüchten vorzubeugen.»

Die Luftwaffe habe richtig reagiert, als sie ihre Flieger nach dem ersten Riss erst nach einer Kontrolle der ganzen Flotte wieder in die Luft schickte. «Weder von der Politik noch von der Bevölkerung würde es verstanden, wenn die Luftwaffe unnötige Risiken eingehen und ein Flugzeug über dicht besiedeltem Gebiet abstürzen würde.» Die Kontrolle sei rasch erfolgt. Einschränkungen im Luftpolizeidienst seien keine entstanden.

In einem Punkt geht das VBS mit Ingenieur Gottier einig: Die heutigen Ermüdungserscheinungen seien «nicht auf die Versäumnisse bei der Evaluation vor 30 Jahren» zurückzuführen.

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