Pädokriminialität

Therapeutin Monika Egli-Alge: «Die meisten Pädophilen sind keine Monster»

Psychologin Monika Egli-Alge therapiert Menschen mit pädophilen Neigungen.

Psychologin Monika Egli-Alge therapiert Menschen mit pädophilen Neigungen.

Die Mehrheit der Pädophilen begeht keine Übergriffe. Das ist Monika Egli wichtig. Im Interview erklärt die Psychologin die verschiedenen Arten von pädophiler Pornografie, den Weg zur Sucht und ihre therapeutische Herangehensweise.

Monika Egli-Alge ist eine der führenden Pädophilen-Therapeutinnen der Schweiz. Zu ihr kommen sowohl Pädophile, die noch keine Straftat begangen haben und bei ihr Hilfe suchen, als auch solche, die nach einem Verbrechen eine Therapie absolvieren müssen.

Ein Mann wird arbeitslos, schaut sich im Internet aus Langeweile Bilder von Buben in Badehosen an, steigert sich dann zu immer expliziteren Darstellungen und entwickelt so eine Sucht nach Kinderpornografie. Ist dieses Muster typisch?

Monika Egli-Alge: Ja. In unserer Arbeit mit Pädophilen unterscheiden wir zwei Gruppen von Konsumenten. Die einen suchen mit Begriffen ganz gezielt nach Missbrauchsdarstellungen. Die anderen rutschen im Internet tatsächlich sukzessive in eine Sucht hinein. Zuerst konsumieren sie legale Pornografie und masturbieren dazu. Diese normale Pornografie genügt mit der Zeit nicht mehr. Sie wird für den Betrachter so gewöhnlich, dass sie den Reiz verliert. Die Konsumenten merken, dass der Konsum von Pornografie im Internet nicht sehr sexy ist.

Es fehlt die Beziehung, die Interaktion. Deshalb suchen sie nach neuen Bildern und Filmen, die einen neuen Reiz bringen. Zuerst im legalen Bereich: beispielsweise Sex mit Rollenspielen, zu dritt, an aussergewöhnlichen Orten, mit Bondage oder Sadomaso. Dann mit Gewalt, Fäkalien, anderen Absonderlichkeiten oder eben Kinderpornografie beziehungsweise Missbrauchsabbildungen. Es kann durchaus sein, dass ein Konsument überhaupt nicht pädophil ist, sondern sich im Rahmen der Dosissteigerung vom üblichen Pornokonsum in den illegalen Bereich bewegt.

Das klingt wie eine Entschuldigung: das Internet als Verführungsplattform, das jemanden in die Illegalität lockt.

Ich betone deshalb: Jeder Klick ist eine bewusste Entscheidung. Die Kinderpornografie lädt sich nicht von selbst auf die Festplatte.

Kann man durch den Pornokonsum eine Pädophilie entwickeln?

Nein, entweder hat man eine pädophile Sexualpräferenz oder man hat sie nicht. Man kann sie nicht erwerben, indem man Missbrauchsdarstellungen konsumiert. Jene, die «hineinrutschen» und dann plötzlich zu Kinderpornos masturbieren, haben sich ein bestimmtes sexuelles Verhalten antrainiert, die virtuelle Sexualität mit Kindern. Sie fühlen sich angezogen vom kindlichen Körperschema. Ihre pädophile Präferenz bestand aber immer schon vorher – oft unbemerkt.

Ist es plausibel, dass ein Mann mit einer derartigen Pädophilie im Alltag als Juniorentrainer gut mit Kindern zusammenarbeiten kann und nie übergriffig wird?

Ja, das gibt es sogar häufig. Die meisten Konsumenten von Kinderpornografie begehen keine Hands-on-Delikte, weil sie wissen, dass das den Kindern schadet. Menschen mit einer pädophilen Sexualpräferenz können sich oft sogar besonders gut in Kinder einfühlen. Sie haben zwar ihre sexuellen Fantasien, aber sie leben sie nicht aus. Untersuchungen zeigen, dass die Mehrheit der diagnostizierten Pädophilen deliktfrei ist. Das sind keine Monster, die Kinder anfallen. Wer diese Präferenz hat, ist zuerst einmal vom Schicksal geschlagen, weil er seine Sexualität nie ausleben kann. Das ist hart für die Betroffenen.

Weil sie ihre Sexualität nicht ausleben können, ist es aber naheliegend, dass sie früher oder später Übergriffe begehen.

Diesen kausalen Zusammenhang gibt es nicht. Wie gesagt: Die Mehrheit der Pädophilen begeht keine Übergriffe. Auch wer nicht auf Kinder steht, hat sexuelle Fantasien, die er oder sie nicht ausleben kann. Wenn wir zum Beispiel einen Menschen mit einem attraktiven Körper im Schwimmbad sehen, kann es sein, dass wir eine sexuelle Fantasie haben. Wir fallen aber nicht über alles her, was wir sexuell attraktiv finden. Die meisten Pädophilen machen das auch nicht. Die meisten Delikte an Kindern werden von nicht-pädophilen Tätern begangen – aus anderen Motiven: Machtausübung, Verfügbarkeit, Abfuhr sexueller Triebe oder Rache.

Wie therapieren Sie Pädophile?

Man kann sie nicht umpolen. Wer diese sexuelle Ausrichtung hat, muss Bewältigungsstrategien entwickeln. Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Betroffene können ihre Sexualität reduzieren. Sie können lernen, ihre Vorlieben wirklich nur in der Fantasie auszuleben. Andere finden eine Form, ihre Sexualität mit einer erwachsenen Partnerin auszuleben. Zum Beispiel, indem sie beim Sex die Augen schliessen und an ein Kind denken. Oder sie finden eine Partnerin, die vielleicht sehr schlank ist, wenig Busen hat und intimrasiert ist und so der sexuellen Präferenz nahekommt.

Aber dann leben sie immer noch mit einer Lebenslüge.

Wir bringen diese Vorschläge deshalb nicht selber ein. Aber wir kennen Betroffene, die ihr Problem auf diese Weise lösen konnten.

Meistgesehen

Artboard 1