Toni Brunner lachte, wie nur er lachen kann: halb glucksend, halb keuchend, das Gesicht strahlend. Ein Fernsehjournalist von der «Rundschau» hatte ihn soeben gefragt, ob er eines Tages Bundesrat werde. «Nein», sagte der 41-jährige SVP-Präsident. Die gleiche Antwort gab er diese Woche jedem Journalisten, der ihm die Frage stellte.

Im Normalfall wäre die Sache damit erledigt. Doch da sind auch noch Parteivordenker Christoph Blocher, Wahlkampfleiter Albert Rösti und seit gestern die SVP-nahe «Weltwoche», die alle dasselbe verkünden: Toni Brunner ist der ideale Kandidat für den Sitz von Eveline Widmer-Schlumpf im Bundesrat.

Kann aus Brunners angeblich definitivem Nein also doch noch ein Ja werden? Absolut. Der amtierende SVP-Bundesrat Ueli Maurer machte es vor: Weniger als einen Monat vor seiner Wahl in den Bundesrat im Dezember 2008 sagte er an der Albisgüetli-Tagung in Zürich: «Ich stehe nicht zur Verfügung.» Eher beiläufig bemerkte er an derselben Versammlung, wer den Kopf zu früh hinaushalte, auf den werde geschossen.

"Der Volkswille muss ernst genommen werden - die SVP will zwei Sitze im Bundesrat", sagt Parteipräsident Toni Brunner zum SVP-Wahlsieg.

Einen zusätzlichen SVP-Bundesrat fordert er selbst: «Der Volkswille muss ernst genommen werden – die SVP will zwei Sitze im Bundesrat», sagte Parteipräsident Toni Brunner nach dem SVP-Wahlsieg am Sonntag.

Drei Tage später kam die Kehrtwende: Die SVP-Fraktion setzte Ueli Maurer an ihrer Sitzung in einer Kaffeemaschinenfabrik im solothurnischen Niederbuchsiten zusammen mit Christoph Blocher auf das Ticket für die Bundesratswahlen. Maurer versicherte, er wolle nun Bundesrat werden. Und wurde es.

Notlüge «zur Unzeit legitim»

Toni Brunners Parteikollegen schliessen nicht aus, dass der Toggenburger Ähnliches im Schild führt. «Wenn die Frage nach der Bundesratskandidatur zur Unzeit gestellt wird, halte ich es für legitim, zunächst Nein zu sagen», sagt der Thurgauer Ständerat Roland Eberle, der 2000 für die Nachfolge von Adolf Ogi antrat. Der ebenfalls aus dem Kanton St. Gallen stammende Nationalrat Thomas Müller sagt: «Toni Brunner ist nicht einer, der trickst. Aber man kann nicht ausschliessen, dass ihn die Fraktion am Ende überredet.» Auch der Zuger Nationalrat Thomas Aeschi findet: «Man darf es nicht zu schwer gewichten, wenn mögliche Kandidaten eine Kandidatur ablehnen. Die Umstände können sich immer wieder ändern.»

Die SVP wird ihren oder ihre Bundesratskandidaten am 20. November nominieren. Bislang galt Nationalrat Heinz Brand als Kronfavorit: Er bringt ein Vierteljahrhundert Verwaltungserfahrung mit und kennt sich in Migrationsfragen besser aus als jeder andere Parlamentarier.

Doch die SVP-Führung macht nach aussen keinen besonders begeisterten Eindruck vom Bündner Asyl-Experten. Dazu passen die Misstöne zwischen Brand und der Parteispitze, als diese im Dezember 2014 seine Pläne für eine Asylinitiative abklemmte. Auch die «Weltwoche» erwähnte Brand gestern lediglich als einen von mehreren möglichen Kandidaten. Auf der Front platzierte die Redaktion des neu gewählten Zürcher Nationalrats Roger Köppel seitenfüllend das lachende Konterfei von Toni Brunner.

Hürde Französisch

Wie sehen die Chancen des SVP-Präsidenten im Parlament aus? Eine Umfrage der «Nordwestschweiz» zeigt: Kaum besser als jene von Brand. Während sich angefragte FDP-Vertreter offen zeigen, äussern insbesondere CVP-Politiker Bedenken. Nationalrat Jakob Büchler (SG) sagt: «Ich schätze seine Arbeit als Parteipräsident. Aber Bundesrat wäre eine Schuhgrösse zu gross für ihn.» Pikant: Büchler gehört zu jenen CVP-Parlamentariern, die bereits angekündigt haben, dass sie anstelle von BDP-Bundesrätin Widmer-Schlumpf einen SVP-Vertreter in die Landesregierung wählen wollen.

Als Stolperstein für Brunner gelten vor allem seine mangelnden Sprachkenntnisse: «Ich habe ihn noch nie ein Wort Französisch sprechen hören. Als Bundesrat muss man sich in einer zweiten Landessprache ausdrücken können», sagt der Freiburger Nationalrat Dominique de Buman. Eine Kandidatur Brunners sei «chancenlos». «Nicht wählbar», sagt der jurassische CVP-Nationalrat Jean-Paul Gschwind.

Auch Nationalrätin Kathy Riklin (ZH) erklärt, sie sehe keine Chancen für Brunner, «bei aller Sympathie für sein Lachen». Und Nationalrat Leo Müller (LU) zweifelt, ob der SVP-Präsident in der Lage wäre, sich von der Partei zu lösen und im Bundesrat kollegial mitzuwirken: «Brunner ist nicht der Staatsmann, den wir brauchen.»