Drogenpolitik

SVP-Nationalrat Luzi Stamm kauft Kokain – und zeigt den Dealer an

Nationalrat Luzi Stamm hat eine Geschichte zu erzählen – über Kokain.

Nationalrat Luzi Stamm hat eine Geschichte zu erzählen – über Kokain.

Für etwas mehr als 40 Franken kaufte der Aargauer SVP-Politiker Luzi Stamm ein Gramm Kokain mit dem Ziel, der Drogen-Mafia in der Schweiz das Handwerk zu legen. Doch der Jurist machte sich damit strafbar. Und das ist Stamms Geschichte.

Luzi Stamm (66) sitzt in der Wandelhalle des Parlaments, flankiert von zwei Kantonspolizisten. Vor dem Nationalrat liegt ein durchsichtiges Säckli mit weissem Pulver drin. Stamm hat am Dienstagabend 1 Gramm Kokain gekauft – und will nun Anzeige gegen den Dealer erstatten. Die Polizei hat er dafür eigens ins Bundeshaus beordert.

Was ist passiert? Luzi Stamm besucht am Dienstagabend einen Lobbyanlass der Credit Suisse in Bern, so gegen sieben will er nach Hause, in den Aargau fahren. Da begegnet er in der Berner Altstadt einem Strassenmusiker, der den Song "Love Story" spielt. Weil sich Stamm sofort an seine Jugendliebe aus den USA erinnert fühlte, bat er den Spieler, das Lied nochmals vorzutragen. Obwohl viele "zwielichtige Gestalten" unterwegs waren, sei er noch einen Moment verweilt und habe dann dem Musiker auf Englisch gesagt: Der Moment wäre nur noch schöner "high".

Der Pianospieler sei sofort darauf eingestiegen und fragte – immer nach Darstellung von Stamm – auf Englisch: "Suchen Sie etwas bestimmtes?"

Stamm: "Was können Sie anbieten?"

Musiker: "Was immer Sie wünschen."

Stamm: "Und wo nehmen Sie die Drogen her?"

Stamm sagt, er habe sein Showtalent ausgepackt und den Interessierten gespielt. Denn wunderte ihn, wie leicht er an Drogen kommen kann. "Ich kenn die Szene wie kaum jemand anderer in der Schweiz." Seit den Zeiten des Zürcher Platzspitzes in den 80ern und 90ern verfolge er Preise, Handel und die wachsende Kriminalität. Als Richter verurteilte er damals Drogensüchtige.

Mit dem Musiker sei er dann um die Hausecke gegangen. Dieser sei sogleich aggressiver aufgetreten, wollte Geld, die 120 Franken, die der Politiker dabei hatte. Stamm erklärte, er gebe ihm nicht sein ganzes Geld. Nach langer Verhandlung, Notentausch im Restaurant und dem Androhen, die Polizei einzuschalten, zog der Dealer ein kleines Säckli aus einer Einkaufstüte, Stamm gab ihm dafür etwas mehr als 45 Franken – wobei er bezweifelte, dass er tatsächlich Kokain erhalten hat.

Stamm kehrte als erstes zurück ins Bundeshaus und beantwortete Emails. Ganz geheuer war ihm der Drogenbesitz nicht. Stamm erzählt, er habe das Kokain zuerst im Bundeshaus verstecken wollen, um am Morgen die Polizei aufzubieten und Anzeige zu erstatten. Doch der Sicherheitsdienst bat ihn, das Säckli wieder mitzunehmen.

Stamm kauft sich einen Whopper

Daraufhin kehrte Stamm nochmals in die Altstadt zurück, fand aber den Dealer nicht mehr. Stamm, praktizierender Rechtsanwalt, stärkte sich mit einem Whopper im Burger King und holte daraufhin sein Auto. "Ich bin nach Mitternacht noch drei Runden gefahren, durch die Stadt, der Aare entlang, um nach verdächtigen Personen zu suchen", sagt er. Er fand aber niemanden. Deshalb fuhr er nach Hause, nach Baden. Um 2.30 Uhr sei er angekommen. Schlafen konnte er aber nicht. Den SVP-Fraktionskollegen hat er um 3 Uhr eine Mail geschickt, um zu erklären, was passiert war und dass er die Polizei aufbieten werde. Schlaf fand er die ganze Nacht nicht.

Heute Morgen fuhr er zurück nach Bern, informierte die Polizei und gab seine Geschichte zu Protokoll.

Denn nicht nur der Verkauf, auch der Besitz und der Erwerb von Drogen ist laut Gesetz strafbar.

Jurist Stamm wiegelt ab. Mit der Strafanzeige wolle er nicht nur den Dealer finden, sondern die Politik wachrütteln.

Treffen mit Reto Nause

In ein paar Wochen statte er dem Berner CVP-Gemeinderat und Sicherheitsdirektor Reto Nause einen Besuch ab, um zu sehen, ob der "Kampf gegen die Drogenmafia" nun angelaufen ist. "Die Kriminalität in diesem Land darf nicht sein", sagt Stamm.

Doch es gebe sogar Mitglieder der politischen Elite, welche die Mafia bewusst ins Land lassen würden – weil sie selbst kokainsüchtig seien. "Mein Ziel ist es, den Kokainring in der Schweiz zu zerstören."

Doch leider sei ihm dies auf politischer Ebene bald verwehrt: Zumindest für die SVP Aargau darf er im Herbst nicht mehr als Nationalrat kandidieren. Sie hat ihn von der Liste gestrichen.

Und was passiert nun mit dem Kokain? Er sagt, er überdrehe schon im Normalzustand, stehe ständig unter Strom. "Würde ich Kokain nehmen, käme das nicht gut."

Das Säckli mit dem weissen Pulver hat die Polizei mitgenommen.

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Autor

Anna Wanner

Anna Wanner

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