Pro von Reporter Daniel Fuchs: «Ein Sonderzeichen mit Superkräften»

Fast schon neckisch verbindet das Gendersternchen, bei Sportler*innen zum Beispiel, die Endungen -er und -innen. Als Platzhalter signalisiert es zudem elegant: Es gibt Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen.

Daneben gibt es nur schlechte Alternativen:

  • Früher dominierte die männliche Schreibweise. Die Frauen waren mitgemeint, so die Verfechter des sogenannt generischen Maskulinums. Nur: Ist die Rede von Lehrern in der Primarschule, wirkt diese Schreibweise schlicht absurd, wo doch auf dieser Stufe überwiegend Frauen unterrichten. Nicht weniger kritisch ist es beim Wort Staatsbürger. Würden wir es ohne jegliches Geschichtsverständnis lesen, die Staatsbürgerinnen gehörten dazu. Nur ist es gerade in der Schweiz noch gar nicht so lange her, dass Frauen beim Terminus Bürger eben nicht mitgemeint waren.
  • Ein Text lässt sich geschlechtsneutral formulieren. Dadurch wird er aber klobig. Dann etwa, wenn Lehrer zum Lehrkörper, Leser zur Leserschaft und Studenten zu Studierenden werden. Und es lauern Stolperfallen, die gar nicht so einfach zu erkennen sind. Zum Beispiel in der simplen Frage: Wer kann etwas aus seinem (!) Leben erzählen?
  • Ein Binnen-I setzen: Entscheiden Sie selbst liebe LeserInnen und Abonnent*innen. Worüber stolpern sie mehr? Ich zugegebenermassen über beide Schreibweisen. Doch während das sogenannte Binnen-I ebenso gut als Schreibfehler durchgehen könnte (wäre es nicht eher Leserinnen?), verschleiert das Sternchen wenigstens nicht seinen Zweck. Auch der Gender_gap ist keine Alternative. Im Gegensatz zu ihm verleiht das verspielte Sternchen einem Text immerhin ein bisschen Glanz.

Wussten Sie, dass das Sternchen auch Asterisk genannt wird? Klingt fast wie Asterix, ein Sonderzeichen mit Superkräften eben. Ich jedenfalls finde, das Sternchen entspannt unser Verhältnis zu gendergerechter Sprache. Lieber einmal in einem Text ein Sternchen setzen, als krampfhaft nach geschlechtsneutralen Ausdrucksformen suchen. Sparsam eingesetzt, würden wir uns ans Gendersternchen gewöhnen. Zumindest beim geschriebenen Wort. Wie aber einen mit Sternchen verzierten Text vorlesen? Die Antwort steht unter einem anderen – Stern.

Kontra von Autor Christoph Bopp: «Eine unendliche Verwirrung, ein Wortkram, . . .» (Goethe)

Die entscheidende Frage ist: Denken wir, wie wir sprechen, oder sprechen wir, wie wir denken? Konkret: Verbessern wir die Stellung der Frauen in der Gesellschaft, wenn wir der Sprache Gewalt antun? Denn darauf läuft das Gendern in der Sprache letztlich hinaus. «Gewalt» will nicht suggerieren, dass es um «Reinheit» der Sprache oder so was geht. Sondern nur, dass Gründe, die für die zwanghafte Verwendung von «weiblichen» Formen angeführt werden, keine Basis in der Sprache haben.

Nur rund 45 Prozent der Sprachen haben ein Genussystem und unterteilen Nomina grammatikalisch in maskulin (männlich), feminin (weiblich) und neutrum (keins von beiden). Die Sprachlogik leuchtet ein und hat mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun. Das Deutsche ist eine Genussprache, die zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehört. Indoeuropäische Sprachen arbeiten mit Suffixen, die einem Wort vorne oder hinten angehängt werden.

Was macht einen Lehrer zu einem Mann? Erst die Lehrerin. Das Suffix «-er» bezeichnet nicht einen Mann, sondern eine Person, welche eine Tätigkeit ausübt. «Der Lehrer lehrt.» In «Lehrer» sind grammatikalisch alle eingeschlossen, Frauen, Männer, Computer oder das Leben, wenn es uns etwas lehrt.

Das Suffix «-er» gab es im Indoeuropäischen, bevor es «weibliche Formen» gab. Die männliche Endung «-s» (lat. «-us», grch. «-os») wurde gebraucht, um das Subjekt eines Satzes anzuzeigen. Ob das eine Frau war oder ein Mann oder ein Ochse, war egal. Das Standardgeschlecht wurde erst später «männlich». Vor dem Femininum kam das Neutrum, um ein Ergebnis oder abstrakt eine Tätigkeit zu bezeichnen. Standardbeispiel: «*-jeug» - verbinden ergibt «*jugó-m» - das Verbundene, das Joch. M-Wörter sind Neutra. Das Suffix «-a» (heute «weiblich») kam zum Schluss. Es bezeichnete ein Kollektiv von «Dingen» (grammatikalische Neutra). Standardbeispiel: Zu «*werdh-o-m» - Wort gibt es «*werdh-a» Worte.

Das Suffix «-in» bezeichnete im Urindoeuropäischen die Zugehörigkeit. Zum «König» gehört die «König-in». Weil das Zugehörige in der Regel ein Kollektiv ist, ist es weiblich. Deshalb nichts gegen: «Liebe Kolleginnen und Kollegen», schliesslich sagen wir zur Begrüssung auch: «Meine Damen und Herren».