Schweiz

So war Gretas Demo in Davos: Hinter dem Rücken der Klimajugend tauschten WEF-Gäste Visitenkarten

Greta Thunberg am Klima-Streik in Davos. Die meisten Schilder waren auf Englisch. Die Reden auch.

Greta Thunberg am Klima-Streik in Davos. Die meisten Schilder waren auf Englisch. Die Reden auch.

Während des Weltwirtschaftsforums verwandelt sich Davos in eine seltsame Welt. Kommt dann noch Greta Thunberg zu Besuch, wird es surreal.

Absurde Szenen am Freitagmittag in Davos. Greta Thunberg hat sich für den lokalen Klima-Streik angekündigt. Sonst protestiert an den freitäglichen Klimastreiks nicht mal ein Dutzend Schülerinnen für eine andere Umweltpolitik. An diesem Freitag sind es gegen Hundert. Und fast noch einmal so viele Journalisten. Die Nachrichtenagentur Reuters sendet live. Doch Greta lässt sich lange nicht blicken. Dafür steht dort ein älterer Herr mit weissem Bart und rotem Mantel. Er nennt sich Sustainability Claus – und breitet ein grosses Stück Papier aus, auf dem ein Liedtext zu lesen ist. Er besteht im Wesentlichen aus Zitate von – endlich! – Greta Thunberg. «I want you to panic!» Das sagte Thunberg letztes Jahr in Davos.

Eine Frau in festen Winterschuhen markiert mit gelbem Absperrband, wo die Schüler und wo die Journalisten stehen dürfen. Derweil sagt Thunberg weit weg vom Postplatz an einer Pressekonferenz, die Davos Men am WEF hätten gar nichts verstanden.

«Wo isch d Greta?», fragen sich alle

Das Glockenspiel auf dem Postplatz hat nun schon halb zwölf Uhr geschlagen. «Wo isch d Greta?», fragt ein Schüler in breitem Bündnerdeutsch und spricht aus, was alle denken. Eine Frau in einer gelben Sicherheitsweste sagt, es seien doch sonst ganz viele andere spannende Menschen hier. Diese allerdings scheinen ohne ihr Idol auch nicht so richtig loslegen zu wollen. Sie halten immerhin ihre Schilder in die Höhe – auf einem steht «Ich bin so wütend, ich habe sogar ein Schild gemalt». Dieses Schild ist die Ausnahme. Die meisten Sprüche sind auf Englisch gehalten. Die Weltpresse freut es. Dann legen sie doch los: «What do we want? Climate Justice! When do we want it? Now!»

Ein paar Schüler sind sich noch nicht ganz sicher, auf welcher Seite des gelben Bandes sie stehen wollen. Bei den Gaffern oder bei den Demonstranten. Ein Gspänli macht ihnen Mut.

Die blaue Kappe der Versicherung

Mancher Schüler auf der anderen Seite des Bandes hat eine blaue Wollkappe eines Versicherungskonzerns auf dem Kopf, die während des Weltwirtschaftsforums als Werbegeschenk verteilt wurde.

Julian trägt eine solche blaue Kappe. Dem 13-jährigen Gymnasiast aus Davos fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. Kaum unter dem Absperrband durch, gibt er einer chinesischen Journalistin schon ein Interview. Er plädiert für Elektroautos statt Dieselmotoren. Später verpetzt ihn ein Kollege. Er sei vorher noch nie an einer Klimademo gewesen. Dann gibt auch Julian zu, er sei vor allem wegen Greta hier.

Klimastreik in Davos: Alle wollten einen Blick von Greta erhaschen

Klimastreik in Davos: Alle wollten einen Blick von Greta erhaschen

Plötzlich Unruhe auf beiden Seiten des Absperrbandes. Ist sie das? Ja, das ist sie! Greta Thunberg kommt zusammen mit dem deutschen Star der Klimajugend, Luisa Neubauer. Ein paar breit gebaute Männer bücken sich unter der Absperrung durch. Die Frau, die vorher die gelben Bänder spannte, tippt einem von ihnen auf die Schulter. Erst als er sich umdreht, bemerkt sie das Spiralkabel, das von seinem Mantelkragen bis ins rechte Ohr reicht. «Personenschutz», zischt der Schrank.

Greta trägt über ihren Ohren ihre mittlerweile weltberühmte Wollmütze mit Streifen. Selbstverständlich ohne Versicherungslogo. Das gelbe Absperrband wird nun arg gedehnt. Kameramänner suchen Thunberg in ihrem Sucher. Doch sie verschwindet immer wieder zwischen den Transparenten der anderen Schülerinnen.

Die Rede von Luisa Neubauer geht im 12-Uhr-Geläut des Glockenspiels beinahe unter. Ein junger Mann aus Davos ergreift das Wort. In einem Englisch, das nach Sprachaufenthalt in Bristol klingt, geisselt er das Weltwirtschaftsforum, als Gipfel der Mächtigen, denen es nur darum gehe, den eigenen Profit zu maximieren. Er rechnet vor, wie wenig Frauen und Vertreter aus Afrika überhaupt teilnehmen dürften. Dabei leide Afrika unter dem Klimawandel am meisten!

WEF-Teilnehmer lassen sich nicht zurückpfeifen

Während dieses Frontalangriffes gegen das elitäre WEF-Treffen schleichen sich zwei offensichtlich erwachsene Männer unter dem gelben Band durch in den Schülerbereich. Sie wollen unbedingt in die Nähe von Greta. Die Frau mit dem gelben Klebeband will sie zurückpfeifen, doch sie wird ignoriert. Der weisse Badge um ihren Hals identifiziert sie unschwer als WEF-Teilnehmer. Sie sind sich nicht daran gewohnt, zurückgepfiffen zu werden. Ein dritter WEF-Gast drängt in Richtung Greta. Als er die anderen sieht, spricht er sie an. «Hello, I am Sowieso von der Soundso Foundation.» Sie tauschen Visitenkarten. Während die Klimajugend in Davos gegen das WEF demonstriert, sind die WEF-Teilnehmer hinter ihrem Rücken am netzwerken.

Erste Klima-Demo für den Davoser Gymnasiasten Julian (13) und schon ein Selfie mit Greta Thunberg.

Erste Klima-Demo für den Davoser Gymnasiasten Julian (13) und schon ein Selfie mit Greta Thunberg.

Julian strahlt jetzt über das ganze Gesicht. Er zeigt sein Smartphone, auf dem nun ein Selfie mit Greta leuchtet. Auf dem Selfie grinst Julian so sehr, dass man seine Zahnspange sieht. Greta lugt derweil ein wenig kritisch zwischen Schal und Kappe hervor.

Die Männer mit dem Kabel im Ohr werden nun wieder nervös. Greta löst sich aus der Kundgebung und verlässt den kleinen Platz dort, wo am wenigsten Journalisten stehen. Doch die lassen sich nicht so leicht abschütteln und belagern die Siebzehnjährige weiter. Dann verschwindet sie im Davoser Rathaus.

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