Interview

Seit 35 Jahren mit seinem Circus Monti auf Tournee: Haben Sie es nie bereut, Jongleur gelernt zu haben?

Zirkusdirektor Johannes Muntwyler jongliert im neuen Programm des Circus Monti. Es ist das Handwerk, das er ursprünglich gelernt hat. Bild: Severin Bigler

Zirkusdirektor Johannes Muntwyler jongliert im neuen Programm des Circus Monti. Es ist das Handwerk, das er ursprünglich gelernt hat. Bild: Severin Bigler

Johannes Muntwyler, Direktor des Circus Monti, ist seit 35 Jahren auf Tournee. Er sagt, warum es seine Branche schwierig hat und er trotzdem zuversichtlich in die Zukunft schaut.

Es zischt, als der Wasserstrahl des Hochdruckreinigers auf das Dach des Zirkuswagens trifft. Im Quartier des Circus Monti in Wohlen AG sind die letzten Vorbereitungen für den Start in die Saison im Gange. Sie beginnt erst im August, wurde auf vier Monate verkürzt. Es sind schwierige Zeiten für die Branche. Der Traditions-Zirkus Nock ging im Mai Konkurs. Der Betriebsgesellschaft des Circus Royal erging es gleich. Von all dem ist beim Circus Monti nichts zu spüren. Akrobaten proben ihre Saltos, Handwerker polieren eine Stahlkonstruktion, aus der im Zelt ein Riesenrad werden soll. Das Motto der Tournee lautet Jahrmarkt, also Chilbi. Zirkusdirektor Muntwyler könnte auch als Bergführer durchgehen. Braungebrannt ragen seine Waden aus den Dreiviertel-Multifunktionshosen hervor, die Füsse stecken in Trekkingschuhen. Beim Gespräch unter einem Baum vor einem Schopf trägt der 55-Jährige ein Mammut-T-Shirt und am Handgelenk eine Schweizer Uhr. Für die Fotos dieser Zeitung zieht er sein Zirkus-Kostüm über und jongliert mit Keulen.

Sie haben nach der Schule keine Lehre gemacht, sondern eine Ausbildung zum Zirkus-Jongleur. Haben Sie es nie bereut, dass Sie nichts «Rechtes» gelernt haben?

Johannes Muntwyler: Nein, ich habe es nie bereut. Zudem habe ich immer noch grossen Respekt vor dem Artistenberuf und erachte diese Ausbildung als etwas sehr «Rechtes». Damals wollte ich zum Zirkus und sagte mir, dass ich später immer noch eine Lehre machen könnte. Der umgekehrte Weg, also mit 25 noch eine Jongleur-Ausbildung, erschien mir als weniger realistisch. Und seien wir ehrlich: Als Zirkusdirektor brauche ich kaufmännisches Wissen, aber Vieles was ich damals in einer KV-Lehre gelernt hätte, könnte ich heute kaum mehr brauchen, weil es veraltet wäre.

Aber Ihre drei Söhne machten oder machen eine Berufslehre ausserhalb des Zirkus.

Heute erleben wir die wunderbare Situation, dass sich die nächste Generation nicht mehr zwischen Zirkus und Berufslehre entscheiden muss. Lehrer, Lehrbetriebe und Behörden machten es möglich, dass meine Söhne eine Lehre besuchen und mit auf Tournee gehen konnten. Sie pendelten mit dem Zug von den Spielorten zum Lehrbetrieb in Wohlen oder zur Schule in Aarau. Das waren mehrheitlich lange Tage. Nicola, der gerade eine Zimmermannslehre macht, muss zum Beispiel in Basel um 5.20 Uhr das Tram nehmen, damit er rechtzeitig im Lehrbetrieb ist. Mir war es wichtig, dass meine Söhne eine Lehre machen, damit sie sich ausserhalb des eigenen Unternehmens behaupten müssen, unabhängig sind und sich jederzeit auch ausserhalb des Familienbetriebes eine Existenz aufbauen könnten.

Sind noch alle drei Söhne mit auf der Tournee?

© CH Media

Ja, Tobias (26) leitet den Bereich Zeltvermietung, kehrt nun aber für diese Tournee mit einer Diabolo-Nummer gemeinsam mit seinem Bruder Mario und einem weiteren Artisten in die Manege zurück. Mario (23) übernimmt nebst seiner Arbeit in der Manege zunehmend Verantwortung im administrativen Bereich. Nicola (17) interessiert sich stark für den technischen Bereich. Er steht kurz vor dem dritten Lehrjahr zum Zimmermann und pendelt vom jeweiligen Gastspielort an seine Arbeitsstelle in Wohlen oder in die Schule in Lenzburg.

Sie waren der erste aus der Familie Muntwyler, der voll auf Zirkus setzte. Wie kam das?

Mein Vater, Guido Muntwyler, genannt Monti, war total zirkusbegeistert. Er arbeitete als Lehrer, seine Leidenschaft war aber der Zirkus. Er ist an Familienfesten als Clown aufgetreten und hat uns zu jedem Zirkus mitgeschleppt. In den Sommerferien 1978 gingen ich, meine Schwester und die beiden Brüder zusammen mit dem Vater vier Wochen mit dem Zirkus Olympia auf Tournee. In den drei folgenden Jahre machten wir jeweils eine ganze Saison. Als meine Eltern mit meinen Geschwistern wieder ins «bürgerliche» Leben wechselten, entschied ich mich, als Jongleur im Circus zu bleiben. Später stiegen wir mit der ganzen Familie richtig ein, zuerst taten wir uns mit einem anderen Zirkus zusammen, gründeten ein Jahr später aber den eignen Circus Monti.

Der Traditionszirkus Nock ging neulich Konkurs. Was dachten Sie, als Sie davon erfuhren?

Ich war sehr erstaunt. Die Branche hat es nicht leicht im Moment, wir sind alle Jahr für Jahr gefordert. Aber dass es den Zirkus Nock treffen würde, hätte ich nicht erwartet. Ich wundere mich manchmal über andere Zirkusse, die mit verlotterten Wägen durchs Land reisen, vor leeren Rängen spielen und trotzdem weitermachen. Der Zirkus Nock gehörte aber aus meiner Sicht nicht zu denen.

Gibt es eigentlich zu viel oder zu wenige Zirkusse in der Schweiz?

Ich denke, im Moment haben wir eine vernünftige Anzahl. Dass der Nock aufhören musste, ist schade, wir hatten ein gutes Verhältnis miteinander.

Sie haben die Tournee verkürzt. Hatten Sie Mühe, die Zelte in alle den Orten zu füllen?

Der Entscheid, die Saison zu verkürzen hatte nichts mit den Finanzen zu tun. Als wir das 2014, nach der erfolgreichsten Monti-Saison überhaupt, so bestimmten, war ich gerade 50 Jahre alt geworden und wollte einfach nicht mehr acht Monate des Jahres Tag für Tag 13 Stunden arbeiten, in der Nacht das Zelt abbauen, fahren und am frühen morgen wieder aufbauen. Dies oft bei schwierigen Platz- und Wetterverhältnissen. Zudem bekam ich von Artisten, die uns verliessen, die Rückmeldung, dass es einfach zu viel sei. Also verkürzten wir die Saison und bekamen so alle etwas mehr Lebensqualität. Was hat sich verändert in den 35 Jahren, die sie mit dem Circus Monti unterwegs sind? Früher kamen wir in ein Dorf und alle wussten, dass wir da sind, und freuten sich, dass endlich etwas lief. Heute ist das nicht mehr so. Wir sind nur noch eine von vielen Attraktionen und müssen uns etwas einfallen lassen, damit die Leute kommen.

Johannes Muntwyler (55) posiert in einem Autoscooter-Wagen. Das Motto des neuen Programms des Circus Monti lautet Jahrmarkt.

Johannes Muntwyler (55) posiert in einem Autoscooter-Wagen. Das Motto des neuen Programms des Circus Monti lautet Jahrmarkt.

Wie locken sie die Leute denn ins Zelt?

Statt einzelne Stars zu engagieren, setzen wir auf junge Artisten. Nicht wenige von ihnen kommen direkt von der Zirkusschule. Wir versuchen, den Zuschauern ein Gesamterlebnis zu bieten. Sie müssen sich bei uns einfach wohlfühlen. Dazu gehört eine innovative Inszenierung – diese Saison zum Thema Jahrmarkt –, es muss aber auch das Drumherum stimmen. Das Zelt muss im Schuss, die Wägen herausgeputzt und das Glacé in der Pause gut sein. Es sind meist nicht einzelne Dinge, die es ausmachen, dass die Leute wiederkommen, sondern ein Zusammenspiel aus vielen Elementen.

Früher hatte der Circus Monti Tiere, heute nicht mehr. Warum?

Wir hatten nie Raubtiere, dafür Pferde und Geissen. Mein Bruder Niklaus arbeitete mit ihnen. Nach zwanzig Jahren wollte er aber nicht mehr mit auf Tournee gehen und die Tiere lieber an einem Ort haben, wo es auch andere Tiere und Tierbetreuer gab. Bei uns war er ja der Einzige gewesen, der sich mit ihnen auskannte. Der Entscheid hatte also nichts mit Tierschützern zu tun. Was halten Sie von Aktivisten, die Zirkusse mit Tieren anprangern? Wenn Tierschützer auf Missstände aufmerksam machen und schwarze Schafe anprangern, finde ich das gut. Ich kenne mich wenig mit Tieren aus, für uns wären aber Raubtiere aus Überzeugung nie ein Thema gewesen. Allerdings gibt es Tierschützer, die zu weit gehen. Pferde im Zirkus sind völlig in Ordnung. Wenn man das kritisiert, müsste man jeden Reitstall hinterfragen.

Der Circus Monti setzt auf Theater, verzichtet auf Tiere und tourt nur noch vier Monate im Jahr. Ist das überhaupt noch ein richtiger Zirkus?

Aber sicher, das ist für mich keine Frage. Wenn man allerdings eine fixe Vorstellung von Zirkus mit Raubtiernummer, Clowns und Artisten hat, dann sind wir tatsächlich kein richtiger Zirkus. Aber es stimmt einfach nicht, dass Zirkus so sein muss. Es gab zu allen Zeiten, Zirkus ohne Tiere, mit Eigenheiten und Innovationen. Wir glauben, dass der Zirkus mit der Zeit gehen muss, wenn er bei den Leuten ankommen will.

Apropos mit der Zeit gehen: Die Jugend von heute schaut Netflix und Youtube. Warum sollten die sich in ein Zirkuszelt setzen?

Vor der digitalen Konkurrenz habe ich überhaupt keine Angst. Im Gegenteil. Je mehr Zeit, die Menschen in der künstlichen und sterilen Welt von Smartphones und Internet verbringen, desto mehr sehnen sie sich nach authentischem Erleben mit allen Sinnen. Und wo gibt es das mehr als im Zirkus? Bei uns ist alles echt, die Artisten sind Menschen aus Fleisch und Blut und wenn bei einer Nummer etwas schiefgeht, kann man das nicht rausschneiden.


Darf man Ihre Akrobatiknummern mit dem Handy filmen?

Früher war Fotografieren verboten, weil wir wollten, dass die Leute ins Zelt kommen, um die Nummern zu sehen. Das ist nicht mehr zeitgemäss. Darum erlaubten wir Aufnahmen mit dem Smartphone und erhofften uns auch einen Werbeeffekt davon, wenn diese Bilder in den sozialen Medien auftauchen. Wir mussten das Experiment aber nach weniger als zwei Wochen abbrechen. Das Zelt war erleuchtet von Handybildschirmen und die einen verdeckten den anderen mit dem Fotoapparat die Sicht. Es ging einfach nicht.

Die Sommer werden heisser. Bei dieser Hitze will doch niemand in einem Zirkuszelt schmachten.

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Auch in unseren Zelten wird es warm. Dieses Jahr experimentieren wir zum ersten Mal mit Kühltechnik. Allerdings ist die Temperatur nicht das einzige Problem. Kinos sind auch kühl und trotzdem haben sie im Sommer weniger Besucher. Die Menschen wollen halt einfach draussen sein in dieser Jahreszeit.

Erleben Sie als Zirkus genug Anerkennung?

Ich spüre aus der Bevölkerung eine grosse Wertschätzung. Von gewissen Behörden wünsche ich mir zum Teil aber mehr Unterstützung. Nehmen wir das Beispiel Zürich. Das Kasernenareal bekommen wir regelmässig, aber auf dem Sechseläutenplatz waren wir seit fünf Jahren nicht mehr, obwohl Verankerungen im Steinboden wären, die genau auf unser Zelt passen. Es ist einfach zu kompliziert geworden, den Platz zu bekommen. Wollten wir noch auf den Sechseläutenplatz, müssten wir unsere ganze Tournee auf ein Datum anpassen, das uns die Stadt nur in unregelmässigen Abständen gewährt. Generell fühlen wir uns aber an den jeweiligen Gastspielorten auch vonseiten der Behörde willkommen. Kultur ist ein subventionierter Bereich.

Johannes Muntwyler (13) jongliert 1977 mit seinen Geschwistern. Bild: Monti-Archiv.

Johannes Muntwyler (13) jongliert 1977 mit seinen Geschwistern. Bild: Monti-Archiv.

Bekommen Sie auch öffentliche Gelder?

Wir haben wenig Möglichkeiten, da Zirkus offiziell nicht als Kultur gilt. Das ist unfair. Theaterensembles werden in Städte eingeladen, wo sie in subventionierten Häusern spielen dürfen. Unser Zirkus, der sich auch ans Theater anlehnt, muss für den Platz und mittlerweile auch für jede Werbeblache bezahlen, die wir an den Zaun hängen. Es ist nicht so, dass wir dringend Subventionen brauchen, um zu überleben. Aber es wäre schön, wenn wir dank eines Zustupfs noch mehr in die Produktionen investieren könnten. Und nicht zuletzt wäre es auch ein Zeichen der Wertschätzung. Erfreulicherweise steht der Kanton Aargau zu uns und unterstützt uns mit einem jährlichen Betrag aus dem Lotteriefonds.

Sie sind nun 35 Jahre mit dem Circus Monti unterwegs. Wie lange machen Sie das noch?

Solange ich Freude daran habe. Aber ich überlege mir schon, wie es weitergeht. Ich habe meinen Söhnen gesagt, dass ich in fünf Jahren, wenn ich 60 werde, von ihnen eine Entscheidung möchte, ob sie den Zirkus übernehmen oder nicht. Und schon heute, schaue ich, dass die Jungen Verantwortung übernehmen können. Das funktioniert gut. Damit eine Übergabe klappt, braucht es nicht nur Junge, die übernehmen wollen, sondern man muss auch bereit sein, loszulassen.

Der Zirkus Nock musste nach knapp 160 Jahren aufhören. Wie schlimm wäre es für Sie, wenn der Circus Monti eines Tages verschwinden würde?

Natürlich würde es mir im Herzen wehtun, aber es darf auf keinen Fall sein, dass meine Kinder den Zirkus nur meinetwegen oder wegen der Tradition weiterführen. Wenn sie nicht mehr wollen, oder die Leute nicht mehr kommen, ist das ihre Entscheidung. Aber das ist zum Glück im Moment nicht der Fall. Im Gegenteil, meine Jungs sind mit grosser Motivation dabei und wir haben ein grosses Stammpublikum, das uns Jahr für Jahr besucht.

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