Der Bundespräsident trägt ein Nike-Shirt, die Verkehrsministerin ausgewaschene Jeans und der Sozialminister sein Hemd lässig über der Hose. Die Bilder des Schulreisli zeigen eine heitere, ja sorgenlose Regierungscrew. Ein Land, dessen Minister zwei Tage lang im Freizeitlook durch die Zentralschweiz touren, kann keine ernsthaften Probleme haben. Und es ist ja auch wahr: Hier gibts kein Ibiza-Video, keine Gelbwesten, keine Flüchtlingsdramen. Wir haben andere Probleme, etwa: Was tun mit den Milliarden-Überschüssen?

Die Schweiz erlebte Zeiten, in denen Regieren schwieriger war. Gewiss, das EU-Dossier lastet schwer, doch nach der Wahl von Karin Keller-Sutter und Viola Amherd hat der Bundesrat die Prioritäten neu gesetzt: Kein Rahmenabkommen um jeden Preis. Das wirkte entkrampfend. Die Regierung nahm das Heft wieder selber in die Hand. Diese Entwicklung steht für den Gestaltungswillen, den der Bundesrat neuerdings erkennen lässt. Allerdings tragen nicht alle Minister gleichermassen dazu bei:

Rang 1: Karin Keller-Sutter, 55, FDP. Die St. Gallerin avancierte im Nu zur stärksten Figur im Bundesrat. Kein Groll ist zu spüren, dass sie nicht Wirtschaftsministerin werden durfte. Sie wirkt auch als Justizministerin segensreich auf die Europapolitik ein: KKS versöhnte die Sozialpartner und initiierte Massnahmen für älterer Arbeitnehmer. Die brillante Strategin nutzte die SVP-Begrenzungsinitiative, um die alte Pro-Europa-Koalition (FDP, CVP, SP) wiederzubeleben. Es läuft ihr fast zu gut: Ihre Gegner gieren nach dem ersten Faux-pas.

Rang 2: Viola Amherd, 57, CVP. Vor der Bundesratswahl liess Parteipräsident Gerhard Pfister durchblicken, die CVP habe keine starken Frauen. Doch als Verteidigungsministerin bewegte Amherd in kurzer Zeit erstaunlich viel. Sie gleiste das Prozedere zur Kampfjet-Beschaffung neu auf und baute den Nachrichtendienst aus. Mit ihrer sachlichen, unprätentiösen Art hat sie nicht nur das Klima im Bundesrat verbessert, sondern sich in ihrem testosteronhaltigen Departement schnell Respekt verschafft.

Rang 3: Alain Berset, 47, SP. Der Innenminister begriff schnell, dass mit Keller-Sutter eine Frau dazustösst, die ihm intellektuell und strategisch mindestens ebenbürtig ist. Die beiden Machtpolitiker im Gremium koalieren, wenn es im Sinn des grösseren Ganzen ist, und sprengen die parteipolitische Links-Rechts-Tektonik. Der AHV-Reformvorschlag von dieser Woche zeugt davon. Die frühere starre 4:3-Mehrheit von SVP/FDP gegen den Rest ist aufgebrochen.

Rang 4: Ueli Maurer, 68, SVP. Als Präsident leitet er die Sitzungen souverän. Man lässt ihm, dem Lausbuben der Klasse, Provokationen wie den Mitbericht zugunsten der Begrenzungsinitiative durchgehen. Ebenso, dass er seinen Besuch bei Donald Trump äusserst kurzfristig an der Bundesratssitzung ankündigte - unter «Varia» (sic!). Maurer politisiert zu 100 Prozent auf SVP-Linie und agiert doch unabhängig von der Partei.

Rang 5: Simonetta Sommaruga, 59, SP. Die «solide Arbeiterin mit dem Charme eines Bleistiftspitzers», wie Parteikollegin Anita Fetz sie charakterisierte, arbeitet sich noch in das riesige Umwelt-, Verkehrs-, Energie- und Kommunikationsdepartement ein. Sie habe unterschätzt, wie schwerfällig dieses sei, heisst es. Sommaruga ist zuzutrauen, dass sie bei SBB, Post und Swisscom noch einiges bewegen wird.

Rang 6: Ignazio Cassis, 58, FDP. Der Aussenminister ist im Amt bislang nicht gewachsen. Er startete mit der Reset-Knopf-Aussage, doch viel kam seither nicht. Johann Schneider-Ammann war sein Kumpel, Nachfolgerin Keller-Sutter aber ist streng mit ihm - sie bremste ihn beim Rahmenabkommen und korrigierte ihn an einer Pressekonferenz gar öffentlich. Und nicht nur KKS wirkt auf die Aussenpolitik ein, sondern auch der mit allen Wassern gewaschene Bundeskanzler Walter Thurnherr (CVP).

Rang 7: Guy Parmelin, 59, SVP. Der Waadtländer wählt den Wein beim Bundesratsessen aus. Sonst ist sein Einfluss bescheiden. Im Wirtschaftsdepartement gibt es Zweifel, ob er bei Freihandelsabkommen und Landwirtschaftsreformen etwas zustande bringt. Erfrischend ist, dass er zum Graus seiner Beamten die Personenfreizügigkeit zu hinterfragen wagt. Seine Bilanz ist ungenügend, er müsste mehr von Maurer abschauen als auf die SVP-Zentrale zu hören, die Druck ausübt. Aber die Schweiz, dieses glückliche Land, verkraftet auch ein Sorgenkind in der Regierung.