Kommentar

SBB-Missstände: Die oberste Bähnlerin stiehlt sich aus der Verantwortung

Monika Ribar, Verwaltungsratspräsidentin der SBB, hat in einem Interview unbeabsichtigt offengelegt, wo ein Grundproblem der Bahn liegt: beim fehlenden Verantwortungsgefühl.

Wer ist für die Missstände bei den SBB verantwortlich? Im Interview mit der "NZZ" verweigert Monika Ribar gleich zweimal eine Antwort. Statt auf die Frage einzugehen, in der unter anderem auf die defekten Zugtüren und fehlendes Rollmaterial hingewiesen wird, sagt Ribar: “Die Frage kann man nicht beantworten.” Um dann Dinge aufzuzählen, die bei den SBB rund laufen ("wir können den Kunden mit Sparbilletten Gewinn zurückgeben" - bravo!). Als der Journalist die Frage nach der Verantwortung wiederholt, sagt Ribar: “Die Schuldfrage bringt uns nicht weiter.”

Der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung

Kennt Ribar den Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld nicht? Davon ist bei einer in St. Gallen, Stanford und Harvard ausgebildeten Managerin nicht auszugehen. Ribar weiss sehr wohl: Schuld im rechtlichen Sinn setzt voraus, dass jemand fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt hat; dass die SBB-Spitze in diesem Sinn schuldig ist, etwa am tödlichen Unfall von Baden, das hat niemand behauptet. Sie beantwortet also eine nicht gestellte Frage - jene nach der Schuld -, um so der eigentlichen Frage, jener nach der Verantwortung, aus dem Weg zu gehen. Ein alter PR-Trick.

Keiner ist schuldig. Wer aber ist verantwortlich? Monika Ribar, SBB-Verwaltungsratspräsidentin, und Andreas Meyer, Konzernchef, an der Medienkonferenz, wo Meyer seinen Rücktritt ankündigte. (Bild:Keystone/Peter Klaunzer)

Keiner ist schuldig. Wer aber ist verantwortlich? Monika Ribar, SBB-Verwaltungsratspräsidentin, und Andreas Meyer, Konzernchef, an der Medienkonferenz, wo Meyer seinen Rücktritt ankündigte. (Bild:Keystone/Peter Klaunzer)

Dass es auch anders geht, zeigte der frühere UBS-Chef Oswald Grübel. Als vor acht Jahren ein Investmentbanker in London über Nacht 2 Milliarden Dollar in den Sand setzte, rief der Schreibende den Bankenchef aufs Handy an, und der sagte, ohne PR-Berater zu konsultieren: “Ich übernehme die Verantwortung dafür - für alles, was in der Bank passiert. Aber ich fühle mich nicht schuldig.” Das ist die korrekte Antwort auf die gestellte Frage. Ist es so schwierig, einen solchen Satz auszusprechen?

"Ich war noch nicht dabei"

Womöglich liegt das Problem bei Ribar tiefer. Denn als sie auf die Verzögerung beim Bombardier-Zug Dosto zu sprechen kommt, sagt sie: “Der Zug wurde 2010 bestellt. Ich war noch nicht dabei.” (Ribar ist seit 2014 Verwaltungsrätin.) Und weiter: “Eine Zugsbeschaffung ist an sich ein operatives Geschäft.” Heisst: Sache der Geschäftsleitung, nicht des Verwaltungsrats. Trifft das wirklich zu für die teuerste Beschaffung in der Geschichte der SBB, bei deren Bewältigung auch nach 2014 sehr, sehr vieles schief ging? Und vor allem: Wofür fühlt sich die SBB-Präsidentin, die damit kokettiert, am Automaten kein Billett lösen zu können, eigentlich verantwortlich?

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