Bald werden sie für kurze Zeit am Schweizer Himmel fliegen, die neuen Kampfjets der Schweizer Armee. Zwar hat Verteidigungsministerin Viola Amherd beim politischen Prozess zur Erneuerung der Luftverteidigung erst einmal auf die Bremse gedrückt. Sie will zusätzliche Abklärungen tätigen, bevor sie über das weitere Vorgehen entscheidet.

Die technische Evaluation geht indes weiter wie geplant. Kürzlich sind die Offerten der potenziellen Kampfjet-Hersteller in Bern eingetroffen, bald werden die Flugzeuge auf dem Militärflugplatz Payerne Tests am Boden und in der Luft unterzogen.

Folgende Typen sind dabei: Eurofighter (Airbus, Deutschland), Rafale (Dassault, Frankreich), Gripen E (Saab, Schweden), F/A-18 Super Hornet (Boeing, USA) und F-35A (Lockheed-Martin, USA). Einen dieser Kampfjets wird die Schweiz – wenn alles nach Plan läuft – in einigen Jahren kaufen. Infrage kommen also fünf Hersteller aus vier westlichen Ländern, drei davon Nato-Mitglieder.

Andere Unternehmen aus anderen Ländern wurden nie auch nur in Betracht gezogen, wie Renato Kalbermatten, Kommunikationschef des Verteidigungsdepartements (VBS), auf Anfrage bestätigt. Das ist für Hansjörg Egger «eine verpasste Chance». Er ist Aviatik-Experte und Präsident der Schweizer Aviatik-Journalisten.

Egger sagt: «Gerade China und Russland haben hervorragende Kampfjets der neuesten Generation, die mit der F-35A durchaus mithalten und sie fliegerisch sogar übertrumpfen können.» Damit meint er die J-20 des chinesischen Unternehmens Chengdu und die Su-57 der russischen Firma Suchoi. Beide versetzen das Fachpublikum bei Flugshows immer wieder in Begeisterung. «Gerade der Schweiz als neutrales Land wäre es gut angestanden, bei der Evaluation auch einen chinesischen oder russischen Kampfjet zu berücksichtigen», so Egger.

Er ist sich sicher, dass die Armee davon profitiert hätte. «Das wäre spannend gewesen für die Luftwaffe und ihre Piloten und hätte unser Ansehen bei den befreundeten Luftwaffen gesteigert», sagt der Aviatik-Experte.

Fremde Systeme

VBS-Sprecher Kalbermatten winkt ab. «Es werden schon allein aus Gründen der Kompatibilität mit den bestehende Systemen nur westliche Flugzeuge evaluiert», schreibt er. Was Kalbermatten damit meint: Kampfjets aus Russland oder China würden technisch nicht zusammenpassen mit den bisherigen Radar- oder Kommunikationssystemen der Schweizer Armee beziehungsweise müssten für viel Geld umgerüstet werden.

Dieses Argument ist Hansjörg Egger bekannt. Er sagt jedoch: «Die deutsche Luftwaffe etwa hat nach der Wiedervereinigung auch russische Kampfjets integriert. Die waren sehr gefragt. Und die US Air Force trainiert mit aus der Ukraine importierten MiG-29 und Su-27.» Ausserdem sind Jets aus dem Osten laut Egger tendenziell günstiger. Das gesparte Geld könnte man in die Umrüstung investieren, sagt er.

Wie würde die Nato reagieren?

Doch es gibt auch noch einen anderen Grund, warum Kampfjets aus China oder Russland nicht infrage kommen: die Politik. Die Schweiz hat noch nie Waffensysteme aus den beiden Ländern beschafft. Eine Abkehr von der bisherigen Praxis wäre «in der angespannten internationalen Lage besonders erklärungsbedürftig», so Kalbermatten.

Die Schweiz ist zwar nicht Teil der Nato, geografisch aber von Bündnisstaaten umgeben und arbeitet in der Praxis eng mit ihnen zusammen. Sie sähen es wohl nicht gerne, wenn die Schweiz einen russischen oder chinesischen Kampfjet beschaffen würde.

Es ist jedoch keineswegs so, als wäre hierzulande noch nie über den Kauf von Kampfjets aus diesen Staaten nachgedacht worden. Im Jahr 1956 war es und der Kalte Krieg noch in vollem Gang, als Armeekader ausloteten, ob die Sowjets Rüstungsmaterial an die Schweiz liefern würden. Konkret ging es um den Kampfjet MIG-15.

Der Grundsatz der Neutralität gestatte die Beschaffung von Kriegsmaterial sowohl aus dem Westen wie aus dem Osten, urteilte das Eidgenössische Militärdepartement gemäss einer Recherche des Fachmagazins «Cockpit». Das passte vielen in Bundesbern aber überhaupt nicht.

Das Aussendepartement befürchtete, dass dadurch die Beziehungen zu den Westmächten Schaden nehmen könnte. Schliesslich krebste auch das Militärdepartement zurück und teilte Moskau mit, dass die Schweiz kein Interesse an sowjetischen Flugzeugen habe.