Appenzell
Radikal retro zu sein, wird für ein Dorf langsam zum Publikumsmagnet

Annäherung an einen Ort, der einst in grosser Blüte stand und jetzt Festbühne sein soll für gleich beide Appenzell, die vor 500 Jahren der Schweiz beitraten: Hundwil. Die Reportage aus dem 1000-Seelen-Nest zeigt, wie die Dorfbewohner ticken.

Max Dohner, Hundwil
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Hundwil – ein 1000-Seelen-Dorf wird zur Festhütte für Appenzell
10 Bilder
Raffaela (links) und Verena Fiechter
Vreni Lauchenauer
Brigitte Reifler
Impression aus dem Dorf
Tambour während Proben zum Festspiel Der dreizehnte Ort
Schau ins Land
Landsgemeindeplatz Hundwil mit Festspielbestuhlung
Kuh auf dem Weg auf die Hundwiler Höhe
Blumenwiese

Hundwil – ein 1000-Seelen-Dorf wird zur Festhütte für Appenzell

Emanuel Freudiger

«Glanz und Elend der Hundwiler»: So könnte, frei nach Balzac, der Titel eines Festspiels lauten. Aber jetzt trägt das musikalische Spiel zum Fest den Titel «Der dreizehnte Ort». Das Fest betrifft die beiden Appenzell, nicht Hundwil. Seit 500 Jahren ist Appenzell Mitglied der Eidgenossenschaft (damals trat man dem Bund noch bei als ein Kanton). Der Höhepunkt dieser Feiern findet indes auf Hundwiler Boden statt (3. Juli bis 24. August).

Auf Hundwiler Mist ist das nicht gewachsen. Auch deshalb begegnete man dem Projekt hier anfangs sehr traditionell – sagen wir es diplomatisch: zugeknöpft. Aufs Bocken versteht man sich in Hundwil seit je – sagen wir es positiv: Nichts soll den gewohnten Gang der Dinge «zonderobsi» bringen. Wozu Neues? «Festspiele braucht es nicht.»

Trotzdem sickerten laufend mehr «Spielmannslüt» ins Dorf, Kunst und Regie nach Unterland-Geschmack, Alder-Streichmusik mit Jazz durchwirkt, «neumödigi Aleggi ond Frisuure». Das Schnitzel mit Hörnli schmeckte fortan nicht mehr gleich in den Stubenbeizen. Ihr Cachet scheint sich heute noch nach den Sonntagsausflüglern zu richten wie vor fünfzig Jahren. Langsam mausert sich so viel Radikalretro freilich zum Unique Selling Point, zum exklusiven Nostalgiemagnet: Ballenberg in echt. Appenzeller wirken so, als hätten sie sich das genau so ausgedacht – schlau gemacht.

Das ehemalige Landsgemeinde-Dorf

Aber Landschaftstheater? Das war «nebis anderes» in Hundwil. Die Regisseurin Liliana Heimberg erlebte ungeahnten Widerstand, ganz anders als in Innerrhoden. «Die sind auch völlig anders, wahnsinnig obrigkeitshörig», spottet Hundwils ehemalige parteilose Gemeinderätin Vreni Lauchenauer. Der Billettverkauf zog eher harzig an. Die Hauptstrasse wurde immer häufiger gesperrt, die Lager schienen blockiert.

Eine Mediation wurde nötig. Ombudsleute weichten bedachtsam die Schroffheit auf. Auf der gesperrten Strasse während der Proben durfte anfangs nur das Postauto kursieren. Nun erlaubt man auch Hundwilern, flink dem Bus hinterherzuknattern, wenn sie unbedingt raus- oder reinfahren müssen. «Ich mache doch nicht 20 Kilometer Umweg», sagt der Wirt der «Krone», Roman Speck, «nur um nach Hause zu kommen. Und wer führt die Milch aus?»

Hundwil ist nicht gekippt. «Spielmannslüt» bleiben, was im vieldeutige Wort anklingt. Hundwil ist auch heute alles andere als festspieltrunken, aber mindestens bereit dafür. Man weiss, was dieser Sommer ins Dorf bringen kann: Gäste, Sympathie, Profit. Man knurrt’s, aber man sagt’s mittlerweile auch mit warmem Ton: «Sönd willkomm!»

Das ehemalige Landsgemeinde-Dorf wäre wohl bloss eine malerische Kulisse geblieben für uns, hätten nicht vornehmlich Frauen aus Hundwil uns die Türen dieser Kulissen geöffnet. Was aber bedeutet Hundwil für Appenzell? Mehr noch: Was bedeutet Appenzell für die Schweiz?

Vier Einwohnerinnen aus Hundwil erzählen:

Vreni Lauchenmeier:

«Jesses, Sie wohnen in Hundwil?» Bekommt Vreni Lauchenauer das zu hören, versetzt es ihr einen Stich, dessen wahren Gehalt sie nicht verleugnen will: «Das Image von aussen hat gelitten in jüngster Zeit.» Dreissig Jahre lang lebte sie ausserhalb Hundwils. Zwanzig Jahre arbeitete sie auf der Kantonskanzlei. Acht Jahre war sie parteilose Gemeinderätin im Dorf. Sie kehrte zurück ins Elternhaus, eine über dreihundertjährige Hausschatulle mit Kräutergarten davor. Ein Sitz, für dessen Schönheit man weiter keine Worte braucht. Sie hat das Haus bewahrt, aber sorgsam renoviert, eine Haltung, die sie generell für ihre Heimat empfiehlt: «Öffnung, damit das Alte nicht verloren geht.» Die angebaute Küferwerkstatt, wo ihr Vater 60 Jahre lang tätig gewesen war, wirkt so, als habe sie der Mann eben erst verlassen. Die Hausherrin zeigt die Art des Gebälks: eine sogenannte Strickbaute - widerstandsfähiger ist nichts. Trotzdem sei die Strickbaute Appenzell, sagt sie, ein «normaler Kanton geworden».

Raffaela und Verena Fiechter:

Wie man Traditionelles modern präsentiert und verkauft, weiss man in Hundwil: mit Internet und Design. Auch die Marke drückt, zweisprachig, die zweigeteilten Tempi der Zeit aus: «Appenzell Line». Das Erstaunliche bei Verena Fiechter und ihrer Tochter Raffaela aber ist: Mit ihrem Laden sind sie nur zur Miete an der Hauptstrasse von Hundwil, aber sie bauten ihn trotzdem aufwendig aus. So steht ein alter, sehr schwerer Herd aus dem «Bären» inzwischen prominent im Laden. Nur mit einem Kran gelang es, das Ungetüm durchs Schaufenster ins Lokal zu hieven. Natur- und Bioprodukte wie Sirup, «Buchriiber-Likör» und Weine, Käse, Holunder-Spezialitäten sind im Angebot, auch «Zibölleli» und «Appenzeller Tröckli». Raffaela, die Tochter, studiert Jazzgesang in Winterthur. Schöner als Hundwil, sagt sie, kann für Kinder die Welt nicht sein. Ganz abnabeln will sie sich deswegen keineswegs. Aber, sagt die Mutter, wenn sie nicht mehr Auto fahren könne, «dann müsste der Lebensort wohl etwas wärmer sein.»

Brigitte Reifler:

Die Weissküferei ausgangs Hundwil, in Richtung Urnäsch, besteht in dritter Generation. «Weiss-» wegen der Verwendung des Holzes für Milch. Brigitte Reifler kam vor dreissig Jahren durch Heirat ins Dorf. Sie freue sich, sagt sie, dass «Hundwil nicht ganz vergessen geht», dank des Festspiels im Sommer. Das letzte Mal genoss man vor zwei Jahren breitere Aufmerksamkeit, nach dem «Donnschtig-Jass» im Fernsehen. In einer Ecke der Werkstatt malt ihr Schwiegervater mit dem Zirkel Ornamente auf einen Holzteller und schnitzt ihn dann aus. Unermüdlich ist er am Werk, auch mit 86 noch, und in beneidenswerter Verfassung. Wie wird man so alt und bleibt so rüstig dabei? «Jeden Tag ein Glas sauren Most aus dem Thurgau», sagt er, «gesüsst.» Sein Bruder wanderte vor fünfzig Jahren aus - in die USA. Zuerst verschenkte er dort den Käse, den er herstellte; heute besitze er «eine Riesenbude», sagt der alte Küfer. Nicht Elend trieb den Bruder damals fort. «Seine Verlobte war katholisch», sagt der Küfer, «das ging damals nicht.»

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