Herr Binz, Nationalrätin Markwalder steht unter Druck. Wie beurteilen Sie ihre Krisenkommunikation?

Roland Binz*: Christa Markwalder steht kurz vor dem Zenit als designierte Nationalratspräsidentin. Das ist eine unheimlich belastende Situation zur Unzeit. Zwar hat sie am Mittwoch richtigerweise subito und auf allen Kanälen Stellung bezogen. Allzu glaubwürdig wirkte sie allerdings nicht. Sie ist sich offensichtlich kaum eines Fehlers bewusst und fühlt sich ungerechtfertigterweise an den Pranger gestellt. Auch wenn die Nähe zu mehr oder weniger seriösen Interessenvertretern für Parlamentarier und Insider selbstverständlich ist – für die breite Bevölkerung ist das eine irritierende Neuigkeit. Kurzum: Markwalders Krisenkommunikation ist geprägt von einer gefährlichen Innensicht – und verfehlt deshalb die Wirkung.

Markwalder hat ihr Verhalten mit Naivität erklärt. Funktioniert das?

Definitiv nicht. Es ist Christa Markwalder in den letzten Jahren gelungen, sich in breiten Kreisen als kompetente Politikerin zu etablieren. Es funktioniert vor allem dann nicht, wenn häppchenweise neue Fakten ans Licht kommen.

Was hätte sie denn tun sollen?

Statt zu versuchen, die Affäre auszusitzen und die mediale Entrüstung als «Sturm im Wasserglas» abzutun, hätte sie vorausblickend alle Fakten offenlegen und Selbstkritik zeigen müssen. So hätte sie die Deutungshoheit zurückgewinnen und ihre Glaubwürdigkeit stärken können.

Sie sieht sich als Medienopfer und beklagt eine «Rufmordkampagne». Ist dies nicht kontraproduktiv?

In ihrem Fall schon. Es ist die Aufgabe der Medien, als vierte Gewalt im Staat genau hinzuschauen. Eigentlich ist Markwalder mediengewandt. Deshalb verwundert es mich, dass sie die Sache kleinredet, Kritik nicht zulässt und nicht ernst nimmt.

Ist eine Nationalratspräsidentin Markwalder noch kommunizierbar?

Es wird schwierig, zumal ihre gestrige Stellungnahme weiterhin wenig Einsicht und Problembewusstsein erkennen lässt. Die Kasachstan-Affäre wird so zur schweren Hypothek für die Kandidatur. Interview: (dbü)

*Der ehemalige SBB-Sprecher leitet heute in Winterthur eine eigene Beratungsfirma, spezialisiert auf Krisenkommunikation.