Muriel Mercier

«Endlich ziehen der Kanton und die Gemeinde mal am selben Strick. Normalerweise harzt es zwischen den beiden», erklärt der Muttenzer Einwohner Werner Toller nach der Informationsveranstaltung zum Polyfeld vom Mittwochabend (bz berichtete). Man habe die Begeisterung der Bevölkerung richtig spüren können, beschreibt er weiter die Atmosphäre im Veranstaltungssaal an der Hofackerstrasse.

Der Raum platzt denn auch aus allen Nähten, Hunderte von interessierten Einwohnern zwängen sich auf die Festbänke und recken ihre Hälse, um die Präsentation der Arealentwicklung der Fachhochschule Nordwestschweiz vollumfänglich verfolgen zu können. Der Platzanweiser hat seine Mühe, für alle Anwesenden ein freies Plätzchen zu finden.

Spätestens als Gemeinderat Thomi Jourdan ans Rednerpult tritt und erklärt, dass Muttenz an sich eine gut funktionierende Gemeinde ist, mit dem Fachhochschulkomplex jedoch Schwächen gestärkt werden, sind die Zuhörer begeistert. «Unser Ziel ist es, Wissen, Wohnen, Arbeiten und Begegnen in einem neuen Quartier zu vereinen.» Wichtig sei aber, ganz Muttenz in die Planung einzubeziehen und ihre Bedenken und Fragen zu beantworten. Denn das Polyfeld solle allen gefallen und kein Schlafplatz werden.

Einfamilienhäuser fallen zum Opfer

Jourdan spricht Bea Seiler aus dem Herzen: «Heute ist die Gemeinde nach
19 Uhr ausgestorben, die Jungen gehen am Abend und am Wochenende nach Basel. Und ein gemütliches Café, in dem man an einem lauen Abend etwas trinken kann gibt es nicht.» Das Polyfeld mache die Gemeinde attraktiver und belebe sie am Abend. Toller ergänzt: «Mit dem Polyfeld entwickelt sich ein neues Gemeindezentrum. Die ehemalige Industriebrache bekommt mit der Durchmischung von Studenten, einem Wohngebiet und Gewerbebetrieben einen wichtigen Impuls in die richtige Richtung.» Dies sei auch eine Chance für neue, junge Gewerbeunternehmen.

Die Fragerunde, welche die Einwohner am Ende der Projektpräsentation bestreiten, bringt kaum negative Gefühle ans Tageslicht. Wo sich die Fussgänger ihren Weg bahnen können oder wie der Langsamverkehr künftig geleitet wird sind die wichtigsten Anmerkungen aus der Menge. Ein Senior überlegt konstruktiv mit und fragt, ob die Überlegung, den Bahnhof Richtung Campus zu verschieben, gemacht worden sei. «Damit die Studenten direkt das Areal betreten können.» Ja, der Vorschlag sei geprüft worden, bestätigt Projektleiter Thomas Noack. Die SBB sehen aber von der Möglichkeit ab.

Abschliessend dann doch noch eine kritische Frage: Angrenzend an eine Seite des Campus stehen Einfamilienhäuser. «Die müssen dann bestimmt weg», fordert ein Zuhörer Noack heraus. Doch dieser beruhigt: «Wir haben Gespräche mit den Grundeigentümern aufgenommen und können ihnen Lösungen anbieten.» Jourdan ergänzt: «Wenn wir dort nicht auf gutem Wege wären, hätten wir heute die Präsentation nicht durchgeführt.» Niemand solle verjagt werden.

Campus ist ein Projekt der Einwohner

Was während des ganzen Abends erstaunt: Aussagen wutentbrannter Gäste zu der noch unklaren Finanzierung des Bauprojektes bleiben praktisch aus. Jourdan gibt offen zu, dass die Gemeinde bestimmt einiges an den neuen Schulkomplex zahlen müsse. «Ich verhehle nicht, dass es Knirschereien zwischen Kanton und der Bevölkerung geben wird.»

Nach dem regen Austausch zwischen den Muttenzern und den Verantwortlichen des Polyfeldes begutachten die Geladenen die Projektvorschläge vier renommierter Architektur- und Planungsbüros. Wieder voller Enthusiasmus: «Wenn es wirklich so realisierbar ist, wie das Projekt heute vorgestellt wurde, ist es fantastisch. Die Studierenden haben es verdient, ein solches Bildungsgzentrum zu bekommen», meint Trudy Bitterli. «Mir ist klar, dass Steuerzahler sich daran beteiligen müssen», gibt Willi Gysin zu bedenken. Aber ich finde das Projekt interessant.» Einzig ein Mitarbeiter der Firma Leumann und Uhlmann steht nachdenklicher als die anderen vor einer Planungskarte. «Unser Unternehmen sitzt an der Hofackerstrasse 10. Diese Strasse soll es aber laut Plan nicht mehr geben.»

Für Jourdan ist der Abend erfolgreich verlaufen. «Der grosse Bevölkerungsauflauf zeigt, dass die Leute heiss auf Diskussionen sind. Für uns ist in der jetzigen Phase wichtig, die Leute zu begeistern.» Sie müssten wissen, dass die Leitung die Karten auf den Tisch legt und sich das Projekt gut überlegt hat. «So schaffen wir Nähe, damit das grosse Campus-Projekt zum Projekt der Bevölkerung wird.»