Das grosse Interview

Poetry-Slammerin: «Ich dichte mit dem Hirn, nicht mit den Eierstöcken»

Die Kabarettistin und Vize-Schweizer-Meisterin im Poetry Slam, Patti Basler, über Schubladendenken, ihre Liebe zu Heidi und was Einhornglitzer mit Sexismus zu tun hat.

Man hatte es bereits geahnt, als sie im März dieses Jahres den Vizetitel in den Slam-Poetry-Schweizer-Meisterschaften holte. Als Patti Basler dann aber ein paar Monate später in der SRF-Sendung «Arena» die Debatten zusammenfasste – auf den Punkt, schnippisch und prägnant –, war klar: Diese Frau ist ganz und gar nicht auf den Mund gefallen. Sie bringe die Bodenständigkeit einer Bauerntochter von der Heu- auf die Show-Bühne, sagt die Aargauerin von sich – womit sie eindeutig untertreibt: Patti Baslers Humor geht über Bauernschläue hinaus. Das beweist sie auch im Gespräch, kurz bevor sie zusammen mit Renato Kaiser und Kilian Ziegler in Augusta Raurica die Bühne betritt.

Patti Basler, wann haben Sie das letzte Mal so richtig laut losgelacht?

Patti Basler: Ich bin nicht eine, die laut hinauslacht. Bei mir lacht es eher im präfrontalen Cortex als im Gesicht. Aber das letzte Mal herausgelacht, so richtig archaisch aus dem Rückenmark heraus?

Ja?

Klassische Schadenfreude. Bei Slapstick-Situationen. Jemand läuft in eine Mauer oder eine Strassenlaterne.

Das erleben Sie?

Oh, ja. Bei Kindern kann man das besonders gut beobachten.

Und was finden Sie gar nicht lustig?

Humor auf Kosten von Leuten, die es sonst schon richtig schwer haben. Und damit meine ich nicht Ironie oder Zynismus. Wenn jemand ganz plakativ auf die Flüchtlingskrise aufmerksam machen will und sagt, «Die kriegen dafür gratis Schwimmlektionen», dann lache ich zwar nicht, aber im Kontext kann dieser Humor stimmig sein. Wenn dagegen Boshaftigkeit und fehlendes Mitgefühl im Spiel sind, ist das weder angebracht noch lustig.

Es ist also in Ordnung, Sprüche zu klopfen, die eigentlich daneben sind?

Es ist so: Wenn man auf der Bühne steht und Menschen zum Lachen bringen will, dann eignen sich Klischees über Minderheiten gut. Aber es gibt auch solche, die niemandem wehtun. Eine Minderheit wie die Aargauer zum Beispiel. Die funktionieren gut, besonders bei den Zürchern. Die Zurückgebliebenen vom Land in den weissen Socken. Ich persönlich bestätige gerne vordergründig solche Klischees, um sie danach umso genüsslicher zu zerpflücken.

Sie gelten als sehr schlagfertig – gibt es Situationen, in denen Ihnen Worte fehlen?

Meistens sind es nicht die Worte, die mir fehlen, sondern der schiere Glaube. Beim Lesen von Aussagen: Aufforderungen zu Mord. Blanker Hass. Pure Dreistigkeit und Ignoranz. Und solches aus der Feder von Staatspräsidenten oder Parteileaderinnen.

Haben Sie eine politische Verantwortung, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Ich schreibe mir selbst eine zu. Je öffentlicher die Person, desto politischer wird sie wahrgenommen.

Sie äussern sich oft über Gleichstellung. Wie erleben Sie die Slam-Bühne als Frau?

Die politische Brisanz liegt nicht auf der Slam-Bühne, sondern in der allgemeinen Wahrnehmung und Rezeption. Zum Beispiel bei der Themenwahl: Gewisse Themen wirken offenbar je nach Geschlecht unterschiedlich. Wenn ein Mann wie Philipp Scharrenberger, der momentan beste Slampoet im deutschsprachigen Raum, einen Text vorträgt, in dem es um Einhornglitzer geht – übrigens ein toller gesellschaftskritischer Text, der sich wunderschön reimt und technisch brillant ist – wenn der am Schluss sagt, man solle über alles einfach etwas mehr Einhornglitzer geben, wird er als wunderbar poetisch und sprachsensibel rezipiert. Wäre die Autorin eine Frau, hiesse es vorschnell, das sei doch Meitli-Gschpürschmi-Selbstverwirklichung oder Hausfrauenpoesie. Frauen werden in dieser Branche leider oft schneller abgestempelt und schubladisiert als Männer. Wenn sich hingegen Männer mit Haushaltsthemen befassen, können sie genau dafür berühmt werden. Denken Sie nur an Hausmann Bänz Friedli. Ich bedaure, dass Texte oder Kabarett-Nummern aufgrund äusserer Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Herkunft der Schreibenden schubladisiert, statt vorurteilsfrei beurteilt werden.

Patti Basler im Finale der Schweizer-Meisterschaft im Poetry Slam 2018.

Wie äussert sich diese Abstempelung bei Ihnen?

Ich bemerke sie vor allem auf den sozialen Medien: Äussere ich mich auf Social Media sachlich und satirisch, wird vonseiten der Leser oft nicht die sachliche Botschaft aufgenommen, sondern entweder meine Kompetenz infrage gestellt oder sofort auf den Körper und die Person geschossen. Dann heisst es «Die blöde, dicke Kuh» oder «Die ist doch einfach verbittert und sexuell frustriert». All das wird verhandelt, ohne dass es um die Sache geht. Man wird sofort reduziert.

Wie gehen Sie damit um?

Ich versuche sie zu ignorieren. Das sind Hater und Trolle, denen geht es nur um die Aufmerksamkeit. Aber wenn es richtig schlimm würde, müsste man sich an den Verein #NetzCourage wenden und die anzeigen.

So weit ist es bei Ihnen aber noch nicht gekommen?

Nein. Und als Satirikerin teile ich auch viel aus. Ich muss bis zu einem gewissen Grad einstecken können. Oft sind solche Kommentare ja auch Quelle der Erheiterung. Und manchmal ergibt sich gar ein versöhnlicher Dialog.

Denken Sie beim Texten jemals «Das sollte ich jetzt nicht schreiben, weil ich eine Frau bin»?

Nein, zumindest nicht bewusst. Ich bin ja Poetin, da dichte ich mit dem Gehirn und dem Gehör, nicht mit den Eierstöcken.

Sie haben Ihre Kindheit auf einem Bauernhof im Fricktal verbracht. Was für ein Kind waren Sie?

Ein lautes, das viel geredet hat. Ich hab mich aber auch gern zurückgezogen und gelesen.

Zum Beispiel?

Alles! «Huckleberry Finn», «Pippi Langstrumpf», «Rote Zora». Und natürlich «Heidi». «Heidi» war ein sehr wichtiges Buch für mich, ich hab später mein Lizenziat über Johanna Spyri gemacht. «Heidi» habe ich x-mal gelesen. So oft, dass meine Eltern irgendwann sagten: «So, also 20-mal ‹Heidi› lesen bringt dir also auch nichts.»

Denen haben Sies gezeigt.

(Lacht) Ja. Die letzte Expertin ist leider vor ein paar Jahren gestorben, wenn Sie also etwas über Spyris Kindergeschichten wissen wollen, sind Sie sehr gut bedient bei mir.

Gingen Sie gern in die Schule?

Ja. Was ich nicht mochte, war zu Hause büffeln. Das ist auch heute noch so. Ich bin die Prokrastinateurin vor dem Herrn.

Trotzdem sind Sie Lehrerin geworden und haben später ein Studium in Erziehungswissenschaften angehängt.

Ja, aber ich wusste bereits nach einem Jahr, dass der Lehrerberuf auf die Dauer nichts für mich ist. Mir fehlte die intellektuelle Herausforderung, in der Ausbildung und später als Lehrerin.

2008 haben Sie zum ersten Mal mit einer Schulklasse einen Poetry Slam gesehen. Mögen Sie sich an den Tag erinnern?

Sehr gut sogar. Das waren die Deutschsprachigen Meisterschaften in Zürich. Ich hab mir das angeschaut und gedacht: «Joa. Isch scho guet. Aber ich könnte das auch.» Von da an habe ich immer ein bisschen gehofft, dass mich jemand entdeckt. Und irgendwann hab ich gemerkt, dass man nicht entdeckt wird, wenn man sich nicht selbst auf eine Bühne stellt. Also habe ich mir einen Ruck gegeben, ein Jahr später, auf einer Bühne in Wohlen.

Waren Sie nervös?

Ich glaube schon. Ausserdem hatte ich, abgesehen von dieser einen Meisterschaft, noch nie einen Slam gesehen. Aber es lief dann hervorragend. Ich hatte zum ersten einzigen und letzten Mal die volle Punktzahl. Der Höhepunkt meiner Karriere. Ich hätte eigentlich dann aufhören müssen. Und dieses Jahr schliesst sich für mich damit ein Kreis: Es ist genau zehn Jahre her, seit ich meinen ersten Poetry Slam gesehen habe, und jetzt trete ich selbst an den Deutschsprachigen Meisterschaften in Zürich auf.

Heute sind Sie nicht mehr Lehrerin, Sie konzentrieren sich voll aufs Schreiben und die Bühne. Wie hat sich Ihr Leben verändert?

Zum Besten! Früher dachte ich immer so: «Werde der, der du bist» – jaja, blabla – und jetzt bin ich wirklich die geworden, die ich bin. Es ist ein Riesenprivileg, wenn man machen darf, was man will, und es dabei auch wirklich kann. Also nicht nur der Wille da ist, sondern auch das Talent. Und es dafür noch einen Markt gibt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sie haben Ihre Slam-Karriere vergleichsweise spät gestartet – die meisten Slammer sind zwischen 16 und 30 Jahre alt.

Das Alter scheint mir nicht so wichtig, obwohl es offenbar gerne betont wird. Der Gewinner des Salzburger Stiers, Christoph Simon, war um einiges älter, als er mit dem Slammen begann – bei ihm wurde das allerdings nicht gross thematisiert. Dafür wurde zu Recht hervorgehoben, dass er bereits erfolgreicher Romancier war und Bücher geschrieben hatte.

Inhaltlich macht das Alter natürlich schon was aus.

Klar. Viele junge Leute schreiben Texte aus ihrem Erlebnisumfeld von Erwachsenwerden, Studium und Selbstfindung – das sind Themen, die bei mir inzwischen vorbei sind.

Bereuen Sie manchmal, dass Sie nicht früher mit dem Slammen angefangen haben?

Ich war halt ein Mädchen vom Bauernhof, ich wusste nicht, dass es so was wie Poetry Slam überhaupt gibt. Dafür habe ich viel Stoff für meine Texte gesammelt. Und ich wusste von Anfang meiner Bühnenkarriere an: Ich muss kommen - tschack! – und erobern.

Wieso?

Auf der Bühne hat man meist keine lange Halbwertszeit. Auch wenn ich dagegen ankämpfe: Es verträgt zwar ein paar Grandes Vieilles Dames zwischen den vielen älteren Herren, aber nur wenige.

Würden Sie gerne eine Grande Vieille Dame werden?

Das kann ich gar nicht mehr. Da hätte ich früher anfangen müssen. Um das zu werden, musst du jahrelange Erfahrung und Medienpräsenz haben. Die habe ich nicht. Ich bin spät zur Bühne gekommen, war nicht auf der Dimitri-Schule, ich hab nicht einmal Literaturwissenschaften studiert. Es gibt mich schlicht noch zu wenig lange als Bühnenmensch.

Die Zeichen stehen aber gar nicht mal so schlecht: Vergangenen Juni haben Sie als «Instant-Protokollantin» immerhin die SRF-Sendung «Arena» zusammengefasst. Eine Herkulesaufgabe!

Ja, aber das liegt mir einfach, unter grossem Zeitdruck zu arbeiten. Wenn ich etwas höre, kann ich mir sofort einen Reim drauf machen. Wortwörtlich: Mir springt sofort eine satirische Überhöhung oder ein Spruch in den Kopf. Wenn mir Menschen mit lustigen Namen vorgestellt werden, dann kommt mir garantiert ein passendes Wortspiel in den Sinn. Das passiert einfach mit mir. Wortspiel-Logorrhö!

Wo haben Sie eigentlich die besten Ideen?

Unter der Dusche.

Wie klassisch!

Sehr. Wenn das Wasser über meinen Kopf läuft und ich nichts von der Aussenwelt mitkriege und nichts machen kann. Nicht auf dem Handy rumdrücken, nicht lesen oder fernsehen oder mit jemandem schwatzen. Wenn ich null Ablenkung habe, null Möglichkeit zur Prokrastination.

Am Samstag treten Sie mit Renato Kaiser und Kilian Ziegler in Augusta Raurica gegen Slammer aus Österreich und Deutschland an. Haben Sie schon einen Schlachtplan?

Eigentlich würde ich ja gerne die eine Brandrede bringen, die ich bereits am 1. August in Biel vortrug. Die kam beim Publikum aber nicht so gut an. Ich weiss nicht so recht, vielleicht muss ich auch einfach mir selbst treu bleiben und dann verliert halt die Schweiz (lacht). Wegen mir.

Ein schöner Schlusssatz!

Bloss nicht. Sonst heisst es wieder «Die Frau soll sich doch nicht so klein machen!»

Oder nicht so selbstgerecht auftreten.

Genau. Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand … in einen Reim zwängen sollte.

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