Interview

Nobelpreisträger Stiglitz über Trump: «Nächste Generationen werden teuer für ihn bezahlen müssen!»

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: «Trump gaukelt dem Volk vor, man könne alte Jobs zurückholen.»

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: «Trump gaukelt dem Volk vor, man könne alte Jobs zurückholen.»

Der US-Präsident lobte sich in seiner Rede für seine Wirtschaftspolitik. Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger der Wirtschaft, gehört zu den prononciertesten Kritikern Trumps. CH Media sprach in Davos mit ihm.

Der US-Präsident führt den Boom der US-Wirtschaft und die tiefe Arbeitslosigkeit auf seine Politik zurück. Zu welchem Teil ist dies tatsächlich sein Verdienst?

Joseph Stiglitz: Das breitere Bild der US-Wirtschaft ist viel weniger positiv, als Trump es darstellt. Ja, es wurden in Trumps Amtszeit viele Stellen geschaffen. Aber unter Obama war das Job-Wachstum am Ende stärker. Ebenso das Wirtschaftswachstum.

Fakt ist, dass die Arbeitslosigkeit unter Trump ein 50-Jahres-Tief erreicht hat.

Sie dürfen nicht nur die Arbeitslosenzahl anschauen. Sondern auch die Zahl der Erwerbstätigen! Viele Leute sind aus dem Arbeitsmarkt verschwunden, ohne in der Arbeitslosenstatistik aufzutauchen. Sie haben sich, mehrheitlich unfreiwillig, aus dem Erwerbsleben zurückgezogen. Oder sie sitzen im Gefängnis. Man kann natürlich die Arbeitslosigkeit auch reduzieren, indem man möglichst viele Erwerbslose kriminalisiert und ins Gefängnis steckt!

Das ist sehr negativ. Eines müssen Sie zugeben: Fürs Geschäft ist Trump gut!

Kurzfristig, ja. Was Trump macht, ist «Shorttermism», also eine Politik der Kurzfristigkeit. Entscheidend ist, dass heute die Börsenkurse steigen, dass heute eine Investition getätigt wird. Und was ist morgen? Daran denkt er nicht. Das zeigen seine Steuersenkungen: Davon profitiert das oberste Prozent der Gesellschaft. Doch diese Leute können gar nicht mehr investieren deswegen. Zugleich explodiert das Staatsdefizit. Und das in einer Phase der Hochkonjunktur. Spätere Generationen werden deswegen leiden und für Trump teuer bezahlen müssen!

Trump sagte, er habe Industrie-Jobs zurück nach Amerika gebracht. Ein Erfolg, einverstanden?

Es wurden Jobs zurückgeholt, aber nur wenige. Das Problem beim «Zurückholen» alter Arbeitsplätze - etwa in der Kohle- und Ölindustrie - ist, dass diese nicht nachhaltig sind. Amerika ist eine Dienstleistungsgesellschaft. Industriejobs, die einmal verschwunden sind, lassen sich schwerlich hier behalten. Da gaukelt Trump dem Volk etwas vor.

Trump setzt die Notenbank unter Druck, damit dieses die Zinsen senkt. Hilft das, die Wirtschaft noch länger im Schwung zu halten?

Nein. Erstens gibt die Notenbank, die Fed, dem Präsidenten nicht nach. Zweitens sagt sogar die Fed, dass ihre Geldpolitik die negativen Effekte seines Handelskriegs nicht ausgleichen kann.

Tut Trump das Richtige, indem er China die Stirn bietet?

Nicht auf diese Art! Wir haben die Welthandelsorganisation WTO, die fairen Handel sicherstellen soll. Die WTO kann angerufen werden, wenn ein Land die Freihandelsregeln verletzt. Es ist nicht Trumps Aufgabe, hier mit Deals zu prahlen. In diesem Handelskrieg verlieren alle.

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