Die Unruhen um die Universität St.Gallen nehmen kein Ende. Laut eines Berichts des «Tages-Anzeigers» hat die Jungfraubahn Holding jeweils am letzten Handelstag des Jahres Börsenaufträge für umfangreiche Verkäufe ihrer Aktien aus dem Eigenbestand erteilt. Mit diesen Verkäufen soll das Unternehmen den Jahresendkurs seiner Titel um bis zu vier Prozent nach unten bewegt haben. Die Jungfraubahn habe gemäss der Finanzmarktaufsicht Finma Massnahmen zur Verbesserung der Abläufe und der internen Kontrollen beschlossen und mittlerweile umgesetzt.

Die Anfrage diverser Medien bei der Finma blieben unbeantwortet, heisst es weiter. Die Aufsichtsbehörde halte die Verfügung, die Aufschluss über die genauen Umstände der Kursbeeinflussung geben könnte, unter Verschluss.

Aktien im Wert von knapp einer Million

Ein tieferer Aktienkurs am Jahresende könne aus verschiedenen Gründen Sinn ergeben, heisst es weiter. Erstens sei dann die Kurssteigerung der Jungfraubahn übers ganze Jahr tiefer ausgefallen, und die Gesellschaft habe so eine gewisse Reserve im neuen Jahr gehabt, falls dieses wirtschaftlich nicht mehr so gut ausfallen würde.

Zweitens hätten die Aktionäre der Jungfraubahn damit Vermögenssteuern gespart, weil der zu versteuernde Wert der Aktie bis zu vier Prozent tiefer ausfalle, steht im Bericht geschrieben. HSG-Rektor Thomas Bieger habe 2016, als der Kurs letztmals manipuliert worden sei, gemäss Geschäftsbericht der Jungfraubahn Aktien im Wert von knapp einer Million Franken gehalten.

Wusste Bieger von den Manipulationen?

Die Jungfraubahn argumentiert in einer offiziellen Mitteilung: «Gemäss ihrer langjährigen Strategie sieht sich die Jungfraubahn-Gruppe als Value Stock verantwortlich, Voraussetzungen zu schaffen, um die wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erhalten sowie den regionalen Wirtschaftsstandort zu sichern. Im schwierigen touristischen Umfeld setzt sie sich dafür ein, nicht als Spekulationsobjekt wahrgenommen zu werden.»

Die Bahn, so lasse sich daraus schliessen, wollte nicht wegen einer überdurchschnittlichen Kursentwicklung ins Visier ausländischer Investoren geraten. Bieger hat sich bisher gegenüber den Medien nicht zu den Vorwürfen geäussert.

Mehrere Mandate

Neben den Jungfraubahnen beschränken sich Biegers Mandate auf Mitgliedschaften in universitären Organisationen im Bereich Tourismus. In der Vergangenheit hatte der HSG-Rektor auch Mandate, die nicht direkt mit Forschung und Lehre zu tun hatten. Bis 2015 war er etwa Mitglied der Swiss Luftfahrtstiftung. Ziel der Stiftung war es, die Eigenständigkeit der Swiss trotz Übernahme durch die Lufthansa zu erhalten. Die Stiftung wurde 2015 aufgelöst.

Ebenfalls bis 2015 war Bieger die Nummer zwei im Verwaltungsrat der Bergbahnen Disentis. Als Vizepräsident habe Bieger den Verwaltungsratspräsidenten «in ganz besonderer Weise mit seinen profunden Kenntnissen und einem enormen Engagement» unterstützt, heisst es im Jahresbericht 2014/15 der Bergbahnen. Seit 2013 ist Bieger unter anderem Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit.

Bildungschef Kölliker schweigt

Regierungspräsident Stefan Kölliker ist auch Präsident des Universitätsrats und damit oberster Chef von Bieger. Zu den jüngsten Berichten über die HSG und den Rektor äussert sich Kölliker derzeit gegenüber dem «Tagblatt» nicht. Dass sich der Bildungschef mit der Angelegenheit befassen wird, ist aber so gut wie sicher. Erschwerend dürfte hier allerdings hinzu kommen, dass weder Kölliker noch sonst jemand aus dem Bildungsdepartement Einblick in die Finma-Untersuchungen erhält. Damit bleibt auch für Biegers Chef die Beurteilung des Falls schwierig.

Thomas Bieger ist seit 2011 Rektor der Universität St.Gallen. Zuvor war er geschäftsführender Direktor des HSG-Instituts für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus. Bieger wurde im März im Amt bestätigt. Allerdings dauert die neue Amtsperiode nur bis Anfang 2020, also ein Jahr und nicht wie üblich zwei Jahre. Weil die Uni mit diversen Grossprojekten wie dem Medical Master, dem neue Informatik-Studienangebot und der Campus-Erweiterung beschäftigt ist, haben sich Bieger und zwei weitere Mitglieder des Rektorats für ein weiteres Jahr zur Verfügung gestellt.

Eine Unruhe jagt die nächste

In den vergangenen Monaten ist die HSG wiederholt wegen diverser Ungereimtheiten ins Visier der Öffentlichkeit geraten.

Johannes Rüegg-Stürm, HSG-Professor für Organisationsstudien, musste im Zusammenhang mit den Vorfällen um die Raiffeisen-Gruppe im März den Hut als Verwaltungsratspräsident der Raiffeisen nehmen. Die Finma hatte in einem Bericht festgehalten, dass der Verwaltungsrat von Raiffeisen dem Geschäftsgebaren der Raiffeisen-Spitze tatenlos zugeschaut habe. An der HSG nimmt Rüegg-Stürm derzeit eine Auszeit.

Mitte Juni wurde der deutsche Honorarprofessor und Audi-Chef Rupert Stadler wegen Verwicklungen in den Diesel-Skandal festgenommen. Die Justiz in Deutschland wirft Stadler Betrug und Falschbeurkundung vor. Wegen Verdunkelungsgefahr sitze er nach wie vor in Untersuchungshaft. Am Montag meldeten laut «Tages-Anzeiger» deutsche Medien, dass Stadler bei Audi vor seiner Ablösung stehe.

Spesenskandal im Juni

Ebenfalls im Juni hatte die HSG über mutmasslichen Spesenmissbrauch informiert und eine Administrativuntersuchung und drei Disziplinarverfahren eröffnet. Im August berichtete die «Ostschweiz am Sonntag», dass es sich dabei um Mitarbeiter des Instituts für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law and Economics und insbesondere den bereits nicht mehr am Institut tätigen, aus Deutschland stammenden Direktor und Rechtsprofessor Peter Sester handle. (ar/bro)