Er ist doch intelligenter als ein Mann, der ständig die Kurbel eines Leierkastens dreht – warum tut er sich das an? Geht seit Jahren das Risiko ein, erst die Parodie und am Ende gar die Karikatur seiner selbst zu sein: Jean Ziegler, mittlerweile 85 Jahre alt. Man verkennt den Mann, wenn man ihn bloss nach seinem Leierkasten beurteilt. Das sollte inzwischen klar geworden sein. Zuletzt riss darüber staunend noch die «NZZ» ihre Augen auf («Der charmante Causeur, kultiviert und kumpelhaft»; seine «warmherzige Art wirkt nie gekünstelt», aber: «Gesinnungsmässig kennt er kein Pardon»).

Läppischer Hohn der Kritiker

Immerhin, das ist Einsicht ins Wesen eines Unikats, dank einer realen Begegnung anlässlich eines Besuchs, nicht länger pauschale Verunglimpfung wegen pauschaler Ideologie. Trotzdem reduziert das Gros weiter mit läppischem Hohn Ziegler auf seine Thesen, meist ohne rhetorisch auch nur in die Nähe seiner Kernigkeit zu gelangen: «Die kannibalische Weltordnung, die er (der Casino-Kapitalismus – die Red.) geschaffen hat, muss radikal zerstört werden.» Die Thesen – in der Tat – sind die alten, auch in Zieglers neuestem Buch: «Was ist so schlimm am Kapitalismus».

Darin finden sich etwa folgende Passagen: «Die kapitalistische Produktionsweise trägt die Verantwortung für unzählige Verbrechen, für das tägliche Massaker an Zehntausenden von Kindern, …, für die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt.»

Oder, als Präzisierung zur «kannibalischen Ordnung»: «Überfluss für eine kleine Minderheit und mörderisches Elend für die grosse Mehrheit.» Oder: «Das Finanzkapital, dieses besondere Kapital, beherrscht heute die Welt und unterwirft alle anderen Kapitalformen seinem Einfluss. Sein Biotop ist die Börse. Weisst du, was eine Börse ist?»

Die hier Gefragte ist eine Enkelin des Autors – oder eine zu einer Person gebündelte Schar von Enkeln und Enkelinnen, auch fiktiven, ist zu vermuten. Denn weder ist das Wesen dieser Schülerin scharf gezeichnet, noch ist ihr Alter genau bestimmt. Auf klare Angaben verzichtet Ziegler. Wir hatten anfangs die Vorstellung eines Kindes; später aber beklagt sich die Enkelin, im Gymnasium höre sie nahezu nichts von Marx, obwohl sich alle Schulkolleginnen und Kollegen brennend dafür interessierten.

Hat Marx heute noch Konjunktur?

Wir haben uns in jüngster Zeit nicht auf dem Pausenhof eines Gymnasiums herumgetrieben – Jean Ziegler vermutlich ebenso wenig. Hätte Marx heute unter der Jugend wirklich derart grosse Konjunktur? «Natürlich», sagt Ziegler am Telefon, «unbedingt!» Warum versteht die Enkelin keine Wörter wie «Monopolisierung», «Multinationalisierung» und wünscht vom Autor Erklärung, parliert hingegen munter über die nicht einfachen (oder verquasten) Ideen Rousseaus?

Natürlich ist Ziegler ein politischer Essayist, kein Dramatiker, der die Kunst des Dialogs beherrschen würde. Er betreibt ja nicht Aufklärung vom Theater aus, sondern, wie er glaubt, mitten in der Realität. Gerade darum, wegen letzterem, agiert die Enkelin zu oft als reine Stichwortgeberin, kaschiert Ziegler seine Monologe höchst schlampig mit dem angeblich sachimmanenten Hinweis, das angeschnittene Thema bedürfe des Ausholens. Etwas mehr Natürlichkeit hätte man sich schon gewünscht, ein bisschen wirkliches Interesse für die junge Zuhörerin.

Katholik und Kommunist

Ziegler hat, als Privatperson, diese sehr humane Seite; hier vergräbt er sie vollständig unter steinaltem Theoriegeschiebe. Implizit gibt er zu verstehen, dass er sich, als Grossvater, aufgenommen, mindestens mitschwingen fühle in der ersten Reihe an den «Fridays for Future»-Demonstrationen. Möglicherweise eine einseitige Vermengung der Dinge.

Der Kapitalismus-Guerillero à la Che – zivil, im Innenfleisch des Kraken – und Greta Thunbergs Immaculata-Sorge, künftig noch atmen zu können: Wären das wirklich Bruder und Schwester? Ziegler vereinigt Widersprüche, die bei ihm alles Widersprüchliche verlieren. Er ist Katholik und Kommunist, Kleinbürger auf globaler Mission, privilegierter Funktionär mit Geländewagen, Chauffeur und UNO-Emblem. Er neigt zu Wiedergeburtsvorstellungen, frei von esoterischem Dunst, vereinigt Ideen afrikanischer Kulte mit Thuner Überlieferung, ohne daraus ein spirituelles Fastfood-Menü zusammenzustellen. Er hat eine Schwäche für gewisse Diktatoren, ist aber nicht deren blinder Vasall, wenigstens nicht auf Gedeih und Verderben.

Aus lauter Widersprüchen hat Ziegler früh sein ureigenes Programm gestanzt für den Leierkasten, den atonalen Individualisten.

Der Befehl des Che Guevara

Oder dann wurde ihm früh etwas eingestanzt, eine Art Befehl fürs Leben. Damals, als er den Che in Genf herumchauffiert und ihm gesagt hatte, er wolle mit ihm in den Befreiungskampf ziehen. Hier sei sein Krieg, habe Che angeordnet, im Innenfleisch des Kraken. Und daran hält sich der menschentreue Jean Ziegler vielleicht bis heute («hasta la muerte!»), von den Befehlshabern und Missions-Chefs längst vergessen.