Gerichtsverhandlung

Nach Totgeburt einer Syrerin: Hätte man das Baby noch retten können?

Die Befragung vor dem Militärgericht in Bern.

Die Befragung vor dem Militärgericht in Bern.

Trotz Blutung und starker Schmerzen sollen Schweizer Grenzwächter einer Syrerin keine medizinische Hilfe gewährt haben. Gestern startete der Prozess.

Trägt ein Angehöriger des Schweizer Grenzwachtkorps die Schuld an der Totgeburt der Syrerin Suha Alhussein J.? Diese Frage wird bis zum Freitag am Militärgericht 4 am Berner Verwaltungsgericht verhandelt. Angeklagter ist der verantwortliche Einsatzleiter Christian J.

Ihm wird vorgeworfen, der Schwangeren Alhussein J. medizinische Hilfe verweigert zu haben – trotz mehrmaligen Bitten seitens ihres Ehemanns und der Schwester. «Es war klar sichtbar, dass ich schwanger war und Blutungen hatte» , sagte Hussein J. gestern zum Prozessauftakt. Die Grenzwächter hätten sie angeschaut, aber nichts unternommen.

Was ist geschehen? Am 4. Juli 2014 reiste eine Flüchtlingsgruppe im Zug von Mailand nach Paris, als sie von französischen Gendarmen aufgegriffen und Schweizer Grenzwächtern zur Rückführung nach Italien übergeben wurden. Diese führten die Flüchtlinge von Vallorbe VD via Brig ins italienische Domodossola zurück. Unter den Flüchtlingen befand sich eine 22-jährige Syrerin, die Ende des 7. Monats schwanger war.

Totgeburt einer Syrerin: Ehemann erleichtert über Prozessauftakt

Totgeburt einer Syrerin: Ehemann erleichtert über Prozessauftakt

Ein Schweizer Grenzwächter muss sich in Bern vor einem Militärgericht dafür verantworten, dass er einer schwangeren Syrerin die medizinische Hilfe verweigert haben soll. Die Frau erlitt eine Totgeburt. Ihr Ehemann Omar Jneid zeigte sich im Interview mit sda-Video erleichtert, dass der Prozess drei Jahre nach dem Vorfall beginnt.

Die Frau klagte auf der zweieinhalbstündigen Busfahrt nach Brig über Schmerzen. Diese steigerten sich, als die Gruppe im Wallis zweieinhalb Stunden auf die Weiterfahrt nach Domodossola wartete. Alhussein J. lag auf einer Holzpritsche in einem Aufenthaltsraum, umsorgt von ihren Angehörigen. «Ich habe die Grenzwächter drei-, viermal auf Englisch angesprochen und um ärztliche Hilfe gebeten», sagte Ehemann Omar J.

Als die Flüchtlinge später in den Zug nach Domodossola einstiegen, musste die Syrerin gestützt werden. «Ich war in einem Zustand zwischen wach und ohnmächtig», sagte sie leise. Bei der Ankunft in Italien wurde die Syrerin unverzüglich mit der Ambulanz in ein Spital gebracht. Dort gebar sie das tote Mädchen.

Wann beginnt das Leben?

Die Hauptfrage, die sich für die fünf Militärrichter stellt, ist knifflig: Hat das Leben des Kindes im strafrechtlichen Sinne bereits begonnen oder nicht? Laut einem Rechtsgutachten ist dies erst mit dem Einsetzen der Eröffnungswehen der Fall. Erst ab diesem Zeitpunkt kommt der Strafbestand der Tötung in Betracht. Andernfalls kann es sich nur um einen strafbaren Schwangerschaftsabbruch handeln.

Der Auditor – der Ankläger in Militärstrafsachen – wirft dem Angeklagten Tötung vor. Er legte drei Varianten vor: In einer ersten Variante lautet die Anklage auf vorsätzliche Tötung, falls das ungeborene Kind in Brig noch gelebt hat und dort auch schon die Eröffnungswehen eingesetzt haben. Die zweite Variante geht davon aus, dass das Kind bei der Ankunft in Brig verstarb, ohne dass die Eröffnungswehen bereits begonnen hätten. Die dritte Variante nimmt an, dass das Kind bereits bei der Ankunft in Brig tot war.

Aus einem rechtsmedizinischen Gutachten lässt sich nur feststellen, dass der Todeszeitpunkt in den letzten zwölf Stunden vor der Geburt eingetreten ist. «Eine genauere Bestimmung ist nicht möglich», sagte Daniel Surbeck, Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe am Berner Inselspital. Er hatte das Gutachten zusammen mit der Rechtsmedizin verfasst. Surbeck sagte aber auch: «Wenn eine schwangere Frau über starke Schmerzen und Blutungen klagt, muss man reagieren.»

Es spreche einiges dafür, dass man das Baby noch hätte retten können, wenn ihm rasch umfassende medizinische Hilfe zuteilgeworden wäre, sagte Surbeck. «Hätte man die Frau in Brig ins Spital gebracht und wäre der Fötus dann noch am Leben gewesen, hätte man das Kind zu 80 Prozent retten können.»

«Sache des Einsatzleiters»

Der Fall wirft auch ein Schlaglicht auf die Arbeitskultur des GwKs: Der Angeklagte selbst wurde gestern nicht befragt. Dafür rief das Gericht zwei Untergebene des Angeklagten in den Zeugenstand und konfrontierte sie mit der Frage, warum sie nicht von sich aus aktiv geworden seien.

Beide gaben an, die Situation der Frau nicht als dramatisch eingeschätzt zu haben. Sie hätten Christian J. aber auf die Bitte der Flüchtlinge hingewiesen. Es sei Sache des Teamleiters, medizinische Hilfe anzufordern. Im hierarchischen System könne der Chef nicht übergangen werden.

Erst auf dem Weg zum Zug sei ihm bewusst worden, dass etwas nicht stimme, sagte einer der beiden ehemaligen Grenzwächter. Er habe sich erneut an den Vorgesetzten gewandt, doch der sei am Telefonieren gewesen. Er habe nur gehört: «Verlade jetzt.» Das Urteil wird für Freitag erwartet. Für den Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

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