Die Bundesanwaltschaft führt das Verfahren intern unter dem Namen Pirol. Der gleichnamige Singvogel stammt aus Afrika und brütet von Mai bis Juli in Europa. Mit seinem flötenden Ruf bringt er ungewohnte Klänge in die Schweizer Wälder. Doch man hört ihn nur, sieht ihn aber fast nie, obwohl er goldgelb ist. Denn er bewegt sich am liebsten ganz oben im Blätterdach, wo er von unten kaum zu erkennen ist.

Mit Vogelkunde beschäftigt sich die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklageschrift nicht. Sie lässt offen, wer der Pirol ist. Gemeint sein könnte der Angeklagte, der sich in der obersten Firmenetage aufplusterte und sein Lied von einer sauberen Wirtschaftswelt piff. Doch dessen Geschäfte, die er nebenbei betrieb, konnte man von unten kaum erkennen.

Daniel Senn (60) war der Wirtschaftsprüfer, der 2003 die Geschäfte des Bankers Oskar Holenweger und 2012 jene des Ex-Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand untersucht hatte. Er kam zum Schluss, dass Hildebrand mit seinen Devisengeschäften nichts Unzulässiges getan hatte.

Die Bundesanwaltschaft wirft Senn nun aber vor, selber unzulässige Geschäfte getätigt zu haben. Am 22. Mai erhob sie Anklage gegen ihn. Einerseits wirft sie ihm vor, Insiderinformationen für Börsengeschäfte ausgenutzt zu haben. Andererseits soll er der eidgenössichen Revisionsaufsichtsbehörde verlangte Unterlagen nicht vollständig ausgehändigt haben. Das Bundesstrafgericht verhandelt den Fall am 25. Juli. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Singvogel in der Sonne

Bei den Insidergeschäften geht es um die Basler Privatbank Sarasin, die seit 2012 der brasilianischen Safra Group gehört. Für die Übernahme hatte sich zuvor auch die Bank Julius Bär interessiert. Sie führte das Übernahmeprojekt intern unter dem Namen Sunshine.

Der Pirol stand mitten im Sonnenschein. Als Partner und Geschäftsleitungsmitglied der Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG leitete Senn das Revisionsmandat von Julius Bär. Erste Gerüchte zu einer Sarasin-Übernahme durch Julius Bär kursierten bereits im Frühling 2011.

Doch Senn gehörte kurz darauf zum eingeweihten Kreis, der über gesicherte Informationen verfügte. Gemäss Bundesanwaltschaft hatte er ab Juli Einsicht in drei Protokolle, die das Übernahmeprojekt beschrieben. Sie stammten vom Verwaltungsrat der Julius-Bär-Gruppe, von einem Verwaltungsratsausschusskomitee und von einem Meeting mit der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma).

Beim Finma-Treffen sass Senn mit am Tisch. Einen Tag später, am 20. September 2011, griff er zum Telefon und rief die Bank Sarasin an. Er diktierte den Auftrag, 2000 Aktien für insgesamt 50 000 Franken zu kaufen. Kurz darauf verdoppelte er seinen Einsatz und erwarb nochmals 2000 Aktien zum gleichen Kurs. Am 26. September wurden die KPMG und Senn offiziell in das Projekt Sunshine involviert. Am Tag darauf buchte Senn die Sarasin-Aktien auf das Konto seiner Kinder um.

Im Oktober 2011 wurde offiziell bekannt, dass Julius Bär Gespräche für eine Übernahme führt. Zu einem Abschluss kam es zwar nie, da die Brasilianer später das Rennen machten. Doch die Meldung liess den Kurs der Sarasin-Aktien um 15 Prozent in die Höhe schnellen. Senn machte dabei gemäss der Bundesanwaltschaft einen Buchgewinn von 30 000 Franken.

Er habe die Insiderinformationen wissentlich und willentlich ausgenutzt, um sich oder seinen Kindern dadurch einen Vermögensvorteil zu verschaffen, heisst es in der Anklageschrift.

Als Revisionsexperte unterstand Senn der eidgenössichen Revisionsaufsichtsbehörde. Wegen des vermuteten Insiderhandels bat sie ihn 2013 um umfangreiche Unterlagen zu seiner Arbeit, seinen Transaktionen und seinen Konten sowie jenen seiner Ehefrau und seiner Kinder. Senn nahm dazu Stellung, reichte aber nicht alle gewünschten Unterlagen ein. 2014 entzog ihm die Aufsichtsbehörde die Zulassung als Revisionsexperte und zeigte ihn bei der Bundesanwaltschaft an.

Die Anklageschrift zeigt, dass die Bundesanwaltschaft einen grossen Teil der Vorwürfe nicht erhärten konnte. Die Revisionsaufsichtsbehörde hatte ursprünglich auch wegen Insidergeschäften bei Roche und der Deutschen Pfandbriefbank gegen Senn ermittelt. Doch von derartigen Delikten ist nun keine Rede mehr.

Gezwitscher im Bundeshaus

Keine Rolle spielt in der Anklage zudem der frühere SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli. In der Affäre Hildebrand ärgerte er sich über Senns Gutachten. Der Fall Hildebrand hatte Parallelen zum Fall Senn: Es ging um Insidervorwürfe, Transaktionen auf Familienkonten und die Bank Sarasin.

Mörgeli stellte Senns Unabhängigkeit infrage und pfiff dies von den Berner Dächern. Es war eine in der Schweiz selten gehörte Melodie, die in den höchsten Etagen der Politik erklang. Doch diesmal war der Pirol für alle sichtbar.