Cyber-Mobbing

Mobbing im Internet: Bis zum Suizidversuch gequält

«Das permanente Hänseln im Internet kann reale psychische Verletzungen auslösen», ist die Botschaft der Pro Juventute-Kampagne gegen Cyber-Mobbing

«Das permanente Hänseln im Internet kann reale psychische Verletzungen auslösen», ist die Botschaft der Pro Juventute-Kampagne gegen Cyber-Mobbing

Das traurige Beispiel der kanadischen Schülerin Amanda Todd zeigt, wie weit Cyber Mobbing führen kann. Auch in der Schweiz sind drastische Fälle bekannt. Pro Juventute fordert, die Medienkompetenz in den Lehrplänen besser zu verankern.

Sie hatten einen gewöhnlichen Streit. Bis er sich ins Netz verlagerte. Auf Facebook schrieb Ninas Kollegin deftige Kommentare über ihre Freundin. Schule, Kollegen, alle bekamen den Krach mit, erfuhren Dinge, die sie nichts angehen. Auch nach Tagen hörten die Kommentare nicht auf.

Cyber-Mobbing nenne Fachleute dies. Bei betroffenen Jugendlichen kann es reale psychische Verletzungen auslösen. Gestern hat Pro Juventute deshalb die Kampagne «Stopp Cyber-Mobbing» gestartet. Zwei Drittel der Schweizer wissen laut einer Studie der Jugendorganisation nicht, wo sie bei Cyber-Mobbing Hilfe finden.

Bis zum Suizid

Weltweit für Aufsehen sorgt seit einer Woche das Video, das die kanadische Schülerin Amanda Todd vor ihrem Selbstmord auf youtube gestellt hat. Auf handgeschriebenen Zetteln erzählt sie, wie sie oben ohne fotografiert wurde, wie ein Stalker sie mit den Bildern verfolgte, wie sie von Klassenkameraden im Netz blossgestellt wurde - bis sie es nicht mehr aushielt. Zuerst ritzte sie sich in die Arme, schliesslich brachte sie sich um.

Amanda Todd war Opfer von Cyber-Mobbing und beging danach Selbstmord

Amanda Todd war ein Opfer von Cyber-Mobbing und beging danach Selbstmord. In einem Video erklärte sie, warum. Quelle: Youtube/dunpablo

Auch bei der Schweizer Jugendberatungsnummer 147 ist Cyber-Mobbing bekannt. Bis zu vier schwere Cyber-Mobbing-Fälle gelangen wöchentlich dorthin. Ein 15-jähriges Mädchen etwa wird auf dem Pausenplatz herumgeschubst und angespuckt. Auf Facebook landet der Eintrag «Wie scheisse bist du eigentlich».

Gar mit einem Suizidversuch war der auf Mobbing spezialisierte Winterthurer Experte für Krisenkompetenz, Michael Freudiger, konfrontiert. Ein peinlicher Handyfilm war der Grund. Das Opfer wusste nicht, wer ihn gesehen hatte. «Alle wussten es, aber niemand sprach darüber», sagt Freudiger.

24 Stunden ausgesetzt

«Mit Web 2.0 und Smartphones sind Schüler 24 Stunden möglichen Mobbingangriffen ausgesetzt», sagt Freudiger. «Die Reichweite ist ein Riesenunterschied zum bisherigen Mobbing.» Jederzeit können auf dem Pausenplatz Filmchen gedreht werden, die später im Netz landen. Mit gefälschter Mail-Adresse lassen sich Videos anonym verbreiten. «Im Alltag ist den Jugendlichen viel klarer, dass es Grenzen gibt», sagt Freudiger. «Im Internet haben viele das Gefühl, alles sei erlaubt.» Übeltäter und Mobbingopfer haben keinen realen Kontakt. «Plage ich ein Opfer direkt, sehe ich vielleicht die Tränen. Im Internet sehe ich nicht, dass es weh tut.»

Im Idealfall selbstbewusst

Nina liess sich die Kommentare ihrer Kollegin nicht gefallen. Nach einer Woche ging sie in die Offensive: «Face to face» hat sie die Freundin aufgefordert, die Kommentare zu löschen. Mit einem eigenen Facebook-Post forderte sie die Kollegin auf, aufzuhören. «Das ist fast der Idealfall», sagt Psychologe Freudiger. «Aber das braucht Selbstvertrauen. Oft suchen die Täter jemanden aus, der sich nicht wehren kann.»

Man sei ganz allein, sagt Nina. Zu ihren Eltern wollte sich nicht - und wahrscheinlich hätten diese auch nicht helfen können. Was Facebook ist, wissen sie nicht genau. «Viele Erwachsene glauben, dass Cyber Mobbing nicht so gefährlich ist, weil es im Internet passiert», sagt Pro Juventute-Direktor Stephan Oetiker.

Rund 80 Prozent der 13 bis 16-Jährigen haben laut einer EU-Studie ein Profil auf einem sozialen Netzwerk. Weil die Jugendlichen im Internet in anderen Welten als die Erwachsenen zuhause sind, merken Eltern und Lehrer lange nichts von Cybermobbing. Pro Juventute rät Jugendlichen deshalb, möglichst schnell eine Vertrauensperson zu kontaktieren, Beweismaterial sicherzustellen und keinesfalls auf Cyber-Mobbing zu antworten. «Das ist, was der Mobber will», sagt Oetiker. Pro Juventute fordert deshalb, die Medienkompetenz in den Lehrplänen besser zu verankern.

«Habt ein Facebook-Profil!»

Nina hat kein Facebook-Profil mehr. Die bösen Kommentare waren ein Grund dafür. Für viele Jugendliche ist dieser Schritt laut Michael Freudiger kaum möglich. «Das Internet ist Teil der Identität von Jugendlichen. Viele Kontakte finden dort statt.» Eltern empfiehlt Pro Juventute Direktor Oetiker deshalb: «Habt ein Facebook-Profil, lernt das Internet besser kennen.»

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