Liestal
«Wir werden immer mehr»: So lief die bislang grösste Coronademo der Schweiz ab – Sicherheitsdirektion will Veranstalter büssen

Gegen 6000 Personen demonstrierten in Liestal gegen die Coronamassnahmen. Die grosse Mehrheit trug dabei keine Maske. Die Polizei fand sich in einem Dilemma wieder.

Tobias Gfeller
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Georgios Kefalas / KEYSTONE

«Masken bringen uns nicht zum Schweigen» steht auf einem Schild eines älteren Mannes. «Impfpass gleich Kriegserklärung» lautet seine markige Parole darunter. Stolz und mit einem Lächeln im Gesicht spaziert der Mann über den Sportplatz der Schulanlage Frenke, wo sich nach dem Marsch vom Emma Herwegh-Platz beim Bahnhof die gegen 6000 Demonstrantinnen und Demonstranten zur Kundgebung versammelt haben. Die Stimmung ist euphorisch. «Wir sind wirklich 10’000», ruft eine der Organisatorinnen des Vereins Stiller Protest zu Beginn ins Mikrofon. Die Menge jubelt – nicht zum letzten Mal an diesem Nachmittag.

Es war die bislang grösste Demonstration gegen die Coronamassnahmen in der Schweiz. Die Stadt Liestal hat sie bereits vor Wochen bewilligt. Die wichtigste Auflage, das Tragen einer Schutzmaske, wurde aber genüsslich ignoriert. Eigentlich trugen nur jene eine Maske, die diese als Teil ihres Kostüms, der weissen Schutzanzüge, benötigten. Im Vorfeld der Demonstration schaltete der Verein Stiller Protest auf seiner Website ein Video mit einer Tanz-Performance online, wie man sich zu Ansagen aus den Lautsprechern bewegen soll. Mit gebückter Haltung und hängenden Schultern sollte beispielsweise ein dystopisches Gesellschaftsbild voller Unterdrückung gezeichnet werden. «Maskenpflicht für immer» oder «Gehorsam macht frei» lauteten zwei dieser Ansagen.

Still und mit einer einstudierten Choreografie machten sich die Teilnehmenden des Protestmarsches in Liestal auf den Weg.

Tobias Gfeller

Alain Berset, der Sonnenkönig

Dieser Vergleich zur Diktatur der Nationalsozialisten – viele Eingangstore zu den Konzentrationslagern waren mit den Worten «Arbeit macht frei» beschriftet – war beileibe kein Einzelfall. «Nazi-Impfmörder» hielt ein anderer Mann auf seinem Schild hoch und forderte darunter zum Test-, Impf- und Maskenboykott auf.

Baselbieter Sicherheitsdirektion will Veranstalter büssen

«Ich verurteile das Verhalten der Organisatoren und der Teilnehmenden scharf», sagt die Baselbieter Sicherheitsdirektorin Kathrin Schweizer (SP) am Tag nach der Megademonstration in Liestal zur bz. «Es war klar Teil der Auflagen, dass die Teilnehmenden Gesichtsmasken tragen müssen. Ansonsten hätte die Kundgebung keine Bewilligung erhalten.» Schweizer rügt auch die Veranstalter vom Verein «Stiller Protest»: «Die Organisatoren zeigten keinerlei Anstrengung, die Regeln durchzusetzen.» Die Sicherheitsdirektion prüfe, ob die Veranstalter gebüsst werden können. Lob erhält die Baselbieter Polizei: Wegen der vielen Familien und Kinder im Demonstrationszug habe sie auf Deeskalation gesetzt, und das sei richtig gewesen. (bwi) 

Die Demonstrantinnen und Demonstranten sehen sich als Opfer und Unterdrückte einer Diktatur, die die Menschenrechte mit Füssen tritt.

«Der Rechtsstaat funktioniert nicht mehr»,

schimpfte der Basler Männerarzt Marco Caimi in seiner Rede und bezeichnete Bundesrat Alain Berset als Sonnenkönig in einer Monarchie. «Ist es eine Diktatur? Ist es eine Tyrannei? Ist es Totalitarismus?», fragte Caimi provokativ ins Publikum, welches dreimal mit einem lauten «Ja» antwortete. Der Männerarzt rief zum Widerstand auf, um wieder Ordnung ins Land zu bringen, in dem das Obligationenrecht, das Zivilrecht und das Strafgesetz gelten. Beim Impfen zog Caimi einen Vergleich zum Apartheid-Regime in Südafrika, als Weisse und Schwarze strikt getrennt wurden.

Anhänger des Vereins Stiller Protest demonstrieren in Liestal gegen die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus.
14 Bilder
Tausende haben sich versammelt, viele waren ohne Maske unterwegs.
Mit Plakaten ziehen sie in einem Protestzug durch Liestal.
Die Demo wurde vom Verein "Stiller Protest" organisiert.
Die Demonstranten stehen dicht beieinander.

Anhänger des Vereins Stiller Protest demonstrieren in Liestal gegen die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus.

Georgios Kefalas / KEYSTONE

«Menschenrechte werden nicht eingehalten»

Markige Worte wählte auch der Rünenberger Gemeinderat Stefan Lang, der aktuell vor allem als Baselbieter Regionalleiter der «Freunde der Verfassung» auftritt. Er kritisierte die angebliche Propaganda der Medien. Die Regierungen würden versuchen, einen Keil ins Volk zu treiben, um es leichter beherrschen zu können. «Die Menschenrechte werden nicht eingehalten», monierte der Oberbaselbieter Exekutivpolitiker und rief über die Schulanlage Frenke:

«Wir sind viel mehr und wir werden immer mehr!»

Die Baselbieter Primarlehrerin Caro Jockel engagiert sich seit Wochen im Verein Eltern für Kinder gegen die Maskenpflicht an den Schulen. Diese schade den Kindern in körperlicher, psychischer und seelischer Ebene. «In uns allen steckt eine kleine Pippi Langstrumpf», forderte sie die Menge zum Widerstand mit vereinten Kräften auf, als würden sie alle ein gepunktetes Pferd in die Höhe stemmen.

Polizei im Dilemma

Es war in vielerlei Hinsicht eine beeindruckende Demonstration: Einerseits die hohe Anzahl Teilnehmenden und deren verströmte Energie, andererseits aber auch die Kompromisslosigkeit, in der die Vorgaben zur Bewilligung missachtet wurden. Die Baselbieter Polizei, die von Kollegen aus der Stadt Zürich unterstützt wurde, fand sich in einem unlösbaren Dilemma wieder. Ihre Aufforderung, Masken zu tragen, wurde johlend überhört.

«Wir können nicht wegen des Maskentragens mit Gummischrot einschreiten»,

sagte Polizeisprecher Adrian Gaugler nach Ende der Demonstration. «Für uns hatte ein sicherer und ruhiger Ablauf Priorität.» Es sei für die Polizei eine Güterabwägung zwischen dem Durchsetzen der Massnahmen und dem Aspekt der Deeskalation gewesen, so Gaugler, der das Vorgehen der Polizei als «verhältnismässig» bezeichnete. Es irritierte aber, dass sogar Personen aus dem Organisationskomitee, die als solche gekennzeichnet waren, ohne Maske mit der Polizei diskutieren konnten, ohne dass diese sichtbar etwas dagegen unternahm.

Mutmassliche Attacke auf Journalisten

Zwölf Personen wurden vor­übergehend angehalten. Eine Person wurde gemäss Polizei bei einem Angriff verletzt und musste ins Spital gebracht werden. Gemäss einem Video, das auf Twitter kursiert, handelt es sich um einen Journalisten. Zu sehen ist, wie er und eine andere Person auf dem Wasserturmplatz angegangen werden. Laut unbestätigten Angaben wurde der mutmassliche Täter verhaftet. Von der Polizei waren zum Vorfall keine Angaben erhältlich.