Musikalische Bildung

Lehrer sind nicht für den Musikunterricht gebildet und erteilen ihn doch

Nicht alle Kinder musizieren im Fach Musik tatsächlich.Thomas Lohnes/ddp

Nicht alle Kinder musizieren im Fach Musik tatsächlich.Thomas Lohnes/ddp

Bruno Schaller unterrichtet im Kanton Freiburg auf der Sekundarstufe Musik. Und hat damit eine schwierige Aufgabe: In einer Klasse sitzen Schülerinnen und Schüler, die seit drei Jahren nie mehr gesungen haben.

Andere haben im Musikunterricht nur DVDs geschaut, wieder andere nur Theorie gepaukt. Und dann gibt es noch die, die können, was sie gemäss Lehrplan und Lernzielen können müssen. Unter anderem zum Beispiel eine einfache Melodie ab Blatt singen. «Das Level der Schülerinnen und Schüler hängt stark vom Ausbildungsstand ihrer vorherigen Lehrperson ab», sagt Schaller. Und spricht damit ein heikles Thema an: Heute ist nicht mehr jede Primarlehrperson dazu befähigt, das Fach Musik zu unterrichten.

Bildeten sich früher angehende Primarlehrerinnen und -lehrer am Lehrer-Seminar für alle Unterrichtsfächer aus, ist das an den heutigen Pädagogischen Hochschulen anders: Musik gehört zu den Wahlfächern – und ist offenbar nicht sonderlich beliebt. Gemäss einer Umfrage des Verbands Schweizer Schulmusik an allen Pädagogischen Hochschulen wählten im Schuljahr 2009/2010 nur 1600 von 2600 Studierenden der Ausbildungsstufe Primar das Fach Musik.

Wunschprofil unerfüllt

Das Konzept heisse «Fächergruppenlehrperson», erläutert Franziska Peterhans vom Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Die Idee wäre, dass die Schulen analysieren, was für Leute sie brauchen und dann eine Stelle mit genauem Profil ausschreiben. «Die Realität ist aber, dass die Schulen aufgrund des Lehrermangels ihre offenen Stellen längst nicht immer wie gewünscht besetzen können», sagt Peterhans. Schulen müssen auf «pragmatische Lösungen» setzen. Weil Musik ein komplexes Fach ist, zeigt sich die fehlende Ausbildung hier besonders deutlich.

Hector Herzig, Präsident der IG Jugend und Musik, sagt: «Wenn ein Sekundarlehrer seiner Klasse in Mathematik zuerst die Zahlen beibringen müsste, gäbe es einen Aufschrei. Wir wollen mit dem neuen Verfassungsartikel erreichen, dass die vorhandenen Lernziele auch im Fach Musik erreicht werden.» Fachlehrer Bruno Schaller, der heute schon die Folgen der «pragmatischen Lösungen» ausbadet, kritisiert: «Man beraubt Kinder ihres Rechts auf Musikunterricht.»

Absehbar ist, dass sich das Problem der fehlenden Primarlehrkräfte mit musischer Bildung noch verschärfen wird: In den kommenden Jahren gehen viele Lehrkräfte in Pension – und damit geht auch viel Musikwissen verloren. «Die Unterversorgung ist vorprogrammiert», warnt Armon Caviezel, Präsident des Verbands Schweizer Schulmusik.

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