Aargauer Todesopfer

Lawinenunglück in Österreich: Das sind die Akteure am Berg und die möglichen Fehlerquellen

Vor einer Woche starben in einer Lawine im Tirol vier Schweizer Teilnehmer einer geführten Skitour. Die österreichische Justiz ermittelt gegen den Schweizer Bergführer. Trifft ihn eine Schuld? War das Unglück überhaupt vorhersehbar? Und wer sind die anderen Akteure am Berg?

Der Bergführer

Alle Augen richten sich auf den Bergführer. Kommt es auf einer von ihm geführten Tour zu einem Unglück, so hat er die Verhältnisse am Berg falsch eingeschätzt respektive eine falsche Routenwahl getroffen. Die Frage aber stellt sich: Konnte er anhand des Lawinenbulletins, seiner Beobachtungen von Wetter und Verhältnissen am Berg in den Tagen vor der Tour und auf der Tour selbst das Risiko überhaupt richtig einschätzen? Sprich: Hat er sorgfältig oder – strafrechtlich relevant – fahrlässig gehandelt? Auf null lässt sich das Risiko nie minimieren, sei es im Strassenverkehr oder eben in den Bergen beim Tourenskifahren. Das Problem: Bergführer können fast nur Lernen aus positiven Erfahrungen. Sie gehen eins ums andere Mal auf Skitour, kehren nach Hause zurück, glücklich darüber, dass alles gut gegangen ist. Doch gerät ein Hang nicht ins Rutschen, so heisst das nicht, dass der Bergführer nicht bloss haarscharf am Unglück vorbeigeschrammt ist.

Deshalb löste sich die Lawine im Tirol

Deshalb löste sich die Lawine im Tirol (17. März 2017)

Zwei Tage nach dem Lawinen-Drama sind die Ermittlungen schon weit. Durch die Befragung der Überlebenden weiss man nun, wie es zur Tragödie kam.

Würden Bergführer hin und wieder Schneebretter auslösen, so wäre der Lerneffekt grösser. Aber nutzlos, wenn er es nicht überlebt. Denn jeder zehnte Mensch stirbt, nachdem ihn ein Schneebrett erfasst hat. Bei denjenigen, die ganz von den Schneemassen verschüttet sind, ist es sogar jeder Zweite. Doch einer Lawine davonzukommen und Gäste darin zu verlieren ist fast noch schlimmer, finden viele Bergführer. Blicken sie nach der Pension auf ihr Leben zurück, dann sind sie glücklich, wenn ihnen und ihren Gästen nie etwas Schlimmes zugestossen ist. Denn mit den Jahren wird es immer wahrscheinlicher, dass das Restrisiko den Berggänger einholt.

Der Lawinenwarndienst

Jedes Land am Alpenbogen hat seinen eigenen Lawinenwarndienst, in der Schweiz ist es das Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Die Forscher veröffentlichen täglich aktualisierte Lawinenbulletins, in welchen sie Prognosen über die Lawinengefahr machen. Die vereinheitlichte Lawinengefahr-Skala reicht von 1 «gering» bis 5 «sehr gross». Die Gefahrenstufen gelten jeweils für bestimmte Expositionen ab einer bestimmten Höhe. Skitourenfahrer sind vor allem bei Stufe 2 «mässig» und 3 «erheblich» im Gelände unterwegs.

Die Skala allein ist jedoch nur ein erster grober Fingerzeig und die Unterschiede innerhalb der gleichen Gefahrenstufen können enorm sein. Viel wichtiger ist das detaillierte Bulletin, in dem die Gefahrenstellen und Gefahrenherde sowie die Witterungseinflüsse spezifiziert sind. Es richtig zu deuten, erfordert viel Wissen und einiges an Erfahrung. «Mässig» bedeutet nicht, dass grosse Lawinen auszuschliessen sind. Als Grundlage für ihre Vorhersage dienen den Lawinenprognostikern automatisierte Wetter- und Schneedaten, Modelle sowie eigene Beobachtungen und die Rückmeldungen zahlreicher Bergführer, Pisten-Patroulleure und Berggänger in der ganzen Schweiz.

Die Gäste

Ganz egal ob unerfahren oder erfahren – die Gäste treten ihrem Bergführer die Kompetenz ab, die Entscheide zu fällen. Und sie gehen damit ein Vertrauensverhältnis ein, das nicht nur den Bergführer verpflichtet, für die Sicherheit zu sorgen. Auch die Gäste gehen Verpflichtungen ein: Sie müssen sich an die Anweisungen des Bergführers halten, die ganz unterschiedlich lauten können. Manchmal erfordert ein Hang, dass er einzeln oder mit gewissen Sicherheitsabständen befahren wird. Sicherheitsabstände können auch während des Aufstiegs notwendig sein. Sie dienen dazu, dass die Belastung dort nicht zu gross auf die Schneedecke einwirkt, wo sich eine Schwachstelle befindet. Denn: Reisst diese Schwachstelle, kann das ein Schneebrett auslösen. Ein anderes Beispiel: Der Bergführer weist seine Gäste an, beim Befahren eines Hanges strikte auf der einen Seite seiner vorgelegten Spur zu bleiben, weil er auf der anderen Seite Schwachstellen vermutet. Was passieren kann, wenn sich die Gäste nicht an die Anweisungen halten, erlebte der Reporter der «Nordwestschweiz» hautnah.

Gewaltige Lawine tötet vier Aargauer im Tirol

Gewaltige Lawine tötet vier Aargauer im Tirol

Augenzeugen am Jochgrubenkopf äussern Bedenken zu den Schneeverhältnissen, doch ein lokaler Bergretter verteidigt den Bündner Bergführer der Skitourengruppe. (16.3.2017)

Es war an einem Ausbildungswochenende in den Walliser Alpen, angeboten von der Universität. Die Gruppe stand vor der Einfahrt in einen tückischen Hang. Der Bergführer machte auf die Gefahr durch Windverfrachtungen aufmerksam. Die Teilnehmer wies er an, abzuwarten, bis er unten stehe. Sie sollten den Hang einzeln befahren und rechts von seiner vorgelegten Spur bleiben. Soweit so klar: Der Bergführer fuhr den Hang hinunter und wartete, bis ein Teilnehmer nach dem anderen sicher unten ankam. Der Pulverschnee stob, erste Teilnehmer setzten sich über die Anweisung hinweg und zogen einzelne Schwünge auf der verbotenen linken Seite der Bergführerspur. Bei der vorletzten Fahrerin geschah es, ein Schneebrett löste sich. Die Skitouren-Novizin wurde von den Schneemassen mitgerissen – und hatte viel Glück. Nachdem die Lawine im flacheren Gelände ausgelaufen war, sass sie – mit einigen Schrammen im Gesicht und einem gehörigen Schock zwar – auf dem Lawinenkegel.

Andere Alpinisten

Auch andere Skitourenfahrer stellen ein Risiko am Berg dar. Sie sind eine Gefahr, wenn sie sich in steiles Gelände begeben, eine Lawine auslösen und diese bis in flachere Zonen hinunter donnert, wo sich vorsichtigere Skitourenfahrer aufhalten. Ein anderes Risiko lauert bei vorhandenen Spuren: Ein total verfahrener Hang bietet zwar eine gewisse Sicherheit, einzelne Spuren hingegen können nachfolgende Fahrer zu mehr Risiko verleiten. Nur weil die Lawine beim ersten Abfahrer nicht ausgelöst wurde, heisst das nicht, das der Hang sicher ist.

Die Justiz

Sie muss abklären, ob strafrelevante Fehler begangen worden sind. Im Falle des Schweizer Bergführers, der das Lawinenunglück vor einer Woche überlebte, ermittelt die Staatsanwaltschaft Innsbruck wegen grob fahrlässiger Tötung. Ein Schuldspruch wird es aber nur dann geben, wenn dem Bergführer Fahrlässigkeit vorgeworfen werden kann.

Die Öffentlichkeit

Im Falle der vier getöteten Aargauer von letzter Woche verdienen in erster Linie die Angehörigen Antworten. Der Schock ist jedoch auch unter den Einheimischen gross, die das Unglück am Jochgrubenkopf miterlebten. Viele von ihnen kennen die Tücken des Bergs, die Verhältnisse am Unglückstag können aber auch sie nur schwer beurteilen.

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