Fussball
Korruptionsexperte: «Schweiz muss von Fifa mehr Transparenz verlangen»

Immer neue Skandale beschädigen den Ruf der Fifa. Präsident Sepp Blatter hat deshalb den Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth zum Präsidenten des «Independent Governance Committee» berufen. Er soll den Weltfussballverband von Korruptions-Skandalen befreien.

Etienne Wuillemin
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Mark Pieth glaubt an die Chance, dass bei der Fifa Reformen durchgesetzt werden können.

Mark Pieth glaubt an die Chance, dass bei der Fifa Reformen durchgesetzt werden können.

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Als Sie zur Fifa kamen, sagten Sie: «Die Fifa erinnert mich an den Baron von Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen will.»
Mark Pieth: Genau, dieses Bild beschreibt das Problem der Reformen bei der Fifa. Es handelt sich um Selbstregulierung. Die Schweiz ist noch nicht bereit, Sanktionen durchzusetzen und den Entzug des Steuerprivilegs anzudrohen.

Zur Person

Am 9. März wurde der Bündner 60 Jahre alt. Seit Dezember 2011 führt Pieth die Reform-Gruppe an, die der Fifa zu Massnahmen im Kampf gegen die Korruption verhilft. Pieth geniesst als Experte und Bekämpfer der Korruption weltweites Ansehen. Er leitet in Basel das «Institute of Governance», ein unabhängiges Forschungs- und Beratungsinstitut, das auf Korruption und Unternehmungsführung spezialisiert ist. Seit 1993 unterrichtet er als Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Juristischen Fakultät in Basel.

Inwiefern müsste die Schweizer Politik der Fifa strengere Rahmenbedingungen setzen?
Sie müsste von Sportverbänden mehr Transparenz verlangen. Einen sauberen Integritäts-Check. Oder die Veröffentlichung der Löhne. Bei einer anderen Mentalität in der Fifa wäre das doch selbstverständlich. Fairerweise muss man sehen, dass es auch bei der Novartis zehn Jahre dauerte, bis die Manager-Löhne veröffentlicht wurden.

Wie realistisch ist es, der Fifa in Zukunft diese Privilegien zu entziehen?
Es ist ein Not-Anker. Die Schwierigkeit ist, dass von den etwa 60 Sportverbänden, die ihren Sitz in der Schweiz haben, fast keiner das Niveau der Fifa, Uefa oder des IOC hat. Darum ist es nur Plan B. Lieber ist mir, zu schauen, wie weit die Selbstregulierung kommt.

Glauben Sie daran, dass die Fifa ihren Sitz aus der Schweiz abziehen würde, falls ihr Sanktionierungen drohen?
Nein, sie würde sich fügen.

Seit Ihrer Ankunft sind 17 Monate vergangen. Was haben Sie bewirkt?
An erster Stelle steht das neue Ethikreglement. Es gibt eine zweigeteilte Ethikkommission. Michael Garcia ist Chef der Ermittlungskammer. Joachim Eckert ist Vorsitzender des Schiedsgerichts der Ethikkommission. Das sind unabhängige Leute, das ist das Wichtigste. Man kann einverstanden sein mit dem, was die Richter machen oder nicht - das ist wie bei der staatlichen Justiz.

Ihre Kritiker sagen, Sie hätten nur wenige Reformen durchgebracht. Das Fifa-Exekutivkomitee lehnte Ende März Vorschläge Ihrer Reformgruppe ab, eine Alters- und Amtszeitbeschränkung und einen Integritäts-Check durch externe Experten einzuführen. Am FifaKongress in Mauritius Ende Mai könnten die Vorschläge erneut abgeschmettert werden.
Diese Kritik verstehe ich. Ich werde die Situation nach dem Kongress anschauen, emotionsfrei. Ich entscheide mich dann, ob es sich lohnt, weiterzumachen. Was mich nicht irritiert, sind die Leute, die fürsorglich Angst haben um meinen guten Ruf. Natürlich vollführe ich ein Rodeo - und das ist nicht immer einfach.

Sepp Blatter betont gebetsmühlenartig, dass er selbst, und nur er, den Reformprozess angeregt habe. Er sagt, Sie können sehr wohl Vorschläge anbringen, aber nichts entscheiden. Wie frustrierend ist das?
Herr Blatter hat recht, wir sind Berater.

Die Ethikkommission hält fest, Blatter habe sich im «Fall ISL» - es geht um gerichtlich bewiesene Schmiergeldzahlungen von über 160 Millionen Franken - «ungeschickt» verhalten. Wie denken Sie darüber?

Die Anti-Korruptions-Expertin Sylvia Schenk, Ihre einstige Konkurrentin um den gleichen Job, sagte: «Da dreht sich mir der Magen um».
Frau Schenk muss sich entscheiden, ob sie Juristin sein will oder nicht. Da muss ich knallhart sagen: Entweder ist sie Radsportlerin oder Juristin. Sie ist Anwältin. Als Anwältin darf man kein Urteil fällen, ohne die Akten gelesen zu haben. Sie hat sie nicht gelesen.

Warum wurden im Urteil die über 100 Millionen Schmiergeldzahlungen der International Sports and Leisure ISL nicht durchleuchtet? Deren Verbleib ist unklar.
Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich kenne die Akten nicht. Die Kommission hat bestimmt geprüft, ob noch irgendjemand in den Akten ist, der in der Fifa eine Funktion bekleidet. Sie ist zuständig für den Verband, nicht für den Staat. Deshalb hat sie den Präsidenten der Fifa durchleuchtet. Den Ex-Präsidenten João Havelange genauso wie einige andere Exekutiv-Mitglieder. Aber keine Leute, die nichts mit der Fifa zu tun haben.

Eine Kollegin Ihrer Reformgruppe, Frau Alexandra Wrage, ist kürzlich zurückgetreten mit der Begründung: «Die Reformen gehen nicht vorwärts. Die wichtigen Dinge werden auf die lange Bank geschoben.» Welche Gründe bewegen Sie, nicht zurückzutreten?
Ich kenne und schätze Frau Wrage. Für mich gab es zwei Optionen. Entweder wir hätten uns gesagt: Nein, wir kommen nicht durch mit unseren Reformen, wir schmeissen hin. Oder - und diesen Entschluss bevorzuge ich - wir insistieren, dass die Fifa die Reformen umsetzt und geben ihr dafür auch Zeit.

Haben Sie nie an den Rücktritt gedacht?
Doch, doch. Und irgendwann werde ich auch aufhören, ich habe ja auch noch andere Ziele.

An welchen Zeithorizont denken Sie?
Aufhören ist ein strategischer Entscheid. Sobald ich denke, wir können nichts mehr erreichen, ist der Zeitpunkt gekommen. Aber die Luft ist noch nicht draussen, auch bis zum Kongress in Mauritius sind noch Dinge möglich. Wir haben aber beschlossen, die Verantwortlichen in den Komitees auch nach dem Kongress in Mauritius weiter zu begleiten.

Was haben Sie bei Ihrer Tätigkeit bisher erreicht?
Man streitet in der Fifa. Das ist gut, das gab es noch nie. Und es gibt einige Dinge, die zwar nicht sexy tönen, aber doch wichtig sind und die Fifa langfristig verändern können. Es gibt eine Whistleblower-Hotline, ein Compliance-System, das dazu beiträgt, Regelverstösse rechtzeitig zu erkennen. Diese Abteilung wird geführt von Domenico Scala, seine Stellvertreterin - das hat man in der Fifa auch noch nicht gesehen - ist eine Frau, eine Südafrikanerin. Das ist spannend: eine schwarze Frau als Aufseherin bei der Fifa.

Was können Frauen in Zukunft bei der Fifa verändern?
Sie können helfen, die Kultur bei der Fifa zu verändern.

Wartet die Öffentlichkeit zu ungeduldig auf Fifa-Reformen?
Die Frage ist: Wer ist die Öffentlichkeit? Im Grunde genommen gibt es nur die Medienöffentlichkeit. Einige machen sämtliche Probleme an einer Person fest ...

Jener von Präsident Sepp Blatter?
Genau. Das ist wahrscheinlich zum Teil richtig. Nur: Blatter selbst hätte einige Vorschläge von uns durchgewinkt, wenn er nicht innerhalb der Fifa blockiert worden wäre. Viele verstehen nicht, dass man einen Super-Tanker nicht nullkommaplötzlich wenden kann. Viele Torpedierungsversuche, auch aus Deutschland und England, sind frei von jeglicher Logik. Man glaubt, ein Rücktritt von Blatter löse alle Probleme. So geht es nicht. Ich reformiere die Fifa nicht nur für den nächsten Präsidenten, sondern für die nächsten 15 bis 20 Jahre.

Sind Sie erstaunt, dass es gerade innerhalb von Europa einigen Widerstand gibt, was die Reformen betrifft?
Ziemlich. Die Uefa spielte uns einen üblen Streich. Sie findet, dass ein Integritäts-Check eine regionale Sache sei. Vielleicht mag das in Europa funktionieren. Aber wie ist es denn in Afrika, Asien oder Lateinamerika? Man darf politisch nicht allzu korrekt sein in dieser Frage. Spannend finde ich, dass die Karibik, die in letzter Zeit sehr gebeutelt wurde, einstimmig sagt: Ja, wir brauchen Reformen.

Haben Sie eigentlich einmal Korruptionsversuche an Ihnen erlebt?
Das wäre viel zu heikel. So clever sind die meisten.