Kommentar
Ein Schatten über der «guten» Energie: Die hässliche Seite der Solar-Offensive darf nicht verschwiegen werden

Die Schweiz setzt voll auf Solarenergie, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen insbesondere aus Russland zu verringern. Ex-SP-Präsident Peter Bodenmann erwartet einen «Goldrausch» und hat grosse Pläne im Wallis. Doch in den Photovoltaikanlagen steckt ein Rohstoff, der zu einem grossen Teil aus Zwangsarbeit gewonnen wird.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Helfen gegen Klimaerwärmung und die Abhängigkeit von Russland, haben aber auch Schattenseiten: Solarzellen gelten als Energielieferant der Zukunft.

Helfen gegen Klimaerwärmung und die Abhängigkeit von Russland, haben aber auch Schattenseiten: Solarzellen gelten als Energielieferant der Zukunft.

Christian Beutler / keystone

Um die Energie-Abhängigkeit von Russland zu verringern, ist – zu recht – fast jedes Mittel recht. Deutschland lässt stillgelegte Kohlekraftwerke hochfahren und kauft Gas in Katar ein. Die Schweiz drückt im Eiltempo ein Notkraftwerk in Birr durch, das pro Sekunde 560 Liter Öl schluckt. Versorgungssicherheit statt Klimaschutz lautet jetzt die Priorität.

Diesen Zielkonflikt gibt es beim Ausbau der Solarenergie nicht. Strom aus Sonne reduziert unsere Abhängigkeit von Kriegstreiber Putin und von den Öl-Scheichs in Nahost – und hilft zugleich dem Klima. Darum ist die Solar-Offensive doppelt richtig.

Doch auch bei Solarzellen bestehen Abhängigkeiten. Diesmal nicht von Russland, sondern von China. Fast die Hälfte des Polysiliziums, das für Fotovoltaikanlagen verwendet wird, stammt aus der Provinz Xinjiang. Dort wird die muslimische Minderheit brutal unterdrückt. Uiguren müssen in Lagern Zwangsarbeit verrichten – auch, so sagen Fachleute, um den Rohstoff für die Solarzellenproduktion zu gewinnen.

Das wirft einen Schatten auf die Solartechnologie. Irritierend ist, dass dieses Problem bislang ausgeblendet wurde, auch von Politikern, die sonst gern von Konzernverantwortung sprechen und Glencore & Co. verdammen. Einfache Gut-Bös-Muster funktionieren nicht mehr. Genau hinschauen, aufklären und Transparenz herstellen: Nur das schafft in unserer komplexen Welt Vertrauen.

Gefordert ist aber vor allem die Solarindustrie. Sie muss dringend Alternativen ausserhalb Chinas finden.