Zürich

Köppel spricht – auf Wahlkampftour mit dem «genialsten Politiker seit Blocher»

162 Gemeinden besucht Roger Köppel auf seiner Wahlkampf-Tour durch Zürich. Er witzelt über Greta Thunberg und das CO2 im Mineralwasser, er wird in Oetwil von Klimasenioren beschimpft und in Schwerzenbach als Heilsbringer bejubelt. Und einmal fragt jemand, ob man in der Schweiz den Ständerat denn überhaupt wählen könne. Wir haben Köppel auf seiner Tournee begleitet.

Wir murren, wir werden unruhig, wir sind hungrig, nach einer Fleischplatte oder einem träfen Spruch, nach einem Teller Rösti oder einer kleinen Stichelei, zum Beispiel gegen Balthasar Glättli. Das Volk will. Dem Volk wird gegeben.

Köppel lockert die Krawatte, da haben Sie doch hoffentlich nichts dagegen. Aufmunterndes Gelächter, wohlwollendes Nicken, man ahnt, jetzt kommts gut, jetzt wirds scharf: Mit Glättli habe er studiert damals an der Universität Zürich, erzählt Köppel in einem kleinen Saal in Oetwil am See, es ist die Einleitung zu einem kleinen rhetorischen Säbelhieb, der die grüne Hydra Glättli erneut um einen Kopf kürzer machen wird.

«Nichts gegen Balthasar Glättli, aber der hielt in seinem Leben noch nie einen Bleistift in der Hand.»

Gelächter.

Glättli, immer wieder Glättli, wir hassen und wir lieben ihn, er ist wie Greta Thunberg, ein selbstgerechter Grünmarxist, ein Gutmensch, aber im Gegensatz zu ihr erwachsen und wahrscheinlich ohne irgendwelche Beeinträchtigungen, also dürfen wir ihn ohne schlechtes Gewissen beschimpfen und verspotten.

Roger Köppel macht die Dinge gerne anders. Neuer, grösser, unerwarteter. Schon 2015, vor seiner Wahl in den Nationalrat (mit dem besten Ergebnis aller Zeiten), tingelte er durch das Land wie kaum jemand vor ihm. Als eine Mischung aus Wanderprediger und Untergangsprophet wurde er in der NZZ einmal beschrieben (er selber bezeichnet sich lieber als «politischen Bettelmönch»). Einer, der im Alleingang mehr zur Amerikanisierung des Wahlkampfs in der Schweiz beiträgt als alle anderen Politikerinnen und Politiker zusammen.

Und jetzt also wieder, Köppel on the Road, noch grösser, noch beeindruckender, irre fast, die Dimension: Alle (!) Gemeinden im Kanton Zürich, 162 Auftritte in 187 Tagen. Der Name der Tournee lautet «Roger Köppel spricht», was auch ein bisschen so tönt, als ob er bisher geschwiegen hätte.

Man muss sich diese Tour als eine Art politischer Wanderzirkus vorstellen. Statt einem Wagentross ist ein BMW unterwegs, statt Trapezkünstlern und Elefanten gibt es einen Alleinunterhalter, statt einem Zirkuszelt Gemeindesäle. Der Eintritt ist frei, dafür bezahlt man mit Zeit und einem politischen Versprechen, das Köppel den Zuschauern am Ende abnimmt: «Kümmern Sie sich um die Schweiz!»

Was passiert an diesen Veranstaltungen? Auf welche Menschen trifft man da? Wie nahe ist Köppel an einem Burnout?

Um das herauszufinden, muss man Köppel nachreisen. 10 Gemeinden, eine willkürliche Zahl, Oberland, Unterland, Weinland, an die Goldküste und in die Zürcher Agglomeration. Von Rifferswil im Säuliamt, das als eine der linksten und progressivsten Gemeinden ausserhalb der Städte gilt, nach Schwerzenbach, wo es einen Battlepark («Spiel-Action wie bei ‹Schlag den Raab›») gibt.

Von Oetwil am See, das gar nicht am See liegt, nach Meilen, das sehr wohl am See liegt. Von Wetzikon, siebtgrösste Gemeinde des Kantons, über Dägerlen, wo es keine politischen Parteien, dafür eine Faustballriege gibt, nach Schlatt, mit 736 Einwohnern zwölftkleinste Gemeinde des Kantons.

Über Oberembrach, wo die letzte Mühle im Zürcher Unterland steht, nach Niederglatt, auf dessen Ortswappen ein müde lächelnder Halbmond dabei ist, sich auf einem Stern aufspiessen zu lassen, und schliesslich Wangen-Brütisellen, das einen Hanfstängel im Wappen trägt und das berühmteste Kreuz der Schweiz beherbergt.

© rogerkoeppel.ch

Rifferswil – Restaurant Schwiizer Pöstli

Rifferswil, Anfang Juni. Ein lokaler SVPler klopft Roger Köppel vor dem Restaurant Schwiizer Pöstli Staub von den Schultern. Das Wasser ist gesponsert von der lokalen SVP-Sektion, dabei gibt es gar keine SVP mehr in Rifferswil, Alkohol wird erst nach dem Vortrag ausgeschenkt. Köppel begrüsst zur «politischen Weiterbildungsveranstaltung», referiert eine Stunde lang zur Frage, die von allen anderen Parteien vernachlässigt werde: «Der Sicherung des Wohlstands.»

Köppel ist ein ausgezeichneter Kommunikator, ein begnadeter Redner und ein verhinderter Komiker. Er reiht Schenkelklopfer an Schenkelklopfer und das Publikum goutiert sie zumeist.

Jean-Claude Junckers angebliche Neigung zum übermässigen Alkoholkonsum («nach dem Mittagessen ist er nicht mehr ansprechbar»), seine eigene Herkunft («Ich habe auch Migrationshintergrund – mein Vater stammt aus Widnau, St.Gallen»), seine Beziehung («Als ich meiner Frau von der Tour erzählt habe, hat sie verstanden, es seien 62 Gemeinden. Bitte sagen Sie ihr nicht die Wahrheit!»), oder der Klimawandel («Ich muss eine Ehrenrettung des CO2 machen – als Mineralwasser ist es sehr bekömmlich»).

Er zitiert Frisch, Dürrenmatt, Voltaire und Gottfried Keller, was weniger seine Belesenheit als seine politische Unabhängigkeit und ein Denken ohne Scheuklappen ausdrücken soll. Nach 65 Minuten ist Schluss, Köppel erhält ein Biretröpfli als Präsent, mehr Beruhigungsmittel als Alkoholika, Applaus brandet auf, Bewunderung raunt durchs Publikum, wer will, bekommt einen Bolzenschneider (Köppel: «Der Balkan-Universalschlüssel, aber das habe imfall nicht ich erfunden!») in die Hand gedrückt und kann anschliessend für ein Foto anstehen und gemeinsam mit dem SVP-Nationalrat symbolisch den EU-Rahmenvertrag knacken.

Rahmenvertrag adieu – im Schwiizer Stübli, Rifferswil.

Rahmenvertrag adieu – im Schwiizer Stübli, Rifferswil.

Köppel tritt erstaunlich zahm auf in Rifferswil, keine Spur von der aufpeitschenden Rhetorik, die seine Social-Media-Auftritte begleitet, kein rhetorisches Gepoltere, wie man es aus dem einen oder anderen «Weltwoche»-Traktat kennt.

Hier, in Rifferswil – SVP-Wähleranteil bei den Kantonsratswahlen 24.2%, minus 5.02% im Vergleich zu 2015 –, einer Landsgemeinde, die wie ein Zürcher Stadtkreis abstimmt, gibt sich Köppel gesittet.

Das wird sich in den nächsten Wochen ändern.

Schwerzenbach – Hofladen

Wir gähnen, wir haben Altersflecken auf der Stirn und am Nacken, wir sind nicht gelangweilt, nur müde manchmal. Wir tragen schwarze Sandalen mit Klettverschluss und wir nicken, nicht immer, wir sind ja keine Herdentiere, aber manchmal, dann eben, wenn die Wahrheit ausgesprochen wird. (Weil wir kennen die Wahrheit). Und wir wissen, wie schlimm sie ist.

Schwerzenbach, ein paar Tage später. Köppel macht halt im Hofladen, einer umgebauten Scheune. An vier Festbänken sitzen gut 60 Leute, vor sich Cola Zero oder Bier von der Brauerei Uster, an der Wand die Flagge des Feuerwehrvereins, vom Grill gibt es den Cervelat oder den Füürtüfel (6 Franken, respektive 5).

Köppels Stimme dröhnt. Er ruft auf zum Widerstand, warnt vor der EU-Diktatur und der grünmarxistischen Gefahr, die Schweizerinnen und Schweizer müssten jetzt ad Seck, es gelte, sich im Herbst an der Urne zu wehren.

Das weisse Hemd klebt an seinem Oberkörper, es ist warm hier drinnen, sicher 35 Grad, und Köppel verhält sich wie ein politischer Brandstifter.

Schwerzenbach, Wähleranteil im Frühjahr 2019 24.72%, minus 2.25 im Vergleich zu 2015, ist begeistert:

«Sie sind der genialste Politiker seit Blocher.»

«Es ist eine Freude, Ihnen zuzuhören.»

«Gratulation zum Vortrag.»

«Sie sind ein mutiger Mann.»

Nach dem Auftritt scheint es Köppel eilig zu haben, er räumt die Plakatständer zusammen, für Fotos bleibt heute fast keine Zeit. Auf dem Parkplatz versucht er, das falsche Auto zu öffnen (ein schwarzer Maserati), steigt dann in seinen BMW und fährt los. Am Horizont türmt sich eine schwarze Wand auf, 10 Minuten später öffnet sich der Himmel und ein reinigendes Gewitter kündigt die Nacht an.

Oetwil am See – Oase am See

Die Hitze-Wochen haben erst begonnen, noch hat Zürich keine Tropennacht erlebt. Es gibt eine kleine, geheime Guerilla-Aktion, geplant von einer Gruppe von Klimasenioren im Ort, aber davon ahnt der SVP-Nationalrat jetzt noch nichts.

In dem kleinen Konferenzraum des Seniorenheims Oase (Claim: «Geniessen Sie Ihren dritten Lebensabschnitt und ein unabhängiges Leben») hat eigentlich alles ganz gut angefangen. Köppel begrüsst wie immer in den kleineren Gemeinden alle Anwesenden per Handschlag, das «Weltwoche»-Plakat ist aufgespannt (Spezial-Abopreis für die Wahlen), Köppel, mit dem Rücken zum Publikum, gibt am Klavier eine kleine musikalische Kostprobe: Boogie-Woogie.

Die SVP ist über die Klimafrage in eine der schwersten Sinnkrisen ihrer Geschichte geschlittert. In der Basis, und insbesondere beim landwirtschaftlichen Flügel, hat der Wind spätestens nach den Protesten der Klimajugend in diesem Frühling gedreht. Eine erste Quittung bekam die Partei bei den kantonalen Wahlen in Zürich im Mai.

Eine weitere, vermutlich weitaus grössere, dürfte es bei den Wahlen im Herbst geben. Weil aber die Führungsriege nicht zugeben kann, was nicht sein darf, wurde der menschengemachte Klimawandel je nach Publikum und Mikrofon entweder verteufelt, negiert, heruntergespielt, ignoriert oder lächerlich gemacht oder achselzuckend akzeptiert (Der Satz zum Gefühl: «So war es schon immer»).

Jetzt lässt sich Köppel in diese Skispringer-Haltung fallen. Ganz leicht in die Knie, einmal wippen, dann nach oben schnellen lassen. Am höchsten Punkt angekommen muss der verbale Blattschuss folgen.

Die Klimahysterie.

Das Waldsterben in den Achtzigerjahren habe ihn sehr beschäftigt, sagt Köppel, er sei sogar in die Tschechoslowakei gefahren damals, zustimmendes Nicken im Publikum, das Waldsterben, natürlich, der grosse Hoax, Klimahysterie avant la lettre sozusagen. Viel Bohei, überall hat man die Wälder schon symbolisch eingesalbt, allerlei Sakramente – und dann: ist nichts passiert. Nichts.

Auch Köppel bedient sich beim Thema Klimawandel eines eklektischen Mixes: Manchmal wird der vom Menschen beeinflusste Klimawandel verneint («Das wärmste Jahr war 1540, lange vor der Industrialisierung also»), manchmal heruntergespielt («Der Gletscherrückgang ist viel weniger extrem als von der Wissenschaft behauptet»), manchmal die angeblichen Vorteile aufgezählt («Der Gletscherrückgang hat auch sein Gutes, mehr landwirtschaftliche Flächen zum Beispiel»), manchmal die 5 Prozent Klimaforscher ins Feld geführt, die der Meinung sind, der Klimawandel existiere nicht oder werde völlig übertrieben dargestellt.

Köppels liebster Kronzeuge ist aber Köppel selbst, respektive sein Werdegang als geläuterter Ex-Klimafundi, vom grünen Saulus zum hellsichtigen, realistischen Paulus. Keine Geschichte entfaltet so viel Kraft wie diejenige des Ex-Junkies: Er hat vom tödlichen Gift der Verblendung probiert und warnt nun mit der ganzen Überzeugung des Gezeichneten. Noch einmal, so die Botschaft, noch einmal lassen wir uns nicht übertölpeln.

Roger Köppel, 54-jährig, Journalist von Beruf, Querdenker von Berufung, abgeschlossenes Geschichts-Studium als Unterbau, gebürtiger Klotener, wohnhaft in Küsnacht, in Äquidistanz von Christoph Blocher zuhause, je nach Sichtweise sentimentales Enigma, neurechter Vordenker oder der grösste Politiker des Landes seit Christoph Blocher, aber das weiss man ja alles hier, das weiss man überall, jeder hat eine Meinung zu Köppel. Und was man von Köppel noch nicht weiss, das wird man auch nicht mehr erfahren, die Verwischung und Vernebelung von Gewissheiten gehört zu Köppels Lieblingsbeschäftigung, noch auf seinem Totenbett wird Köppel Bodenmann bitten, eine Gegendarstellung zu schreiben. Titel: Köppels Tod – die andere Sicht.

Wir können nichts tun.

Im Grösseren ist es das, was Köppel seiner Zuhörerschaft beim Thema Klimawandel immer und immer wieder einbläut: «Am Schweizer Wesen kann die Welt nicht genesen.» Sie soll es auch nicht. Jeder für sich, lautet der Grundsatz dieses solistischen Weltbilds. Was soll die Schweiz mit ihren lächerlichen 0.04 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen (Rang 70)?

Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass man die Verantwortung delegieren kann, wo sie eigentlich übernommen werden müsste. Treibhausgase machen an der Grenze nicht halt, es braucht keine Freizügigkeitsabkommen, um das CO2 ungehindert durch die Atmosphäre reisen zu lassen. Ganz abgesehen davon, dass Schweizer Unternehmen im Ausland einen nicht unbeträchtlichen Anteil CO2 produzieren, und Schweizerinnen und Schweizer durch importierte Waren ebenfalls die Zahlen nach oben treiben.

21.12 Uhr in Oetwil. Das Vollmond-Bier ist schon lange leer, Köppel bedankt sich beim Publikum für die Geduld, der Sektionspräsident bedankt sich bei Köppel fürs Kommen («Wir sind erschlagen von deinen Worten»), das Publikum klatscht und dann steht ein älterer Herr auf und sagt ungerührt: «Ich könnte jetzt auch sagen, Herr Köppel, Sie haben ein Brett vor dem Kopf.»

Es ist Herr Bretscher, pensionierter Lehrer mit der moralischen Autorität eines 82-Jährigen, der sich schon mit Christoph Blochers Vater in der Kirchenpolitik in die Haare geraten ist. «Sie reden von Klimahysterie, Sie reden von der Zuwanderung, Sie schiessen auf einzelne Leute, aber Sie haben keine einzige Lösung für all die Probleme.» Als Nächster steht Köbi Leu auf, Gebäudetechniker ETH, Energieberater, Rentner: «Herr Köppel, Sie können mit uns über den Klimawandel diskutieren, wenn Sie mir den Unterschied zwischen einem Kilowatt und einer Kilowattstunde in fünf Sekunden erklären.»

Unter freiem Himmel: Schützenstube Meilen.

Unter freiem Himmel: Schützenstube Meilen.

Köppel gerät in die Defensive, ein dritter Mann steht auf und stellt fest, es sei schade, dass die SVP nicht mehr für die Umwelt mache. Er selber habe 1978 als Erster in Oetwil eine Wärmepumpe zugelegt.

Köppel lächelt etwas steif, er mag die Herausforderung, sie stachelt ihn an, aber so hat er sich das hier nicht vorgestellt. 38.23 Prozent Wähleranteil (minus 6.3 im Vergleich zu 2015) und die «Weltwoche» wird hier gedruckt – das sollte hier eigentlich nicht zum Rückzugsgefecht mutieren.

Köppel sagt, er diskutiere weiter, wenn die Herren ihm den Unterschied zwischen dem EWR und dem Rahmenabkommen erläutern könnten, wartet die Antwort dann aber nicht mehr ab.

Draussen, vor dem Eingang, bildet sich eine Menschentraube um Köppel. Die Klimasenioren belagern ihn weiter mit kritischen Fragen, die Fans werfen sich wie lebendige Isoliermasse dazwischen. Der Plan sei gewesen, die Stahlhelmfraktion hier draussen ein bisschen aufmischen, sagt Köbi Leu, aber natürlich sei das ein Kampf gegen Windmühlen.

Im Vorbeigehen hört man alte Männer in kurzen Hosen mehr als einmal sagen, ou nei, der Köbi. Aber man mag sich ja, sagt Köbi, noch immer und trotz allem, das Sticheln und Piesacken gehört dazu, was wotsch, es ist das Dorf, und man muss sich ja noch begrüssen können. Niemand will hier die Strassenseite wechseln, nur weil die Nachbarn den Klimawandel negieren.

Niederglatt – Singsaal Schulhaus Eichi

Wir entsorgen unseren Abfall korrekt, wir kaufen keine Plastiksäcke an der Migroskasse, wir schalten das Licht aus, wenn wir das Haus verlassen. Der Plastikmüll in den Ozeanen – das waren nicht wir.

Vielleicht, aber das ist nur eine Vermutung, vielleicht ist das alles ein höchstindividuelles köppelsches Identitätsprojekt, eine grotesk übersteigerte Satisfaktionstour, weil ihm Kritiker einst bescheinigt haben, nicht volksnah genug zu sein. Worauf Roger K. in seinen schwarzen BMW gestiegen ist und seit gut fünf Jahren die Gemeindesäle, Restaurant-Stübli und Schützenhaus-Terrassen der Schweiz abklappert, auf der Suche nach der Reibung am Volkskörper. Er betont englische Wörter mit schwerem Akzent, obwohl er akzentfrei spricht, korrigiert sich umgehend, wenn er ein Fremdwort gebraucht, von dem er vermutet, das Publikum könnte es nicht kennen.

Nur: Da draussen in Niederglatt, auf dem Schulhausplatz, bei 29 Grad im Schatten, an einem Freitagabend, zweite Ferienwoche, schütteln sie noch immer leicht den Kopf. Nichts gegen Roger, versteh uns nicht falsch, brillant ist der, erklärt dir die Dinge so, wie du sie noch nie zuvor erklärt bekommen hast. Aber einer wie Toni Brunner fehlt halt einfach, unersetzbar ist er, der täte der SVP gut.

Einer, der sich zu dir an den Tisch setzte, der mit den Kuhglocken zu den Leuten redete, also jetzt bildmässig gesprochen, und dir auf die Schulter klopfte, wenns mal nicht so gut lief.

Peter sagt, er fahre regelmässig zum Toni ins Haus der Freiheit, eis go zieh, und selbst wenn der Toni viel um die Ohren hat: Eines davon ist immer offen für die Sorgen der Leute.

Köppel ist eben kein weicher Bär. Niemand zum Anlehnen, dafür müsste er selber auch mal Schwäche zeigen, aber das scheint ihm sein Wesen zu verbieten. Er kann die Leute zwar mitreissen mit einer Art intellektuellen Selbstentblössung, mit Witz, Humor, feinem Gespür und einem ironischem Offenbarungseid. Aber er lässt sie dann halt auch wieder zurück in ihrer eigenen Welt. Bei Toni Brunner wäre niemand überrascht, wenn er einen per Anhalter mitnehmen würde. Köppel nimmt niemanden in sein Auto mit (ich habe ihn in Wetzikon gefragt, er zögerte, sagte dann, er kenne mich gar nicht, ausserdem müsse er noch geschäftliche Telefonate erledigen, ob es um AZ-Medien-Chef Peter Wanner finanziell derart schlecht stehe, dass er mir kein Taxi bezahlen könne?).

Ob er neidisch ist auf Brunner? Quatsch. Köppel erhält Post, viel Post. Dutzende Zuschriften seien es jeweils, Mails und Telefonanrufe, alles. Nach jedem Auftritt sieht man ihn mit zwei, drei Couverts unterm Arm und einem Stoss Papier in Sichtmäppchen gesteckt. Er sichte sie alle und baue das eine oder andere in seine Vorträge ein, sagt Köppel, noch einmal, niemand soll ihm mangelnde Volksnähe unterstellen.

Aber Richard, ein älterer Herr mit einem Schnauzer wie ein ausgefranster Vorhang, ist skeptisch.

20 Uhr 30 im Singsaal des Schulhauses Eichi in Niederglatt. Köppels Auftritt ist fertig, es hat wie immer mit einem Applaus geendet, vielleicht nicht ganz so laut wie andernorts, aber man ist ja auch nicht immer gleich gut drauf. Richard hat schon in der Fragerunde klar gemacht, dass er zweifelt. Er ist zwar Sympathisant, aber eben auch ein kritischer Geist. «Wir haben kein Thema», rief er, «die SVP hat kein Thema, ist doch wahr.» Die eigenen Leute oben in Bern – was machen die denn eigentlich?

Jetzt, nach dem Auftritt, drückt er Köppel ein A5-Couvert in die Hände mit den Worten: «Steht alles drin, was Sie wissen müssen.» Vielleicht bildet man sich den verschwörerischen Ton auch nur ein, aber es ist ein Satz, den man öfters in Agententhrillern als in Gemeindesälen gehört hat. Im Couvert sind die gesammelten und ausformulierten Bedenken, die er, Richard, zusammen mit drei Kollegen am wöchentlichen Stammtisch jeweils zusammenträgt. Da werde akribisch notiert, was alles schiefläuft im Land, erklärt mir Richard später.

Richard, 72 Jahre, jahrelang für Sulzer den Servicefachmann gemacht, jetzt mit einer Ledermappe und rot-weissen Pumas als Reparateur ohne Auftrag für politische Wartungsarbeiten unterwegs.

Dass Köppel seinen Bericht anschauen wird, glaubt Richard nicht so recht. Wahrscheinlich passiert ja wieder nichts. Zur Sicherheit hat er aber das Porto für die Retoursendung aber doch noch beigefügt.

Die Köppel-Jünger

Wir verehren ihn und wir sind stolz auf ihn, wir sind Fans, aber wir sind nicht unkritisch. Das ist keine Heiligenverehrung, aber wir reisen ihm auch einmal nach, dem Roger. Wir kennen ihn alle von früher, von dieser Veranstaltung und jener, die Namen haben wir vergessen.

Manchmal muss Köppel seine Fans auch etwas bremsen: In Wangen-Brütisellen poltert ein älterer Herr mit Hosenträgern, dass man früher, vor 80 Jahren, Heil Hitler geschrien habe, heute heisse es wahrscheinlich bald Heil EU! Köppel wiegelt beim verqueren Vergleich ab, laviert, so schlimm sei es schon nicht, und gibt dem Mann gleichzeitig doch recht.

Später sagt Köppel, man träume von einem Europa, das auf der Weltbühne eine grosse Rolle spielen soll. Das sei eine Konstante in der Geschichte Europas. «Leider sehe ich diese Sehnsucht heute bei Teilen der EU-Eliten. Davon muss die Schweiz Abstand halten.»

Im Fahrwasser von Köppels Tournee schwimmt eine eigenartige Jüngerschaft durch den Kanton, ältere Herren meist, die, wenn sie im Rund Fragen stellen, keine Fragen stellen, sondern warnende Appelle halten, die immer mit einem dringlichen Aufruf enden: Gehen Sie abstimmen, sonst behüte uns Gott.

Köppel mag das nicht so gerne, er braucht keine Epigonen, er will die Antworten selber geben, nicht jemandem zustimmen müssen.

Es gibt diesen Chor an bedingungslosen Köppel-Anhängern, eine heterogene Fankurve, die sich nach jedem Auftritt überschwänglich bei Köppel bedankt, die eine Härte und Unnachgiebigkeit verströmt, dass es einem etwas unwohl wird. Die Köppel als «letzte Hoffnung» bezeichnen, als wäre die Apokalypse nahe und der SVP-Nationalrat der Mann mit dem Raumschiff.

Es sind die Leute, denen man die Enttäuschung anzusehen meint, wenn Köppel sagt, dass die Schweiz auch ein Asylland sei und dass er keine Blut-und-Boden-Politik wolle, wie der Rassemblement National.

Ich spreche ihn später darauf an, ob ihm das nicht unangenehm sei, diese extremen Meinungsäusserungen und zorndurchtränkten Gefühlsaufwallungen. Dann fällt mir ein, dass Köppel zumindest in den sozialen Medien nicht viel anders tönt als die EU-Hasser und sie mit seinen Auftritten und seinen Parolen wahrscheinlich befeuert. Köppel schaut mich an, als ob ich seine Anhänger des Satanismus bezichtigt hätte.

Dann zitiert er Franz Josef Strauss’ berühmten Spruch, wonach es rechts von der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben dürfe. Auch Blocher hatte diese Parole einst ausgegeben – mit Erfolg. Die SVP hat alle anderen Rechten Parteien einverleibt. Ob die Eindämmung wirklich funktioniert, ob sie überhaupt gewollt ist, und ob die Folge nicht eher ist, dass die Partei nach rechts rückt – darüber gehen die Meinungen auseinander.

Einmal frage ich ihn, warum er sich das überhaupt antut, 162 Gemeinden, Maur und Andelfingen, Feuerthalen und Rüschlikon, und dann auch noch Männedorf, wo doch nicht nur Politikbeobachter seine Chancen auf gegen Null einschätzen, sondern auch seine Fans und Sympathisanten fast alle unverhohlen offenbaren: Der Roger? Nein, keine Chancen habe der, in den Ständerat zu kommen. Köppel scheint ein bisschen enttäuscht, als habe er mehr erwartet von einem Journalisten mit einem Politikwissenschafts-Studium.

Er gibt mir eine kleine Einführung ins Einmaleins des köppelschen Mindset – eine Lektion für Politik-Dummies. «Schauen Sie, meine Devise lautet, Themen ...» – «... vor Pöstchen», beende ich seinen Satz. Ich könnte seinen Vortrag mittlerweile aus dem Stegreif halten.

Das «Themen vor Pöstchen»-Diktum bringt er immer ganz am Anfang, um seine Motivation für die Ständeratskandidatur zu erklären. Er sagt es immer zweimal hintereinander, ganz langsam, die Silben gedehnt, als wäre es eine Beschwörungsformel, die ein unsichtbares Tor öffnen würde, ein Sesam-öffne-Dich fürs Stöckli oder in welche heiligen Hallen Köppel auch immer eintreten möchte dereinst.

Dägerlen – Restaurant Frohsinn

Wir rufen dazwischen, wir machen auf uns aufmerksam, wir wollen gehört werden, so wie früher. Wir sagen: Handys händs, überall!, wenn Köppel den Selbstbedienungsladen erwähnt, zu der unsere Sozialhilfe geworden ist und die Migranten, die ihn plündern. Und wir rufen: nid id EU, fertig!, wenn Köppel von den EU-Turbos rund um Guldimann & Co. spricht, und dann ist es wieder ein bisschen besser, dann haben wir Dampf abgelassen, und ein bisschen den Tarif durchgegeben, weil ohne uns, das darf man nicht vergessen, ohne uns funktioniert dieses Land nicht.

Dägerlen, Nummer 63. Wieder eine dieser Bus-Gemeinden, Verbindung nur im Stundentakt, dabei ist man nicht einmal 10 Kilometer von Winterthur entfernt. Der Himmel über Dägerlen ist so endlos weit wie in der Pampa, Krähen kreisen über ein abgeerntetes Feld und eine drohende Stille senkt sich über das Land und treibt die wenigen Wolken schnell vor sich her. Unten auf der Erde sorgt die flirrende Hitze für Zeitlupentempo, Bewegungslosigkeit, Stillstand. Am Strassenrand, hinter einem Gehege, liegt ein Lama in der Sonne, unbeweglich. Ein Schild an einer Abzweigung fragt, ob man zu Köppel oder zu den Kirschen will, links oder rechts, Dägerlen oder Thalheim. Mir fällt der Köppel-Satz ein, den er beim Rahmenabkommen immer mit einem maliziösen Lächeln bringt: «Sie haben die Freiheit ... Sie sind völlig frei .... ».

Gsellhof, Wangen-Brütisellen.

Gsellhof, Wangen-Brütisellen.

Dieser Kanton ist die Summe seiner Kreisel und Kirchtürme, seiner Volg-Filialen und Autobahn-Zubringer. Nicht mehr und nicht weniger. Nur wer meint, Zürich ende bei der Gummiboot-Ausstiegsstelle in Dietikon, gerät ob der Weite und Leere dieser Landschaft ins Staunen. Die Symbolik von Köppels Tour ist vielleicht auch so mächtig, weil sie an einem der stärksten Gefühle des Menschen rührt.

Dem Wunsch nach Aufmerksamkeit.

Köppels Wahlkampfmotto könnte auch lauten: Seht her, ich habe euch nicht vergessen.

Die kritischen Fragen

«Bleiben Sie kritisch», schärft Köppel den Zuschauern jeweils ein an seinen Vorträgen. Man wird explizit dazu eingeladen, Fragen zu stellen, auch unangenehme. Auf dem Tourplakat steht, weniger als Einladung denn als Aufforderung: «Sie können alles fragen.»

Stellt aber jemand tatsächlich kritische Fragen, hakt nach und weigert sich, mit den rhetorischen Slalomentgegnungen von Köppel abgespeist zu werden, zeigen sich die Grenzen der Toleranz: Wie in allen geschlossenen Milieus (man denke an den Slogan der linken Stadt Zürich aus den Neunzigern: «Erlaubt ist, was nicht stört») macht sich irgendwann Unmut breit.

Das tönt dann wie in Oetwil, als es im Publikum angesichts der renitenten Klimasenioren zu brodeln beginnt: Was wotsch eigentlich? Jetzt ist dann aber genug!

Das eigene Weltbild erträgt nicht viele Risse, sonst geht es zu Bruch.

Und dass Scherben Glück bringen, daran glaubt hier niemand.

Es braucht Mut (oder eine Lust an der Provokation), sich der geballten Feindseligkeit eines Stübli auszusetzen. Claudia hat es versucht. Sie und ihr Mann besitzen eine Spielgarten-Werkstatt an der Hauptstrasse von Dägerlen, schräg gegenüber vom Restaurant Frohsinn, keine 50 Meter weit. Sie ist hier, sagt sie, weil sie findet, man könne so einen Besuch nicht unwidersprochen lassen.

Köppel ist heute so früh fertig wie noch kaum je, nicht einmal eine ganze Stunde hat der Vortrag gedauert, in zwei Stunden muss er in Truttikon sein, die dritte Station an diesem Samstag.

Ein Mann hebt die Hand:

Ihr sagt immer, ihr schützt den Mittelstand. Aber ich glaube das nicht, ich glaube, ihr bekämpft ihn. Seid ihr bereit, die finanzielle Verantwortung zu tragen, wenn der menschengemachte Klimawandel unsere Felder zerstört?

Aus dem Publikum hört man: Söll doch nach China gah!

Köppel: Schauen Sie, ich glaube nicht an die abstrakte Wahrheit. Sie müssen halt für sich selber schauen, was Sie gegen den Klimawandel unternehmen können.

Das mache ich. Aber Sie unterschätzen, dass gerade die Zuwanderung durch den Klimawandel verstärkt wird.

Ich glaube einfach nicht daran, dass die Welt am Schweizer Wesen genesen soll.

Aber wir sind Teil dieser Kugel.

Köppel macht dann einen Klima-Witz, einer von vielen aus seinem Repertoire.

Der Mann verschränkt die Arme: Billige Polemik!

Was früher Religiöse waren, sind heute Klimagläubige ...

... ich bin überzeugter Atheist ...

Dann sind Sie nun eben vielleicht einer dieser Klima-Apokalyptiker.

Nach dem Vortrag stellt sich Rahel vor Köppel. Sie sei noch nie an einer solchen Veranstaltung gewesen, aber sie wolle zeigen, dass hier nicht alle vorbehaltlos den Herrn Köppel unterstützten. Es sei erschreckend, wie hier Ängste geschürt und Stimmung gemacht werde gegen Ausländer und gegen alle Andersdenkenden. Dann wirft sie Köppel Intoleranz vor.

Köppel mimt den Erschrockenen, man könnte meinen, er hätte solche Sätze noch nie gehört. Intolerant, er?

Sie sind ein wandelndes Lexikon, sagt Rahel, es ist schwierig, mit Ihnen zu diskutieren.

Köppel blickt zu mir, haben Sie das gesehen? Die Frau sagt, ich sei intolerant, will dann aber nicht mit mir diskutieren. Er wirkt wahnsinnig belustigt.

Auch zwei Tage später in Schlatt erinnert sich Köppel noch an das Gespräch. Herr Stern, wissen Sie noch, die Frau in Dägerlen? Grossartig, oder?

Die Zuwanderung

Irgendwann im Juli ist dann die Zuwanderung wieder ein grösseres Thema. Eigentlich nimmt sie in Köppels Vortrag neben den Themen Klimawandel und EU-Rahmenabkommen eine untergeordnete Rolle ein. Die Asylzahlen sind tief, auch von Ferienreisen von Eritreern hat man schon länger nichts mehr gehört. Während man in den USA darüber diskutiert, ob US-Präsident Donald Trump wegen seiner «Go-Home»-Aufforderung an demokratische Abgeordnete Rassismus vorzuwerfen sei oder nicht, schien das Thema in der Schweiz auf dem politischen Abstellgleis zu stehen.

Aber Anfang Juli hat die «Weltwoche» einen brutalen Angriff eines Schülers auf eine Lehrerin an einer Schule im Aargau recherchiert und zum «Fall Möriken» erklärt (Köppel: ein «gigantischer Fall»). Ein junger, offenbar mit einem fundamentalistischen Islamverständnis geimpfter Mann hat an einer Sekundarschule seiner Lehrerin den Kiefer gebrochen.

Ein Einzelfall, natürlich, aber er kommt gerade recht, um hier alle daran zu erinnern, dass es zwei Kategorien von Ausländern gibt: die Rechtschaffenen und die Renitenten. Und wer zu welcher Kategorie gehört, das bestimmen immer noch die Menschen in diesem Land. Seit einiger Zeit wird dafür eine neue Wortschöpfung kreiert: Nicht-Integrierbare. Es tönt wie Ausschussware oder ein falsch zugestelltes Paket, das man retour senden muss.

Noch einmal Dägerlen, Köppel wirkt geladen, er ist seinem Publikum physisch nahe, kein halber Meter zwischen den eleganten Sneakers des Nationalrats und dem ersten Gesundheitsschuh. Das ist zu nahe, denkt man, viel zu nahe.

Das Wandbild hinter Köppel zeigt eine mit blutroter Farbe überzogene toskanische Hügellandschaft, im Stübli ist es stickig heiss, durchs angelehnte Fenster zieht der Geruch von Gülle und Köppel sagt: «Wir haben einfach zu viele.»

Schützenhaus Oberembrach.

Schützenhaus Oberembrach.

Ausländer.

«Der Asylant bekommt mehr als jemand, der sein Leben lang gekrampft hat.»

«Wenn man immer mehr hereinlässt, dann hat man irgendwann keine Schweiz mehr.»

«Wir sind keine Ausländerfeinde, das dürfen wir uns nie einreden lassen. Wir können gar keine Ausländerfeinde sein. Wir haben ja schon im 19. Jahrhundert Ausländer reingeholt, einige der Ausländer haben die Schweiz überhaupt erst zu dem gemacht, was sie heute ist. Hayek, Brown-Boveri, Blocher natürlich. Auch die Asyltradition wollen wir hochhalten, die Juden damals, das waren echte Flüchtlinge. Die Juden damals konnten nicht zurück nach Deutschland, Sie alle hier wissen, was den Juden dort gedroht hatte. Das waren echte Flüchtlinge, und für echte Flüchtlinge hat es hier immer Platz. Aber die Eritreer? Denen muss man ja sogar verbieten, Ferien in ihren Heimatländern zu machen.»

Im Publikum sitzt eine ältere Frau mit einer Frisur wie ein Gletscher – zwei hohe, schieferfarbene Steilwände, dazwischen ein leicht gewelltes Eisbett. Sie seufzt und nickt wissend.

Nach dem Vortrag spreche ich mit einem älteren Mann, Jahrgang 1935, weisses T-Shirt mit Mercedes-Logo. Wir stehen im engen holzgetäferten Foyer des Frohsinns. Es ist stickig, die Decken sind niedrig, einzelne Lichtstrahlen fallen auf das Gesicht des Rentners.

Ja, er fahre selber einen Mercedes, aber er habe schliesslich auch sein Leben lang gearbeitet. Kein einziges Mal Sommerferien gemacht. Die Wirtin zwängt sich an uns vorbei, in der Hand ein Tablett mit leeren Bierflaschen: Sieht nicht aus, als ob es dir geschadet hätte!

«Früher haben wir dem Negerlein in der Kirche 20 Rappen gegeben, aber wir meinten es ja nicht böse. Und in der Jugendriege hatten wir die Mädchen aufgefordert, den Handstand zu machen, damit ihnen die Röcke hochrutschten. Heute würde das alles natürlich nicht mehr gehen.»

Es sollten wohl Beteuerungen sein, dass man sich ändern kann, wenns sein muss. Nur wird man den Eindruck nicht los, dass es in einer sich rasant verändernden Welt vielleicht nicht genug ist, Schwarzen nicht mehr Neger zu sagen und jungen Frauen nicht unter die Röcke zu gucken.

Was ist das grosse Problem der Schweiz?

«Der Ausländer ist das grosse Problem, er will nicht arbeiten gehen. Die Italiener, die waren anders damals, aber der heutige Ausländer, der ist faul, stammt aus einer fremden Kultur, liegt dir auf der Tasche, lebt von der Sozialhilfe.»

Er tönt wie ein Echo von Köppel und der gesammelten SVP-Propaganda der jüngeren Vergangenheit. Der Ausländer, Chiffre und Projektionsfläche für eine Welt, die zu schnell dreht für viele, die hässlich geworden ist und keine Ähnlichkeit mehr hat mit der Zeit von einst, als der Tag noch 24 Stunden hatte und am Sonntag Ruhe war. Globalisierung, Verdrängung, Arbeitskämpfe, Selbstoptimierung, Entfremdung: Im «Ausländer» vereinen sich alle Verwerfungen der Moderne. Irgendwann wird der Mercedes-Mann von seiner Frau weggezupft, sie selber will nichts sagen dazu. Ein allzu oft gesehenes Bild an diesen Orten, in diesen Tagen.

Im Säli nebenan sitzen drei alte Männer beim Jass. Den Köppel haben sie schon gesehen, nicht ihr Typ, der macht zu wenig für die Bauern und der Blocher söll jetzt au mal höre, der macht noch alles kaputt.

Die «Weltwoche»-Werbetour

Die Begriffe, die Köppel beim Thema Klimawandel braucht, könnten aus einem Handbuch für einen Stosstrupp neurechter Freischärler stammen: Klimadiktatur, Klimahysterie, Klimawahn, rot-grüne-Ökodiktatur, linksgrüner Marxismus, wobei es sich gut trifft, dass Köppel dieses Handbuch gleich selber herausgibt und als Chefredaktor verantwortet.

Liest man die «Weltwoche» während Köppels Tournee, fällt auf, dass Köppels Editorials meist die Vorlage bilden für die Ausschmückungen innerhalb der jeweiligen Vorträge (der Rahmen bleibt gleich: Zuwanderung, Klimawandel und EU-Rahmenabkommen).

Mitunter fallen Sätze wortwörtlich. Und umgekehrt verfeinert Köppel in den Editorials Gedankengänge, die er zuvor vor Publikum ausführte. Wahrheits-Hermeneutik oder Resteverwertung – es funktioniert jedenfalls. Wenn Köppel etwa in Rifferswil sinngemäss doziert, Jean Ziegler wolle den Kommunismus wieder einführen, und am Nebentisch studiert jemand mit nach vorne geschobener Brille ein Interview mit Jean Ziegler in der «Weltwoche» und ruft: «Stimm, da staats!»

Überhaupt, die «Weltwoche». Man liegt wohl nicht ganz falsch, wenn man Köppel unterstellt, auf dieser Tour zumindest im Nebenerwerb Marketingvertreter nicht nur seiner selbst, sondern auch seiner Zeitschrift zu fungieren. Die mannshohen Plakate sind ganz im «Weltwoche»-Design gehalten, das Logo des Magazins prangt gut sichtbar, das SVP-Sünneli strahlt schwach und unscheinbar am Rand.

Wangen-Brütisellen – Gsellhof

Wir spötteln, wir schnauben, wir machen tsstss mit gespitztem Mund, und wir schütteln den Kopf, immer wieder, weil was bleibt uns anderes übrig. Die Welt, so scheint es, ist verrückt geworden. Flirt-Leitfäden im Bundeshaus –

Dietlikon, Möbelland. Das hier ist nicht Ikea, sagt der Busfahrer zur Begrüssung. Ich fahre nach Wangen-Brütisellen, wo der Bindestrich mehr trennt als eint. Wangen, doziert einer der Alteingesessenen, ist das Herzstück der Gemeinde, Brütisellen eigentlich nur eine bessere Durchgangsstrasse. Brütisellen, sagen andere, ist das alte Arbeiterquartier, die ursprüngliche Quelle des Wohlstands.

Mehrzwecksaal im Gsellhof, jeder zweite der Besucher stolpert über die Schwelle, sodass man sich hüten muss vor metaphorischen Schlussfolgerungen. Ich setze mich an einen Tisch, mir gegenüber sitzt Irene, die Köppel verehrt und findet, die SVP brauche mehr Politiker wie ihn.

Köppel begrüsst mich mit einer Mischung aus Jovialität und Misstrauen: «Herr Stern, schon wieder im Einsatz!» Während es sich die Besucher an den langen Holztischen bequem machen, geht Köppel durch die Reihen und verteilt ungefragt die aktuelle «Weltwoche»-Ausgabe. Als er an unserem Tisch ankommt, ruft Irene – rot-zerzaustes Haar, Ende 60, gutmütig-energisch – «Herr Köppel, Herr Köppel, Sie müssen unbedingt öfters ins Fernsehen! Sind ja alles nur noch Linke da!»

Köppel hebt etwas hilflos die Hände: «Ich würde ja gerne, aber die beim SRF laden mich ja nie ein!»

Der SVP-Nationalrat hat noch eine zweite Erklärung, weshalb er im Jahr 2019 wie ein Wanderprediger aus dem 19. Jahrhundert den Kanton bereist: die Medien. Köppel nennt sie manchmal «Verfälschungsmaschinen», die nicht mehr unabhängig berichteten und zu Parteien im politischen Kampf geworden seien.

«Wenn die Medien Sie schneiden ... müssen Sie halt zu den Leuten.» Diese Bergprophet-Analogie ignoriert nicht nur die zig Medienberichte, die seit Mai zu Köppels Wanderung erschienen sind (sogar das Westschweizer Fernsehen war da), sondern auch die Tatsache, dass die SVP respektive Köppel mit der «Weltwoche» über ein eigenes Medienerzeugnis verfügen.

Sie verfängt aber bei einem Publikum, das schon lange mit «den Medien» gebrochen hat. Als er in seinem Vortrag das Thema Volksrechte streift, zitiert er aus einem Interview der FAZ mit Alain Berset: «Über Volksinitiativen können die Bürger ein Thema lancieren, das ihnen unter den Nägeln brennt. Und dann schaut das Parlament mit seinen zwei Kammern, was man daraus unter Berücksichtigung der geltenden Verfassung und des Völkerrechts machen kann ...»

Empörtes Zischen im Publikum, Pfui-Rufe, der Berset, man hat nichts anderes erwartet. Die Linken, die Volksrechte und die Medien als Überbringer schlechter Nachrichten: drei Fliegen auf eine Klappe.

Wann das Interview erschienen sei, daran kann sich Köppel nicht mehr genau erinnern, im April 2017: «Herr Stern, prüfen Sie das nach!», ruft er in den Saal. (Bitteschön: Die Jahreszahl war falsch und das Zitat verkürzt, sonst ist nichts zu beanstanden).

Nach dem Auftritt frage ich Irene, wie es ihr gefallen habe.

Gut hat er es gemacht, der Roger.

Warum finden Sie Roger Köppel gut?

Er haut so richtig auf den Tisch. Das ist, was wir jetzt brauchen. In der SVP hat es viel zu viele Schlappschwänze.

Was ist mit Andreas Glarner? Ist der auch ein Schlappschwanz?

Naja, der Glarner, der ist auch in Ordnung.

Dann will sie wissen, wo sie meinen Bericht lesen könne.

Im Internet, sage ich.

Internet?! Sie verwirft die Hände: Und was mache ich, wenn ich mich aufrege? Den Computer kaputt hauen?

Was machen Sie denn, wenn Sie sich bei einem Fernsehbericht aufregen?

Ich schreie den Fernseher an.

Gut, das können Sie dann ja auch beim Computer machen. Wieso sind Sie überhaupt so wütend?

Weil jeden Tag über das Klima berichtet wird, als gäbe es kein anderes Thema. Klima, Klima, Klima, irgendwann reicht es einfach.

Ihr Mann nickt.

Wir alten Menschen

Es gibt aber auch noch eine andere Geschichte, die ebenso gut als Erklärung dienen könnte für die Art und Weise, wie Köppel Wahlkampf macht: das Alter. Neben der Hautfarbe (weiss, sonnengebräunt) und dem Geschlecht (Verhältnis 4 zu 1 zuungunsten der Frauen) ist das Geburtsjahr das entscheidende Identitätsmerkmal.

Nach 1975 Geborene sieht man kaum einmal, das Durchschnittsalter bewegt sich zwischen Pensionierung und Altersheim. Von Zeit zu Zeit begegnen einem auch diese 19. Jahrhundert-Gesichter, alte Männer wie aus Filmen von Kurt Früh, am Rollator gehende Allegorien der Vergänglichkeit, schwere Kugeln auf halslosen Oberkörpern, als hätte die Zeit die Menschenkörper auf ihre geometrischen Urformen zurückgestutzt, und unten dann die Puma-Sneakers.

Einer von ihnen ist Herr Keller, in Wangen-Brütisellen. Er sitzt mir schräg gegenüber. Mit einer Fistelstimme ruft er mich nach dem Vortrag zu sich, kommen Sie her!, heisst mich hinabzubeugen. Er sitzt im Rollstuhl, die wenig verbliebenen Zähne im Gesicht bilden natürlich Hindernisse im Wortfluss. Er schaut mich mit einem neugierigen Blick an. Ob ich Journalist sei? Ich bejahe. Habe er gleich erkannt, wegen dem Notizbuch. Ich frage ihn, warum er hier sei. Herr Keller deutet auf sein Bein, vor ein paar Tagen sei er gestürzt, Bluterguss, alles verrutscht da unten, unheimliche Schmerzen. Sein Oberschenkel mündet in ein fleischfarbenes Rohr, eine Amputation, woher, erfahre ich nicht mehr, seine Frau schaltet sich ein, Herr Kellers Stimme wird immer leiser, wie wenn man beim Radio den Ton langsam abdreht.

Warum sind Sie hier, Frau Keller?

Gut, dass Sie fragen, letzthin im Mona-Verlag ein Kleid bestellt, Übergrösse, sagen Sie nichts...

...Frau Keller macht eine Pause, wartet, vielleicht auf ein Kompliment zu ihrer Figur...

... die Kleider waren aber zu klein. Ich rief an, um mich zu beschweren. Aber die Frau am Telefon verstand mich nicht! Sprach kein einziges Wort Deutsch, himmelherrgott!

Herr Keller hat währenddessen gar nicht aufgehört zu reden, das leise Hintergrundrauschen war seine Stimme, ... er sei jetzt im Pflegeheim, nicht weit von hier, einsam sei es da manchmal, wo er denn den Bericht lesen könne? Ich verspreche ihm, den Artikel auszudrucken und zuzuschicken.

Sitzt doch einmal ein junger Mensch im Publikum, wird man fast misstrauisch. Ist das ein echter junger Mensch oder ist das ein junger Mensch, wie ihn sich alte Menschen vorstellen? Ein Auftrags-Teenager, ein politisches Beruhigungsmittel für die alternde Basis? In Wangen-Brütisellen zum Beispiel hat es einen jungen Mann, schlaksig, die Arme noch zu lang im Vergleich zum restlichen Körper, die Beine seltsam schüchtern verknotet. Oben ein gelb-blau-weiss gestreiftes Levis-Shirt und eine weisse NY-Knicks-Kappe auf dem Kopf. Alles sitzt ein bisschen schief. Als hätte Köppels Sekretärin nach «Teenager-Mode» gegoogelt.

Natürlich ist das nicht nur ein Problem der SVP, es akzentuiert sich hier halt einfach sehr deutlich. Das bleibt auch der Basis nicht verborgen. An fast jedem Vortrag schauen Leute im Publikum sorgenvoll nach links und nach rechts und stellen dann fest, dass sie in einem Spiegelkabinett gefangen sind. Das ist in Wangen so, das ist in Meilen so.

Urs Räber hat es schon in der Fragerunde gesagt, jetzt sagt er es noch einmal: «Schauen Sie sich doch um, es hat nur alte Chläuse hier. Meine Zukunft liegt in der Vergangenheit, ich bin jetzt 87 Jahre alt.»

Räber ist 87 Jahre alt, ein Kopf grösser als ich, ein rüstiger alter Mann mit müden, gutmütigen Augen. Er erzählt, wie er früher als Protestwähler PdA gewählt habe, und davon, wie schwierig es sei, mit den Enkeln über Politik zu diskutieren. Köppel sei ein rotes Tuch, erwähne er seinen Namen, sei die Diskussion vorbei.

Heute ist es umgekehrt, die Alten sind Protestwähler, die Jungen sind angepasst, nur beim Thema Klimawandel ist es umgekehrt.

Irene fragt mich, ob ich nun schreiben würde, dass nur Alte im Publikum sitzen: Ich sage ja. Es ist die Wahrheit. Oder fast die Wahrheit.

Schlatt – Gemeindesaal

Wir können uns daran erinnern, wie es früher war. Wir tragen die Bilder und den Geruch im Kopf von einer Schweiz, die mit uns gross geworden ist. Spielt es eine Rolle, ob es sie wirklich so gegeben hat? Wir denken daran, also existiert sie. Wenn wir Marignano hören, oder Sempach, dann nicken wir, aus Demut und aus Sorge, jemand könnte uns unsere Geschichte wegnehmen. Wir werden uns wehren.

Lässt man die Winterthurer Aussenbezirke hinter sich, stösst man in eine enge Hügellandschaft vor, das Postauto fährt auf der Gotthelf-Strasse, ein Schild neben einem Schuppen bietet Folgendes feil: Landmaschinen, landwirtschaftliches Gerät, Altertum. Schlatt, altertümlich für: Sumpfland, Tal, Abhang, Mulde, tatsächlich aber: auf einem Hügel gelegen. Wikipedia listet drei Persönlichkeiten auf: zwei Radrennfahrer und eine Radrennfahrerin.

Mit mir steigt ein junger Mann aus, vielleicht 21, 22 Jahre alt. Lange widerspenstige Haare, hinten zu einem Zopf zusammengebunden, Lederbändchen am Arm, schwarzes T-Shirt, schwarze Hose, schwere schwarze Stiefel. Er sieht aus, als wäre er unterwegs zu einem Metalkonzert.

Aber Rafael ist hier, um ihn zu sehen, the man himself.

Rafael kommt ursprünglich aus Wallisellen, zog aber vor einiger Zeit nach Hinwil, weil ihm Wallisellen zu links war. Wallisellen ist verloren, sagt er mit einem wehmütigen Lächeln. Er studiert Geschichte und Philosophie an der Universität Zürich und trägt eine zerlesene Ausgabe von Gene Sharps «Von der Diktatur zur Demokratie» bei sich, das Handbuch zur Anleitung des gewaltlosen Widerstands, das Aufständische im Arabischen Frühling massgeblich beeinflusst haben soll. Um den Hals baumelt die Marke der Fallschirmaufklärer.

Hättest du nicht gedacht, was? Rafael lacht. Man sieht es uns Bürgerlichen nicht mehr an, dass wir bürgerlich sind.

Gemeindesaal Schlatt: In Hufeisenform sitzen wir Köppel gegenüber, circa 20 Leute. Köppel gibt an diesem Abend den Schauspieler. Seine Rolle: der alte Mann. Müde schlurft er übers Parkett, hebt kaum den Fuss. Wenn er über die EU spricht, hebt er die Arme waagrecht nach vorne, wedelt nervös mit den Fingern, wie ein Taschenspieler mit Parkinson. Und wenn die Zuschauer abgelenkt sind, schmuggelt er ihnen seine Wahrheit hinters Ohr. Das Gestikulieren erinnert an Christoph Blocher, die Wandlungsfähigkeit von Köppel ist beeindruckend.

Dem Publikum gefällt es.

Als wir später zusammen im Bus nach Winterthur fahren, frage ich Rafael, was ihn politisch geprägt habe. Er sagt, dass er aus einem linken Elternhaus stamme, der Vater Gewerkschafter. Es sei eine Trotzreaktion gewesen, ursprünglich. Später habe er sich einen ideologischen Grundriss gezeichnet, der aus liberalen bürgerlichen Werten besteht.

Es ist ein angenehmes Gespräch, wir haben Gemeinsamkeiten und wir haben Differenzen, aber die Statik seines politischen Gebäudes ist nicht auf den Millimeter genau berechnet, ebensowenig wie meines. Wenn ich Rafael auf Widersprüche im Programm der SVP hinweise, etwa bei der gebetsmühlenartig wiederholten Forderung der Hilfe vor Ort und der gleichzeitigen sukzessiven Streichung der Entwicklungshilfegelder, dann verzieht er das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen, lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und sagt: Das ist jetzt aber sehr polemisch.

Auch in Niederglatt sitzen zwei junge Männer im Publikum. Ganz vorne, in der ersten Reihe. Köppel ist gerade beim Thema EU-Schiedsgericht angelangt, als ihm einfällt, dass er die Funktionsweise des Schiedsgerichts für die Generation «Fortnite» vielleicht ein bisschen besser verdeutlichen müsste. Er stellt sich breitbeinig vor die Männer, winkelt den rechten Arm an, streckt den linken aus und zielt mit einer imaginären Pumpgun auf die Köpfe der beiden Männer. «Sie sind völlig frei, völlig frei ...», sagt er, lächelt, und lädt durch. Das charakteristische «chtsch-chtsch» der Pumpgun hallt über unsere Köpfe hinweg.

Einen Moment lang ist es still im Saal.

Dann schütteln sich die beiden Männer vor Lachen.

Vielleicht hat jeder hier drin seinen Köppel-Moment. Ein Gefühl des Angesprochenseins, des Fixiert-Werdens, die Einsicht, dass man von grosser persönlicher Bedeutung für das Projekt Köppel ist. Für die einen mag es die Schrotflinten-Metapher sein, für andere das Heraufbeschwören eines goldenen Zeitalters, für dritte die Betonung der Schweizer Werte.

Die sozialen Fragen

Das Motto dieser Tour lautet: den Wohlstand sichern, nicht Wohlstand gewinnen. Erstaunlicherweise redet Köppel dann aber kaum über soziale Fragen, und wenn doch, nur im Verhältnis zur Zuwanderung.

Als jemand in Niederglatt eine Frage zur Zukunft der AHV stellt, scheint Köppel fast etwas überrumpelt. Er sagt zwar, das seien bloss einzelne Stimmen, aber vielleicht birgt das Thema für die SVP sogar noch mehr innere Sprengkraft als der Klimawandel.

Oetwil am See. Hier fühlt man sich zuhause. Der Mann neben mir zieht schon kurz nach Beginn von Köppels Rede seine Schuhe aus und massiert zufrieden seine Zehen. Er trägt eine schwarze Lederjacke, einen zackigen Schnauz und eine Baseballkappe mit aufgenähtem «Brooklyn»-Schriftzug.

Hansjörg besitzt einen Motorrad-Shop, er hat Benzin im Blut und 10 Schrauben im Knie, Erinnerungen an einen Töffunfall in Finnland. Er ist 71 Jahre alt, und weil die AHV nicht reicht und die Pensionskasse nicht existiert, muss er immer noch arbeiten. Da ist keine Bitterheit in der Stimme, nur nüchternes So-ist-es-halt.

Die SVP?

Wird er wählen, nicht weil er begeistert ist, sondern weil es halt seine Partei ist. Auf der Webseite seines Töffshops sieht man leicht bekleidete Frauen bei der Motorrad-Wäsche, Biker-Treff mit Showgirl Candy Dee. Motto: Let’s have fun together!

Schlatt, Gemeindesaal.

Schlatt, Gemeindesaal.

Einmal stellt jemand die Frage: Herr Köppel, haben Sie bei all Ihren Wohlstands-Geschichten eigentlich auch soziale Ideen drin?

Köppel sagt zwar einmal, er sei zuversichtlich, was die Zukunft angeht, aber es ist die Zuversicht des Umzingelten.

Unangenehmen Fragen begegnet Köppel am liebsten mit Kalauern.

Die Fridays-for-Future-Proteste?

Von einer Klima-Krabbelgruppe organisiert, höchstens ernst zu nehmen, wenn sie von dunklen sozialistischen Mächten instrumentalisiert werden. Gelächter.

Elternschaftsurlaub?

Kann man das eigentlich auch rückwirkend beantragen?

Gelächter.

Seine Anhänger stehen ihm in wenig nach. Kronensaal in Wetzikon, kurz nach 12 Uhr. Hinter Köppel formt sich ein Tatzelwurm. Die Veranstaltung ist vorbei, Zeit für Selfies und ein paar nette Worte.

Ein älterer Herr in camouflagefarbener Jagdweste hält nervös ein Handy in der Hand, er ist kurz davor, laut loszuprusten. Ich frage ihn, was so lustig ist. Er zeigt mir ein Foto auf seinem iPhone, darauf ein selbstgemachter Sticker mit dem Schriftzug: Wer grün wählt, wird Chabis ernten! Hat er selber kreiert.

Überhaupt, die Witze: Man muss sie eigentlich an einem Bild des alt Nationalrats Christoph Mörgeli schildern. Schlatt, 20.40 Uhr. Mörgeli, ehemaliger Leiter des medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich und SVP-Nationalrat, begleitet Köppel heute auf seiner Tour. So ein-, zweimal pro Woche mache er das, sagt Mörgeli und weil er in Schlatt heimatberechtigt ist, war der Fall sowieso klar.

Jetzt sitzt er da, die Arme vor der Brust verschränkt, sodass nur die Daumen zu sehen sind, kaut auf einem Kaugummi und sekundiert Köppel bei seinen Kalauern. Er muss die Witze schon ein gutes Dutzend Mal gehört haben, aber wenn Köppel erzählt, dass Friedrich Engels, als er im 19. Jahrhundert die Innerschweiz besucht hatte, derart traumatisiert von der sozialen Lage war, dass er «heute ein Fall für die KESB» wäre, oder wenn er vom EWR redet, und dann, an die wenigen Jungen gerichtet, sagt, dass das imfall nicht der European Song Contest sei, dann tönt sein Lachen rein und herzhaft.

Vielleicht ist es auch die Freude an der Berechenbarkeit der Zukunft, wie wenn man einen Film zum fünften Mal schaut. Man wartet auf den Witz, nicht weil man ihn besonders lustig findet, sondern weil er eine Erleichterung darstellt: Am Schluss kommt eben doch alles, wie es schon immer kam und immer kommen muss.

Meilen – Schützenstube

Wir husten, wir schnauben, wir tragen karierte Hemden, die an den Ellbogen enden. Wir rauchen nicht, wir julen oder vipen, den Stick in den Mundwinkel geklemmt, wie die Väter unserer Väter.

Meilen, 9. Juli, 19.30, ich stehe am Bahnhof und realisiere, dass Köppel in einer Viertelstunde im Schützenhaus, auf der Krete des Pfannenstiels, referieren wird. Google Maps rät mir, am besten vor einer halben Stunde losgelaufen zu sein, eine Bushaltestelle gibt es nicht dort oben.

Martin, weisses Hemd, Glatze, freundliches Wesen und frischpensionierter Ingenieur, nimmt mich in seinem gelben Renault mit, und natürlich lässt irgendwer später den Spruch mit dem gelben Wägelchen fallen.

Auf der Rückbank, dort wo normalerweise Bolita sitzt, ein belgischer Schäferhund, sitzt Ariane, gebürtige Finnin, ausgebildete Pflegerin in der Gehirnchirurgie, seit 27 Jahren in Meilen, neben ihr Sylvia. Die drei kennen sich – von wo eigentlich schon wieder? – man kennt sich halt.

Ich will wissen, ob jemand die «Weltwoche» liest.

Ariane, überrascht, mit einem leichten Akzent: Nein, ich bin ja pensioniert, ich habe gar keine Zeit für sowas.

Meilen ist in mehrerer Hinsicht ein spezieller Halt auf Köppels Tour: Es findet in einem Schützenhaus statt, weitab vom Zentrum der Gemeinde. Es ist eine der traditionellen SVP-Hochburgen, drei Wochen zuvor feierte man hier 100 Jahre SVP/BGB.

Jetzt versammeln sich gut 100 Leute auf dem Vorplatz des Schützenhauses, irgendwann hält auch noch die Polizei nebenan, der Schützenhaus-Wirt bringt ihnen Kaffee Crème, Köppel lädt sie ein, sich doch dazuzusetzen, «Sie können noch viel lernen hier!»

Die Stimmung hier oben ist familiär, lokale SVPler sind hier, Mörgeli ist hier, Köppels Frau ist hier. Köppel zu seiner Frau: «Jetzt siehst du mal, dass ich am Abend wirklich arbeite.»

Gelächter.

Köppel sagt dann noch, er kenne niemanden, der einen Stacheldraht um die Schweiz ziehen will, was ein bisschen lustig ist, weil der Asyl-Verantwortliche der SVP, Andreas Glarner, vor ziemlich genau drei Jahren einen Stacheldraht um die Schweiz ziehen wollte. Köppel hat offenbar auch vergessen, dass er auch als Nationalrat in die Arena-Sendungen eingeladen wurde (nie mehr sei er seit seiner Wahl eingeladen worden in die Arena).

Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion verschwimmen und zerstäuben in der flirrenden Sommerhitze. Einmal behauptet er, er habe das Wort «Unding» nicht gekannt (EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat die Schweiz in einem Interview 2010 als «geostrategisches Unding» bezeichnet und für grosse Empörung bis weit hinein in die bürgerliche Mitte gesorgt). Allerdings kommt «Unding» in seinen Editorials vor 2010 mindestens dreimal vor.

Je länger diese Tournee dauert, desto weniger scheint sich Köppel auch für den Ständerat zu interessieren. In seinen Ausführungen kommt das Thema ohnehin kaum vor, er beschränkt sich meistens darauf, seine Konkurrenten Daniel Jositsch (SP) und Ruedi Noser (FDP) als Nositsch und Joser zu bezeichnen, als wären sie ein lustiges Comedy-Duo (Tiana Angelina Moser, die Kandidatin der GLP, erwähnt er fast gar nie), wobei das kaum jemandem im Publikum auffällt.

Stellt jemand eine Frage dazu, wie er den Kanton Zürich wirtschaftlich zu stärken gedenke, verwedelt er sie mit seinen Antworten so lange, bis der Fragesteller entweder entnervt abwinkt oder ungehalten feststellt, dass man ja immer noch keine Antworten auf die Frage habe.

Stattdessen erzählt er immer und immer wieder die gleichen Sprüche, in leichten Abwandlungen, weil, wie er mir erklärt, das Publikum sonst sofort merken würde, dass da einer ein vorgefertigtes Programm abspult.

Ich frage mich, ob sich bei Köppel nicht irgendwann eine ideologische Taubheit einstellt, wie wenn man sich das gleiche Wort immer und wieder vorsagt, bis es einen komischen Klang erhält und man sich unsicher ist, was die ursprüngliche Bedeutung war.

Er sagt, langweilig werde es ihm nie.

Herr Köppel, an was wird die Schweiz dereinst zugrunde gehen?

Er beantwortet die Frage in Schlatt, als er wieder einmal das Bonmot des Uhrenmanns Jean-Claude Bivers, dass der Schweizer des Schweizers grösster Wolf ist, zum Besten gibt.

«Das grösste Problem überhaupt ist die Wohlstandsverblendung. Die 1. Generation hat das Geld erarbeitet, die 2. hat es verwaltet und die 3. studiert Kunstgeschichte und verjubelt alles.»

Wie man dem aktuellen «Weltwoche»-Editorial entnehmen kann, hat Köppel gerade Edward Gibbon gelesen, dessen Buch «History of the decline and fall of the Roman Empire» das Ende des römischen Weltreichs der Dekadenz zuschreibt.

Die Schweiz, das Rom des 21. Jahrhunderts.

Nur wir Schweizerinnen und Schweizer können uns gefährlich werden.

Grössenwahn und Minderwertigkeitskomplexe, Allmachtsphantasien und zur Tatenlosigkeit verdammt angesichts unserer Kleinheit vor der Welt und vor der Geschichte.

Das ist unser Schicksal.

Gott bewahre uns vor den Phil.-1-Fächern.

Einfach Kreuzchen machen

Ob dem Projekt Ständerat Erfolg beschieden ist, ist stark zu bezweifeln. In der Fragerunde in Schlatt zeigt sich, wieso: Nachdem ein Mann mit Glatze auf Gottes Verdienst bei der Gründung der Eidgenossenschaft hingewiesen hat, fragt er plötzlich:

Den Ständerat, den können wir ja nicht wählen, oder?

Doch!

Einfach Kreuzchen machen?

Meinen Namen schreiben!

In ruhigeren Momenten, nach den Vorträgen, wenn er sich für die Selfies zur Verfügung gestellt und Couverts entgegengenommen hat, sieht man ihn irgendwo in einer Ecke mit seinen drei einziehbaren Plakatständern kämpfen.

In Schlatt stehen jetzt drei, vier Leute um Köppel herum, während er schon seit einiger Zeit erfolglos versucht, die Plakate in die dafür vorgesehene Transportrolle zu zirkeln.

Wie beim Emil, sagt einer trocken.

Nein, sagt Köppel, ohne aufzuschauen, Emil ist lustiger.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1