Kantonale Wahlen
Trotz grüner Welle: Die Schweiz bleibt bürgerlich – für die SP gibt es trotzdem Hoffnung

Die grüne Welle in einem Kanton nach dem anderen täuscht darüber hinweg, wie stabil die politische Landschaft bleibt.

Stefan Trachsel
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Aus fast jeder kantonalen Wahl seit 2019 sind die Grünen oder die Grünliberalen als Siegerinnen hervorgegangen. Meist legten sogar beide zu. Die grüne Welle der eidgenössischen Wahlen 2019, als markant mehr Grüne und Grünliberale ins Bundeshaus zogen, hat sich in den Kantonen fortgesetzt.

Betrachtet man, auf wessen Kosten die Seriensieger in den Kantonen gewannen, dann nimmt sich die politische Veränderung viel weniger prägnant aus. Vielmehr bestätigt sich das Image der Schweiz als Hort der politischen Stabilität. Die Blöcke Links, Rechts und Mitte haben sich in den Kantonen in den vergangenen zehn Jahren nämlich kaum verändert (siehe Grafik unten).

Berechnung der Parteistärken in den kantonalen Parlamenten

Um die Wahlresultate in den Kantonen auf der nationalen Ebene zusammenzufassen, sind für jedes Jahr die jeweils aktuellsten kantonalen Parlamentswahlen herangezogen worden. Die Parteistärken in allen Kantonen (ausser AI und GR*) wurden nach der Grösse des Kantons (Einwohnerzahl) gewichtet und zu einer nationalen Parteistärke zusammengezählt.

Bezüglich Parteienfusionen (CVP und BDP zu Mitte; FDP/LPS zu FDP.Die Liberalen) sind der Resultate aller fusionierten Parteien auch in der Vergangenheit addiert worden.

*) Appenzell Innerrhoden und Graubünden können wegen ihren Wahlsystemen nicht verglichen werden mit den anderen Kantonen.

Bei allem Erfolg der Ökoparteien: Die Schweiz bleibt ein Land, das politisch deutlich rechts der Mitte steht. Das rechte Lager mit SVP und FDP vereint auf kantonaler Ebene derzeit rund 43 Prozent der Wähler auf sich. Die Linke mit SP und Grünen kommt auf rund 30 Prozent der Wähleranteile, die Mitte auf rund 23,5 Prozent.

Im Vergleich zu 2011 sind die Veränderungen gering: Die Rechte und die Mitte wiesen damals einen leicht höheren Anteil auf (46 Prozent respektive 24 Prozent), die Linke einen leicht tieferen (29 Prozent).

Umwälzung findet in den Blöcken statt

Was sich jedoch verändert hat, sind die Machtverhältnisse innerhalb der Blöcke. Und das teilweise markant. Der Aufstieg der Grünliberalen – ihre Parteistärke in den Kantonen hat sich seit 2011 fast verdoppelt –, spiegelt sich im Rückgang der Mitte aus den ehemaligen Parteien CVP und BDP.

Auf der rechten Seite zeigt sich am leichten Abwärtstrend der SVP und der FDP, dass das Lager als Ganzes Anteile verloren hat. Der Abstand zwischen SVP und FDP ist seit 2018 geringer geworden, wobei die FDP in den Kantonen traditionellerweise stärker ist als die SVP.

Auf der linken Seite hat die SP – trotz empfindlichen Niederlagen zuletzt in den grossen Kantonen Bern und Waadt – weniger stark verloren als die Grünen gewonnen haben. Das erklärt, warum das linke Lager derzeit in den Kantonen leicht grösser ist als noch vor zehn Jahren.

Abzuwarten bleibt, ob in diesem Jahr eine Trendwende eingesetzt hat. Denn in Waadt und Bern haben die Grünen mit ihren Gewinnen erstmals nicht mehr die Verluste der SP kompensiert (siehe Grafik unten).

Bei all diesen Zahlenspielereien ist jedoch Vorsicht geboten: Was in den Kantonen geschieht, wiederholt sich nicht unbedingt auf Bundesebene. Die derzeit schwächelnden Polparteien wissen beispielsweise national besser zu mobilisieren als die Mitte. Da sich innerhalb der Blöcke rasch etwas verändern kann, darf die SP trotz Niederlagen in Serie auch optimistisch in die Zukunft blicken. Hinzu kommt, dass selbst in mittelgrossen Kantonen bedeutende Wählergewinne nötig sind, um zusätzliche Sitze im Nationalrat zu ergattern.

In einem Punkt haben die Wahlen von Bern und der Waadt aber zu einem zumindest symbolischen Wandel geführt: Fasst man nämlich Grüne und Grünliberale, trotz aller Differenzen, zu einem eigenen Lager zusammen, so ist dieses «grün-grünliberale» Lager mittlerweile grösser als die Linke – zumindest in den Kantonen.

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